Mobbing Wer anders denkt, fliegt raus

Zu Mobbing-Opfern werden oft die Kreativen und Intelligenten.

Von Birgit Will

(SZ vom 10.6.2003) Für Anke Bauer ist es inzwischen ein vertrauter Albtraum. Schon auf der Handelsschule wurde die junge Frau (die im wirklichen Leben anders heißt) ausgegrenzt, von der Lehrerin im Stenografie-Unterricht systematisch übergangen und hinterher wegen angeblich mangelnder Mitarbeit schlecht beurteilt.

Ihre erste Anstellung endete bereits während der Probezeit: Eigentlich sollte sie gleichberechtigt in einem Team aus drei Frauen arbeiten. Doch eine wesentlich ältere Kollegin gab ihr gezielt falsche Informationen und beschwerte sich anschließend über die schlechte Arbeit. Und als die heute 34-Jährige endlich eine feste Anstellung erhielt und zur Feier arglos Kuchen ausgab, hörte sie hinterher prompt von neidischen Lästereien ihrer nur auf Zeit angestellten Kolleginnen: Sie habe sich nur wichtig machen wollen.

Mobbing am Arbeitsplatz kann viele Ursachen haben. Manche Menschen aber scheinen die zermürbende Boshaftigkeit ihrer Kollegen geradezu magisch an zuziehen. Aus diesem Grund forschen Psychologen schon seit längerem nach Persönlichkeitsmerkmalen, durch die ein Mensch zum Mobbing-Opfer wird.

Dabei sind die Betroffenen keineswegs nur unsicher und sensibel, wie das bisherige Untersuchungen nahe legten. In einer umfangreichen Untersuchung haben Thomas Rammsayer und Kathrin Schmiga von der Universität Göttingen jetzt herausgefunden, dass auch kreative und unkonventionelle Menschen besonders stark von Mobbing betroffen sind (1).

Merkmal: Offenheit

Die Psychologen befragten über 300 Menschen, die sie mit Hilfe von Mobbing-Selbsthilfegruppen, Betriebsräten und Sozialarbeitern gefunden hatten. Nach Kriterien, die der schwedische Mobbing-Experte Heinz Leymann aufgestellt hat, entschieden sie, wer tatsächlich ein Opfer von Mobbing ist. Dann untersuchten sie nach einem unter Psychologen anerkannten Modell fünf grundlegende Persönlichkeitsmerkmale: Neurotizismus, Offenheit für neue Erfahrungen, Extrovertiertheit, Verträglichkeit und Gewissenhaftigkeit.

Dabei wurden die Göttinger Wissenschaftler von ihren eigenen Ergebnissen überrascht. Denn nicht nur der bekannte Risikofaktor "Neurotizismus" machte angreifbar, sondern auch das Merkmal "Offenheit". Offene Menschen sind in der Regel intelligent, lieben Abwechslung, sind eher anspruchsvoll und vertreten eine eigene Meinung. Auch für den Frankfurter Mobbing-Forscher Dieter Zapf ist das Ergebnis unerwartet, aber durchaus plausibel:

Starke Persönlichkeiten würden offenbar durch ihr unkonventionelles Denken und ihr abweichlerisches Verhalten bei den Kollegen anecken. Das könne dann ebenso zur Ausgrenzung führen wie die Unterwürfigkeit "ängstlicher Hasen". Auch für Anke Bauer wurde das womöglich zum Verhängnis: "Ich habe schon mal was hinterfragt und anders gemacht als die anderen", erinnert sie sich.

Die neuen Erkenntnisse helfen zwar zu verstehen. Sie bieten den Mobbing-Opfern jedoch keine Lösung. Manchmal, sagt Thomas Rammsayer, gibt es für die Betroffenen nur einen Ausweg: den Arbeitsplatz zu wechseln.

Wirtschaftspsychologie, Bd. 2, S. 3, 2003