Süddeutsche Zeitung

Mobbing:"Ich war ein dankbares Opfer"

Persönliche Angriffe, sexuelle Belästigung, Psychoterror: Die Betriebswirtin Agneta Bone wurde systematisch gemobbt. Nach einer Therapie und einem Medizinstudium weiß sie, wie man sich wehrt, und hilft heute anderen Opfern.

Julia Bönisch

Jeden Freitagabend war Agneta Bone am Ende - nach fünf Arbeitstagen voller Erniedrigungen und Demütigungen. Am Wochenende aber konnte sie endlich Atem holen. Vielleicht mal wieder durchschlafen, normal essen, ein wenig entspannen - bis Sonntagmittag wieder die Angst vor dem Büro begann.

Die Berufsanfängerin wurde von ihrem Chef systematisch gekränkt, beleidigt und eingeschüchtert: Der Vorgesetzte rief die hochqualifizierte Betriebswirtin zum Diktat in sein Büro, quälte sie mit persönlichen Angriffen und belästigte sie sexuell. Fast ein Jahr lang musste die damals 26-Jährige das Mobbing aushalten, bis sie unter Depressionen litt und das Unternehmen verließ. "Der Begriff Mobbing kam mir damals aber gar nicht in den Sinn", sagt sie. "Anstatt an meinem Chef habe ich vielmehr an mir selbst gezweifelt. Ich habe mich verunsichern lassen."

Absolute Leere

Agneta Bone suchte die Gründe für das Mobbing bei sich selbst: "Verhalte ich mich falsch, ziehe ich mich falsch an? Wie bin ich, dass ich solche Reaktionen provoziere?" So lange, bis der Leidensdruck zu groß war und sie die absolute Leere nicht mehr ertrug. Für sie stand fest: In ihren alten Beruf möchte ich nicht mehr zurück. Drei Jahre lang besuchte sie eine Psychotherapie und begann ein zweites Studium. Heute arbeitet sie als Ärztin im Bereich der psychosomatischen Medizin und berät und therapiert andere Mobbing-Opfer.

Gemeinsam mit einer Anwältin, die in ihrer Karriere ebenfalls schon gemobbt wurde, hat Agneta Bone jetzt einen Ratgeber für Mobbing-Opfer veröffentlicht. Ihre Zielgruppe ist groß: Laut Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin sind 11,3 Prozent aller Beschäftigten in ihrem Berufsleben bereits einmal von Mobbing betroffen gewesen.

Frauen bieten größere Angriffsfläche

Nach einer Studie des Markt- und Sozialforschungsinstituts Ifak in Taunusstein weisen Mobbing-Opfer pro Jahr 10,3 Fehltage auf - drei mehr als andere Arbeitnehmer. Allein dadurch entsteht der Wirtschaft ein Schaden von 2,3 Milliarden Euro im Jahr. Hinzu kommen Kosten für Fluktuation, Leistungsabfall durch innere Kündigung, Stress und sozialer Rückzug - noch einmal mindestens 17,6 Milliarden Euro.

Therapeutin Bone macht die Erfahrung, dass in konservativen, stark hierarchisch organisierten Branchen häufiger gemobbt wird als anderswo. Unklare Zuständigkeiten, Stresssituationen wie Fusionen oder Umstrukturierungen, große Konkurrenz unter den Mitarbeitern, Neid und Frust führen dazu, dass Kollegen Psychoterror ausüben. Außerdem werden Frauen öfter attackiert. "Frauen sind nicht so abgehärtet wie Männer. Sie reagieren oft emotionaler und geben mehr von sich Preis. So bieten sie automatisch eine größere Angriffsfläche", erklärt Bone.

Auf der nächsten Seite: Wie sich Opfer wehren können, welche rechtlichen Möglichkeiten ihnen offenstehen.

Permanente Selbstzweifel

Auch in ihrem eigenen Verhalten entdeckte sie während der Therapie Verhaltensmuster, die das Mobbing begünstigt haben könnten. "Ich habe unsicher gewirkt und war deshalb ein dankbares Opfer." Sie habe nach außen mangelnde Selbstachtung signalisiert und permanente Selbstzweifel ausgestrahlt. "Ich musste mich erst mit meinen Urängsten auseinandersetzen, das eigene Verhalten reflektieren, um die Geschehnisse einordnen zu können."

Im Nachhinein weiß sie, dass sie die Situation viel zu lange geduldet hat. Bis heute geht sie einer Konfrontation mit ihrem damaligen Chef aus dem Weg. In ihren Coachings rät sie jedoch jedem Opfer dazu. "Es ist wichtig, sich und anderen einzugestehen, dass man gemobbt wird." Dabei solle man nicht jede Kritik, jede harte Auseinandersetzung mit dem Kollegen oder Chef als Angriff betrachten. Mobbing, zu Deutsch anpöbeln, liegt erst vor, wenn die Attacken systematisch und dauerhaft sind. Ist dies der Fall, raten Bone und ihre Kollegin dazu, den Mobber direkt auf sein Verhalten anzusprechen und andere relevante Stellen im Betrieb von den Vorfällen zu informieren: den Vorgesetzten des Mobbers, Betriebsrat und Personalabteilung.

Dem Gemobbten helfen Zeugenaussagen, E-Mails und Briefe

Bone empfiehlt, für solche Gespräche ein "Mobbing-Tagebuch" zu führen, in dem der Gemobbte Notizen über die Attacken führt. "Rechtlich mag solch ein Tagebuch zwar nicht relevant sein", sagt Bone. "Aber als Gedächtnisstütze in einer emotional sehr belastenden Situation, in der man unter Umständen nicht deutlich argumentieren kann, hilft es auf alle Fälle."

Neben medizinischer und therapeutischer Hilfe brauchen Mobbing-Opfer genauso Rechtsberatung, denn Mobbing ist strafbar. Die möglichen Sanktionen reichen dabei von einer Versetzung oder Kündigung des Mobbers bis hin zu einer Verurteilung zu Schadenersatz oder Schmerzensgeld. Bone rät, vor einer Klage die Situation jedoch genau zu prüfen. "Leitet ein Gemobbter rechtliche Schritte ein, wird das die Beziehung zum Vorgesetzten verhärten."

Ausschlaggebend für den Erfolg einer Klage sei die Beweisbarkeit der Vorwürfe. Dem Gemobbten helfen Zeugenaussagen, E-Mails und Briefe des Mobbers, schriftliche Anweisungen oder sogar Fotos. Bis sie aber zum Erfolg führt, kann es unter Umständen lange dauern. "Niemand sollte sich aber auf halber Strecke mit minderwertigen Angeboten zufriedengeben, nur weil ihm das Durchhalten zu anstrengend wird", so Bone. "Natürlich ist es unmöglich, einfach 'Stopp' zu sagen, und schon sind die Probleme weg. Deshalb sollte sich jeder Ablenkung suchen: Sport, Musik, Entspannung."

Sie selbst hat dies viel zu wenig getan. "Als ich den Fehler erkannt hatte, war es zu spät. Aber genau deshalb bin ich von der Patienten- auf die Therapeutenseite gewechselt: Ich kenne die Situation aus eigener Erfahrung und kann deshalb umso glaubwürdiger helfen."

Der Ratgeber von Agneta Bone und der Anwältin Johanna Rückert ist im Internet unter www.inqa.de einsehbar.

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