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Mitarbeiterkommunikation:Firmen entdecken den Flurfunk

Der Chef tratscht mit: Wie Unternehmen versuchen, auf Gerüchte Einfluss zu nehmen.

Es passiert am helllichten Tag. Am Kaffeeautomaten, im Aufzug, auf dem Weg zur Kantine. Niemand kann es verhindern. Gerüchte, Tratsch, Getuschel, das Neueste vom Neuesten. Viele Führungskräfte fürchten den Flurfunk so sehr wie miese Quartalszahlen. Ihre Angst: Da gerät hinter meinem Rücken etwas außer Kontrolle, und ich kann nichts dagegen unternehmen.

Wer so denkt, hat schon verloren. "Niemand wird den Flurfunk je zum Verstummen bringen. Daher muss man ihn sich zunutze machen", sagt Peter Funke, Vorstand der Düsseldorfer Strategieberatung SMP AG. Funke weiß, wovon er spricht, er war sieben Jahre lang beim Henkel-Konzern im Marketing und Vertrieb tätig. Er hat registriert, dass sich immer mehr Unternehmen Klatsch und Tratsch zunutze machen, um zu erfahren, was an der Basis wirklich los ist, wo es hakt und was sich verbessern lässt.

Das wird besonders wichtig, wenn Fusionen oder ein Arbeitsplatzabbau anstehen. "Dann ist ein ehrliches Feedback via Flurfunk unerlässlich", sagt Funke. Doch wie kommt man an die Informationen heran? Bei Henkel veranstaltet man Kamingespräche, bei denen das Top-Management mit Fragen von Angestellten aller Hierarchieebenen konfrontiert wird. Wesentliches daraus findet sich dann in der Mitarbeiterzeitschrift wieder. Derart am Kamin zu kanalisieren, worüber sonst möglicherweise missverständlich in der Kaffeeküche geklönt wird, ist für Funke ein guter Weg, Gerüchte abzuwehren, zu steuern und zu gewichten. Natürlich funktioniert das nur, wenn die Unternehmenslenker jeder Geheimnistuerei eine Absage erteilen.

Das hat man auch bei der Münchner Siemens AG begriffen. Lothar Pauly, Chef der krisengeschüttelten Kommunikationssparte, hat als eine seiner ersten Amtshandlungen alle Register für eine offene Kommunikation mit den Mitarbeitern gezogen: Im Intranet, in einer Mitarbeiterzeitung und in personalisierten E-Mails wird ständig informiert - mit der Aufforderung an die Belegschaft, darauf zu reagieren. So bleibt die Gerüchteküche weitgehend kalt.

Ein klassisches Negativbeispiel liefert dagegen die Agfa Photo GmbH in Leverkusen. Am Fronleichnamstag dieses Jahres verbreitete die Unternehmensleitung die Nachricht von der Insolvenz der Firma via Intranet, nachdem lähmenden Gerüchte schon lange die Runde gemacht hatten. Zusammen mit der knappen Mitteilung, dass die Juni-Gehälter nicht gezahlt werden können, erfuhren die meisten der 1800 Mitarbeiter vom endgültigen Aus erst nach ihrem Kurzurlaub oder aus den Medien.

Dabei ist das Intranet eigentlich ein wichtiges Instrument, um den Informationsfluss von unten nach oben und umgekehrt fließen zu lassen. Firmen wie IBM, SAP, die Bahn oder VW setzen auf die interne elektronische Kommunikation und andere interaktive Tools. Schließlich, so heißt es bei VW, "ist der Kollege traditionell die wichtigste Informationsquelle".

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