Mensch und Technik "Ruhig bleiben, ausmachen und wieder anmachen"

Das PC-Programm stürzt ab, das Handy klingelt, das Fax streikt: Der moderne Büro-Mensch, umgeben von technischem Wunder und Versagen, ist zum Gegenstand der Stressforschung geworden.

Wenn ihr der Computer abstürzt, steckt die Arbeitspsychologin Annette Hoppe mitten in ihrem Forschungsgebiet: Sie untersucht, wie und warum Technik den Menschen stresst. Für Nutzer erarbeitet sie Handlungsempfehlungen, wie man möglichst stressfrei mit Technik umgeht.

Untersucht, was die Technik mit dem Menschen macht: Annette Hoppe.

(Foto: Foto: TU Cottbus)

sueddeutsche.de: Technik soll das Leben erleichtern, wieso stresst sie uns so oft?

Annette Hoppe: Wir sind von Technik umgeben, die immer komplexer wird. Wir verstehen sie nicht mehr und fühlen uns abhängig. Wenn Technik versagt, geraten wird noch mehr unter Stress: Wir können uns oft nicht selber helfen. Manche verweigern sich dann richtig gegenüber technischen Neuerungen.

Gleichzeitig verspricht uns die technologische Entwicklung: "Du kannst mehr schaffen in kürzerer Zeit". Aber wir profitieren davon nur begrenzt. Der Mensch ermüdet und fühlt sich häufig überfordert.

sueddeutsche.de: Weil er zu viel gleichzeitig macht?

Hoppe: Genau. Ein gutes Beispiel ist die Freisprechanlage im Auto. Viele wollen die Fahrzeit dazu nutzen, Gespräche zu erledigen. Sie fahren also Auto, achten auf den Verkehr und darauf, wo sie hin müssen, und gleichzeitig wollen sie telefonieren. Wenn jetzt ein Funkloch kommt oder der Akku leer ist und sie auch noch an ihrer Ausfahrt vorbeifahren, ist der Stress da.

sueddeutsche.de: Und was empfehlen Sie für diesen Fall?

Hoppe: Im Auto nicht telefonieren. Oder: Der Aktive bleibt aktiv. Derjenige, der angerufen hat, ruft wieder an. Das gilt überall, auch am Schreibtisch im Büro.

sueddeutsche.de: Wie reagiert man denn am besten, wenn der PC streikt?

Hoppe: Ruhig bleiben, ausmachen und wieder anmachen. Wichtig ist auch, mit Zeitpuffern zu arbeiten. Wer am Abend sagt: "So jetzt ist alles fertig und morgen vor dem Termin drucke ich mir das aus", lebt gefährlich. Sicher geht der Drucker gerade dann nicht. Man muss technisches Versagen einkalkulieren.

sueddeutsche.de: Oft genug fühlt sich ja der Mensch als Versager, wenn mal wieder etwas nicht funktioniert.

Hoppe: Der Mensch ist nicht immer schuld, wenn etwas nicht klappt. Ihm wird die Perfektion der technischen Hilfsmittel suggeriert. Aber Technik ist nicht perfekt. Sie ist nichts anderes als die technische Abbildung von menschlichen Funktionen und Teilhandlungen.

Hinsichtlich der Bedienbarkeit muss das Ziel sein, die Technik an den Menschen anzupassen - nicht umgekehrt.

sueddeutsche.de: Aber es ist doch so, dass man als Nutzer kaum Schritt halten kann. Ständig kommen neue Programme, neue Handys ....

Hoppe: Das ist ein Problem: Wir arbeiten oft nur noch ab, was Soft- und Hardware als Handlungsrahmen vorgeben. Das hält uns davon ab, kreativ zu sein.

sueddeutsche.de: Wie kommen wir da wieder raus?

Hoppe: Die Werte müssen sich verändern. Der Mensch ist wichtig und die Technik ist ein Hilfsmittel. Die Nutzer müssen sich emanzipieren und entscheiden, was sie wollen. Ich muss mich doch fragen: "Wofür brauche ich ein Handy?" - um zu telefonieren und nicht für 1000 andere Funktionen.

sueddeutsche.de: Bei manchen Neuerungen fragt man sich schon, wofür das gut sein soll...

Hoppe: Die Frage muss sein: Ist Technik heute menschengerecht und bedienungsfreundlich? Die Bedürfnisse verschiedener Nutzergruppen müssen im Mittelpunkt der Entwicklung stehen.

Wer weiß, vielleicht gibt es einmal ein Produktsiegel "Garantiert auf Technikstress geprüft". Aber das ist eine Vision. Erst müssen wir die Ursachen von Technikstress besser erforschen und den sinnvollen Umgang mit Technik erlernen. Der Leitsatz muss lauten: "So viel wie nötig, nicht so viel wie möglich".

sueddeutsche.de: Wie gehen Sie eigentlich selbst mit Technik um?

Hoppe: Natürlich kämpfe ich auch hin und wieder mit technischen Problemen. Aber wir setzen einige Erkenntnisse an unserem Lehrstuhl um. Wir versuchen persönlich zu kommunizieren, und nicht so viel über den Computer. Wir haben Aufgaben verteilt, so dass ich manche E-Mails gleich weiterleiten kann. Und wenn wir zum Mittagessen gehen, nehmen wir kein Handy mit. Da muss man sich sehr disziplinieren, aber es lohnt sich: Die zwischenmenschliche Kommunikation wird besser.