bedeckt München 14°

Mein Kollege sagt ...:"Wer hat die dreckige Tasse in die Spüle gestellt?"

In der Büroküche zeigt sich, wie es wirklich um den Teamspirit bestellt ist - schlecht.

Nicola Holzapfel

Teller, Tassen, Gläser stapeln sich in der Spüle übereinander - randvoll mit bräunlichem Wasser. Offenbar hat jemand einen guten Schuss restlichen kalten Kaffees darübergeschüttet. "Wer hat sein dreckiges Geschirr hier abgestellt?", ruft ein Kollege nach dem anderen angewidert, sobald er/sie die zugemüllte Spüle morgens entdeckt - und macht kehrt. Wird schon einer kommen, der saubermacht.

Spülen in der Büroküche

Wer spült ab? In der Büroküche endet die Kollegialität.

(Foto: Foto: ddp)

Nur wer?

An der Schwelle zur Büroküche endet das Teamprinzip. Jenseits gibt es nur noch Kollegen, die Dreck machen, aber niemanden, der ihn wegräumt. (Das ist jetzt natürlich ungerecht. Es gibt auch Kollegen, die Dreck machen und ihn selbst wegräumen. Aber sie sind in der Minderheit und außerdem kümmern sie sich nur um ihren eigenen Dreck, nicht um den der anderen. Das ist verständlich, aber unpraktisch. Denn wer macht dann die Spüle sauber?)

Der Chef spricht ein Machtwort

Es gibt fünf Möglichkeiten, die Spülmisere in den Griff zu bekommen, leider hat jede ihre Nachteile:

1. Die Teamassistenz. Das halten alle Kollegen für absolut angemessen - außer der Teamassistentin selbst. In strikt hierarchisch geführten Abteilungen nützt ihr das nichts. Sie muss die Spülmaschine ein- und ausräumen, genauso, wie sie Kaffee machen "darf".

Der Nachteil: Wehe, die Teamassistentin ist eine richtig gute Kraft und weiß das auch. Dann ist die Küche nicht mehr lange sauber. Die Teamassistentin macht dann nämlich lieber Projekte als Dreck weg.

2. Der Spüldienst. Nicht nur Kollegen, auch Chefs mögen keine dreckigen Küchen. Es liegt ihnen auch nicht, den Dreck anderer wegzuräumen. Also lösen sie das Problem mit einem Machtwort - es wird ein Spüldienst verordnet: Jeden Tag oder jede Woche ist ein anderer Kollege dran. Das scheint gerecht.

Der Nachteil: Die Einrichtung eines Spüldienstes verführt seltsamerweise einige Kollegen dazu, für jeden Schluck eine neue Tasse und ein neues Glas zu benutzen und alles schön übereinander in die Spüle zu stellen - natürlich nur an den Tagen, an denen sie selbst nicht putzen müssen. Betroffene Spüldienste reagieren auf dieses Phänomen je nach Persönlichkeit entweder resigniert (Was soll's?) oder aggressiv (Na, warte!). Bei manchen nimmt dieses Rachegefühl solche Ausmaße an, dass sie ihre eigentliche Arbeit vernachlässigen. Stattdessen legen sie sich hinter der Büroküche auf die Lauer, um den Dreckmacher zu identifizieren. (In der Regel erfolglos.)

Praktikanten wollen hoch hinaus - nicht in die Küche

3. Die Putzfrauen. In der Vorstellung vieler Kollegen sind die Putzfrauen auch für die Küche zuständig. Schließlich ist es ihr Job, für Sauberkeit und Ordnung zu sorgen.

Wie irrig diese Annahme ist, weiß jeder Kollege, der einmal morgens eine Putzfrau in einer zugemüllten Küche getroffen hat. Die Putzfrau (gerade dabei, lustlos um schmutzige Tassen herumzuwischen) schüttelt tadelnd den Kopf, gibt achselzuckend zu verstehen, dass "die" das selber machen müssen und macht mit ihrem Lappen kehrt.

4. Die Praktikanten. Ja, wer träumt denn da? Es gibt eine alte Mär, dass Praktikanten fürs Kaffeekochen bezahlt werden. Wer daran noch glaubt, muss endlich aufwachen: Heutige Praktikanten sind überqualifiziert und übernehmen Aufgaben wie Projektleitung und das Entwerfen von Strategiepapieren. Da bleibt doch fürs Spüle aufräumen keine Zeit. (Dabei wäre diese Tätigkeit ihrer Bezahlung wenigstens angemessen. Darüber eine Diskussion mit einem Praktikanten zu führen, wäre aber ebenso sinn- wie folgenlos, die Spüle bliebe dreckig. Schließlich weiß der Praktikant, was er will: hoch hinaus und nicht in die Küche)

5. Jeder für sich selbst. Das halten alle Kollegen für richtig und einleuchtend. Der Nachteil: Es gibt immer welche, die ihren Dreck nie selber wegmachen.

© sueddeutsche.de
Zur SZ-Startseite