Mein Kollege sagt ...:"Ich würde dich glatt befördern"

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Ein Lob ist eine zwiespältige Sache: Entweder der Kollege bekommt zu wenig davon, oder er fragt sich, ob es ehrlich gemeint ist.

Julia Bönisch

Der Durchschnittskollege fühlt sich grundsätzlich unterschätzt und ungeliebt: Da schuftet er schon acht Stunden oder mehr, manchmal auch am Wochenende, reibt sich auf, ist engagiert, geradezu übermotiviert, entsetzlich fleißig - und was bekommt er dafür zurück?

Toll gemacht: Da schindet man sich jeden Tag, und viel zu selten wird das Engagement gewürdigt. (Foto: Foto: iStock)

Nichts.

Noch nicht einmal ein kleines, winziges, aufmunterndes Lob. Das ist natürlich ungemein frustrierend - so ähnlich wie in einer Beziehung (im Büro verbringen wir ja noch mehr Zeit als mit dem Partner): Der Kollege macht eine leidenschaftliche, heißblütige Liebeserklärung, und die Antwort lautet: "Hmm, ja, du bist ja auch ein Netter."

Pure Begeisterung

61 Prozent der deutschen Arbeitnehmer wünschen sich in der Tat, für ihre Arbeit im Büro mehr gelobt zu werden. Das hat die "Initiative Neue Qualität der Arbeit", kurz INQA, herausgefunden.

Tatsächlich würde die Arbeit durch mehr Lob eine neue Qualität bekommen. Man stelle sich vor: Im morgendlichen Meeting herrscht plötzlich pure Begeisterung! Statt der üblichen Beschwerdelitaneien des Chefs und den zickigen Angriffen der Konkurrentin fallen plötzlich Sätze wie: "Also nein, von dem Projekt bin ich einfach hellauf begeistert! An Kreativität ist das wirklich nicht zu toppen. Und die Umsetzung erst - der Wahnsinn!"

Aneinanderreihung triefender Superlative

Oder: "Ich habe mich so sehr über die kritische Rückmeldung aus dem Marketing gefreut. Das hat meine Arbeit unglaublich beflügelt und zu einem wesentlich besseren Ergebnis beigetragen. Ich wünsche mir mehr solcher Anmerkungen. Es ist doch immer schön, wenn Kollegen mitdenken und das dem großen Ganzen zugutekommt."

Der Arbeitstag wird zu einer einzigen Aneinanderreihung triefender Superlative. Jeder verteilt Bestnoten an jeden, alle freuen sich, haben permanent gute Laune und sind unheimlich beschwingt.

Die weniger narzisstischen Kollegen fragen sich regelmäßig, ob dieser paradiesische Zustand vielleicht deshalb nicht besteht, weil sie sich ein Lob einfach nicht verdienen. Von Selbstzweifeln geplagt wälzen sie sich nachts schlaflos im Bett, leiden unter Konzentrationsstörungen und Minderwertigkeitskomplexen. "Bin ich nicht gut genug für meinen Job? Hat diese Firma nicht Besseres verdient als mich?"

Auf der nächsten Seite: Warum diese Selbstzweifel völlig unbegründet sind.

Zuckersüße Bemerkungen

Vor allem Kollegen mit einer labilen Psyche sind anfällig für derlei Unsicherheiten. Dabei besteht gar kein Grund dazu. Vielmehr sollten sie froh sein, kein Leidtragender solch exzessiver Lobhudelei-Attacken zu werden. Dahinter könnte eine perfide Strategie stecken: das Lobbing, die listig-hinterhältige Schwester des Mobbing.

Lobbing-Opfer werden systematisch weggelobt: Wenn man den unfähigen, unbeliebten Kollegen schon nicht kündigen oder versetzen kann, befördert man ihn einfach - eine vergleichsweise elegante Art, ihn loszuwerden.

Wer sich also im nächsten Meeting mal wieder übergangen fühlt, dafür aber Zeuge wird, wie der Chef den inkompetenten Schreibtischnachbarn mit zuckersüßen Bemerkungen überschüttet, kann sich also beruhigt zurücklehnen. Dann ist der eigene Job gesichert, dann ist alles in Ordnung.

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