bedeckt München

Mein Kollege sagt ...:"Ich leide an Trypanosomiasis"

Der Hypochonder würde am liebsten im Einzelbüro sitzen. So könnte er sich nicht bei Kollegen anstecken. Doch dort hätte er gar kein Publikum für seine Horrorgeschichten - und niemanden, dem er seine wuchernde Alterswarze unter die Nase halten könnte.

Jeden Morgen verabschiedet sich der Kollege so zärtlich und intensiv von seiner Frau, als könnte es sein letzter sein. Das ist zwar die Grundlage für seine glückliche Beziehung, doch eigentlich hat dieses Verhalten einen ganz anderen Grund: Dass er das Büro jeden Abend lebend verlässt, grenzt für ihn schon an ein Wunder.

Virus, ddp

Vogelgrippevirus: Sobald am hypochondrischen Kollegen eine Taube vorbeifliegt, fürchtet er sich gleich vor einer Infektion.

(Foto: Foto: ddp)

Spaltpilz-Austausch beim Händeschütteln

Schließlich ist seine Tastatur ein hygienischer Krisenherd. Hier tummeln sich mehr Bakterien als auf der Toilette: Sporen, Staphylokokken, Mirkokokken - er kennt sie alle beim Namen. Kunden und Kollegen verweigert er prinzipiell den Handschlag. Ein Nicken zur Begrüßung hält er für vollkommen ausreichend, denn beim Hände schütteln werden mehr Spaltpilze ausgetauscht als bei einem Wangenkuss. Solch erhellende Studienergebnisse, herausgefunden von Wissenschaftlern im Auftrag der Pharmaindustrie, basierend auf der Datenbasis von drei herpeskranken Hepatitispatienten, kennt der Kollege alle auswendig.

Seine Schubladen quellen über mit Eukalyptusbonbons, Hustenpastillen und Schmerztabletten. Seine Schreibtisch-Deko besteht aus dem Nierenstein, der ihm im letzen Sommer entfernt wurde, den Kühlschrank blockiert er mit probiotischem Joghurt sowie einem undefinierbarem Notfallserum, dass seine Wirksamkeit nur bei konstant sieben Grad Celsius behält. Und in der Brieftasche trägt er für alle Fälle seinen Impfpass herum.

Publikum für seine Horrorgeschichten

Eigentlich würde er ja am liebsten im Einzelbüro sitzen, weil er dort vor den Krankheitsüberträgern namens Kollegen sicher wäre. Diskussionen über ungesunde Zugluft ("Fenster zu!"), die verbrauchte und trockene Heizungsluft ("Fenster auf!") blieben ihm erspart. Doch dort hätte er gar kein Publikum für seine Horrorgeschichten: "Es fing an mit einem leichten Kratzen im Hals. Dann wanderte es plötzlich hinunter und es fühlte sich an, als würde meine Magenschleimhaut mit brennenden Speeren durchbohrt. Und jetzt, sieh dir das an!" Und prompt hält er einem eine wuchernde Alterswarze unter die Nase. Solche Gespräche führt der Kollege übrigens am liebsten in der Kantine.

Auf der nächsten Seite: Wie Doktor Google dem Kollegen Todesangst einjagt.