Mein Kollege sagt ...:"Ich Chef - du Depp"

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Manche Kollegen haben überhaupt nichts zu sagen - spielen sich aber trotzdem so auf, als wären sie der Chef. Wie man Selbstdarsteller und Wichtigtuer in die Schranken weist. Eine Gebrauchsanweisung

Julia Bönisch

Ein Chef ist eigentlich schon einer zu viel. Am schönsten wäre es doch, wir könnten unsere Arbeit komplett eigenverantwortlich organisieren. Für all die dummen Ideen, die aus der oberen Etage kommen, furchtbar dringend umgesetzt werden müssen und dann sowieso nicht funktionieren, müsste man keine Zeit mehr opfern. Das hätte den schönen Nebeneffekt, dass die Arbeitswoche von 55 Stunden auf das Normalmaß von 40 Stunden schrumpfen würde.

Der "gefühlte Vorgesetzte: Wenn gar nichts mehr hilft, dann droht er. (Foto: Foto: iStock)

Außerdem würde die Scheidungsrate in Deutschland sinken: Laut aktueller Studienergebnisse lässt jeder vierte Berufstätige den Bürostress an seiner Familie aus. Man stelle sich all die weinenden, niedlichen Jungs und Mädchen vor, die allein wegen des fiesen Vorgesetzten ihren Papi nur noch am Wochenende sehen können. Das Argument sollte eigentlich ausreichen, um alle Angestellten fortan als sich selbsterhaltende, autarke Systeme arbeiten zu lassen.

Oh Gott, ein Klon!

Doch die Realität sieht anders aus: Wir haben oft nicht nur einen Chef, sondern auch noch Kollegen, die sich als solcher aufspielen. So ein "gefühlter Vorgesetzter" - selbstverständlich fühlt er sich nur selber so und wird von seinem Umfeld nicht als solcher anerkannt - kann uns das Leben genauso zur Hölle machen wie der echte.

Zu erkennen ist der "gefühlte Vorgesetzte" schon an seinem Äußeren: Er kleidet sich genauso wie der echte Chef. Trägt er ein dunkles Sakko, taucht am nächsten Tag auch der kleine Wichtigtuer damit auf. Steht der Chef auf Chucks zum Anzug, trägt auch der Kollege diese Kombination. Eine goldene Spielregel verletzt er jedoch niemals: Kauft der echte Boss Brioni, reicht es bei ihm höchstens für C&A - zu erkennen am aufdringlichen Geruch der billigen Polyesterjacketts.

Wenn gar nichts mehr hilft, wird eben gedroht

Abgesehen vom Äußeren nervt der "gefühlte Vorgesetzte" natürlich mit seinem Ton: Er klingt so ähnlich wie die immer gut aufgelegte Fitness-Trainerin, deren Dauergrinsen zwar nicht motiviert, die dafür aber knallhart ist, wenn man schon nach 49 Liegestützen müde wird. "Wenn du jetzt aufgibst, fängst du noch mal von vorne an und wir erhöhen dein Pensum auf hundert. Fauler Hund."

Dankbar nimmt der gefühlte Chef Aufträge vom richtigen entgegen. Nur, um die Lorbeeren einzuheimsen, die Arbeit aber dann ans Team weiterzureichen. "Du bist doch ohnehin gerade dabei. Da könntest du doch auch noch ..." Oder: "Das ist doch genau dein Spezialgebiet, du bist einfach der beste Mann für diese Aufgabe." Und wenn gar nichts mehr hilft, wird eben gedroht: "Du kannst es auch gern lassen. Aber du weißt, was das bedeutet. Dir ist doch klar, auf wen es zurückfällt, wenn wir das Projekt verbocken."

Auf der nächsten Seite: Wie gefühlte Vorgesetzte Erfolge anderer immer als die eigenen reklamieren - und was man dagegen tun kann.

Bescheidenheit ist eine Zier

Nicht jeder stellt eine Frage, weil ihn die Antwort interessiert. Manche Kollegen wollen verunsichern und Eindruck schinden. Wie es gelingt, gelassen zu bleiben. (Foto: Foto: istock)

Eine weitere Besonderheit dieser Spezies ist es, dass sie Erfolge anderer immer als die eigenen reklamieren. Mit einem geschickt eingestreuten "wir" entsteht leicht der Eindruck, er hätte am Ergebnis auch einen Anteil. "Aber nein", will man da rufen, "ich, nur ICH habe die ganze Arbeit gemacht", aber das lässt unsere gute Erziehung nicht zu. Unsere Mutter, die uns quasi allein erziehen musste, weil wir unseren Papi nur noch am Wochenende sahen, hat uns schon ganz früh beigebracht: Bescheidenheit ist eine Zier. Doch besser lebt sich's ohne ihr - diesen Nachsatz hat sich nur der gefühlte Vorgesetzte zu Eigen gemacht.

Ist man gezwungen, mit solch einem Kollegen zusammenzuarbeiten, hilft nur eines: über den eigenen Schatten springen und ihn voll und ganz als Chef akzeptieren. Natürlich muss man dazu eine gehörige Portion Widerwillen überwinden, aber das Opfer lohnt sich. Schließlich trägt ein Chef die ganze Verantwortung.

Schöner nerven geht kaum

Will der gefühlte Vorgesetzte also mal wieder Aufgaben abschieben, nimmt man sie zwar an - tut aber so unsicher, dass man sich immer wieder bei ihm rückversichert. Ganz wichtig: Auch bei der siebten, noch so dämlichen Frage sollte man darauf hinweisen, dass man ihn nur deshalb um seine Meinung bittet, weil er eben so viel zu sagen hat und um Gottes Willen nichts falsch machen will. Schöner nerven geht kaum.

Auch was das Lob einheimsen angeht, sollte man die Sache ruhig ein wenig übertreiben. Zu Beginn mag es ein wenig schmerzen, alle Komplimente sofort an den gefühlten Vorgesetzten weiterzureichen: "Aber nein, das tolle Projekt hat er verantwortet." Aber nach spätestens drei Wochen hat der echte Chef das so verinnerlicht, dass von nun an automatisch alles an den Wichtigtuer gerichtet wird - auch Kritik.

Sabotiert man jetzt ein wenig aus dem Hintergrund, sollte er ganz schnell die Nase voll vom Selbstdarstellen haben.

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