Mein Kollege sagt ... "Ich bin der Rainer"

Was tun, wenn einem der Kollege das Du anbietet, obwohl man mit dem Sie bisher ganz zufrieden war? Wie und ob man ein solches Angebot ausschlägt, ist eine Frage der Persönlichkeit.

Von Julia Bönisch

Am Wochenende ist Duz-Zeit: beim Shoppen im Sportgeschäft, im Samstags-Gedränge bei Ikea oder im Supermarkt. An der Gemüsetheke wird man ohnehin selten persönlich angesprochen. Nur ab und zu schallt es durch den Lautsprecher: "Frau Maier, kommst du mal?". Sonntags im Café kommt der Kellner mit einem "Was darf's denn sein?" ebenfalls um die Du-oder-Sie-Entscheidung herum.

Wenn man nicht das Glück hat, bei einem Unternehmen beschäftigt zu sein, wo sich grundsätzlich (fast) alle duzen, ist der Spaß am Montagmorgen vorbei. Kaum hat man die Schwelle zum Büro überschritten, beginnt das Territorium der Siezer. Wer zum Beispiel im Management einer Bank, einer Versicherung oder eines Automobilkonzerns arbeitet, muss die Kollegen jede Woche aufs Neue mit "Guten Morgen, Frau Müller, Guten Tag, Herr Meier" begrüßen.

Fast immer gibt es einen informellen Code, der mühsam gelernt werden muss: Grundsätzlich wird erst mal jeder gesiezt, später werden einige geduzt - aber wer? - und noch später nimmt einen vielleicht der Chef in die Riege derjenigen auf, die ihn mit seinem Vornamen anreden dürfen.

Die Genossen sind per Du

Selig die, denen sich solche Probleme erst gar nicht stellen. Mitarbeiter der katholischen Kirche zum Beispiel. Deren Oberhaupt hat überhaupt keinen Nachnamen mehr, seit seiner Wahl heißt er einfach nur noch Benedikt. Oder Holländer: Die duzen prinzipiell, auch den CEO. Kuschelig ist auch die SPD, Genossen sind ebenfalls per Du.

Im deutschen Geschäftsleben allerdings gilt vielerorts immer noch das Sie. Um zum Du zu gelangen, gilt es ein paar Regeln zu beachten. Der Ranghöhere muss es dem Rangniederen anbieten, und wenn man angeduzt wird, darf man zurück duzen.

Doch was ist, wenn der ungeliebte Kollege von nebenan bei der Betriebsfeier plötzlich das Du anbietet? "Hallo, ich bin der Rainer." Darf man ein solches Angebot ausschlagen, und wenn ja, wie? "Vielen Dank, aber 'Herr Huber' gefällt mir auch ganz gut", oder "Alles klar, Rainer, aber ich wäre gern weiterhin Herr Schmidt".

In der Ratgeberliteratur zum freundlichen Umgang mit Kollegen kommen solche Sätze nicht unbedingt vor. Wenn man ein Du schon ablehnen will, dann muss man es den zahlreichen Autoren zufolge schon so elegant und verschraubt tun, dass es dem Gegenüber die Sprache verschlägt.

"Herzlichen Dank. Es ist eine Ehre, dass Sie unser Verhältnis als so vertrauenswürdig einstufen. Ich bin allerdings ein Mensch, der im Geschäftlichen generell lieber beim Sie bleibt. Ich hoffe, diese Marotte von mir ändert nichts an unserem freundschaftlichen Verhältnis", wäre etwa eine Möglichkeit. Nur: Wer hat schon solch einen Satz spontan parat? Ausschließlich Autoren von Büro-Ratgeberliteratur vermutlich.

Beliebte Mischvariante: Vorname kombiniert mit Sie

Der konfliktscheue Typ dagegen wird das Angebot dankend und mit einem schiefen Lächeln annehmen. Im weiteren Verlauf der Geschäftsbeziehung führt das allerdings zu den interessantesten sprachlichen Verrenkungen. "Kann ich mal bitte den Ordner haben?", statt "Rainer, gibst du mir mal bitte den Ordner?". Im Zweifel fühlt sich bei solchen Äußerungen niemand angesprochen, so dass man ewig auf den Ordner wartet.

Beliebt ist auch die Mischvariante - der Vorname kombiniert mit Sie: "Rainer, könnten Sie bitte ..." Das klingt allerdings furchtbar altmodisch: So sprach der Herr zum Knecht. Für manche Büros trifft es die Situation zwischen Chef und Mitarbeiter zwar ziemlich genau, doch zeitgemäß ist anders.

Oder man akzeptiert das Du, siezt aber in Zukunft so oft "aus Versehen", dass Rainer es irgendwann versteht. Nach dem 35. Mal wird er es hoffentlich kapieren.