Süddeutsche Zeitung

Mein Kollege sagt ...:"Heute nicht, lieber morgen"

Die fieseste aller Kollegen-Krankheiten ist die Prokrastination, auch bekannt unter dem Namen "Mañana-Prinzip": Wieso heute arbeiten, wenn morgen auch noch Zeit dafür ist?

Schon mal was von Prokrastination gehört? Falls nicht, liegt der entsprechende Artikel dazu vielleicht im Stapel auf Ihrem Schreibtisch, den Sie schon lange einmal durcharbeiten wollten. Das hatten Sie sich ja längst einmal vorgenommen, aber Sie kommen einfach nicht dazu. Schon klar.

Prokrastination ist das chronische Aufschieben, auch bekannt unter den Namen "Mañana-Prinzip" und "Last-Minute-Syndrom". Das Wort stammt aus dem Lateinischen, pro bedeutet "für", cras heißt "morgen". Glaubt man Experten, handelt es sich dabei nicht um eine harmlose Marotte. Nein, Prokrastination ist eine ernsthafte Krankheit, die zu immensen sozialen und ökonomischen Schäden führt.

Feind des kreativen Denkens

Der Psychologe Joseph Ferrari aus Chicago schätzt, dass etwa 20 Prozent aller Angestellten unter Prokrastination leiden. Die Chance, von Kollegen umgeben zu sein, die alles lieber auf morgen verschieben, ist also beträchtlich. Diese Prokrastinierer sind leicht identifizierbar. Ihr Lebens- und Arbeitsmotto lautet: "Tolle Idee, das mach ich. Aber heute nicht, lieber morgen. Oder nächste Woche."

Auf den inneren Schweinehund der Aufschieber kann das Team jederzeit zählen. Insofern sind sie zwar nervig, aber äußerst zuverlässig. Sie haben das Nichterledigen zu einer eigenen Kunstform mit allerlei Vermeidungsstrategien und kreativen Ausreden erhoben: "Wenn ich lange genug warte, erledigen sich manche Aufgaben ganz von allein - oder der Kollege übernimmt sie."

Perfektion ist pfui

Oder: "Gut, dass ich so lang mit der Entscheidung gewartet habe. Jetzt, wo wir wissen, dass unser Geschäftspartner korrupt und pleite ist, haben wir ja einen viel besseren Überblick über die Situation." Wahre Könner unter den Ausreden-Erfindern begründen ihre Macke sogar mit einer Rechtfertigung pseudo-intellektuellen Anstrichs: "Die Fokussierung ist der Feind des kreativen Denkens, wahre Schönheit liegt in der Imperfektion."

An diese Sätze schließen sie eine total globale Gesellschaftskritik an, die sich kurz gefasst unter das Motto "Perfektion ist pfui" stellen lässt: Der Vollkommenheitszwang unserer Gesellschaft treibe doch solch absurde Blüten, dass es uns allen nur noch um die Selbstoptimierung ginge. Schönheits-OPs, Fitness-Wahn, perfekter Lebenslauf mit Praktika, Auslandsaufenthalten und drei Jahren Arbeitserfahrung im Alter von 24 Jahren. Diese Entwicklung schlage sich auch auf dem Markt für Ratgeberliteratur nieder, ein Blick ins Bücherregal beweise es. Neben der Anleitung zur perfekten Selbstdarstellung und "How to optimize your child" steht gleich das Werk "Perfekt schwul. Für Anfänger und Fortgeschrittene".

Auf der nächsten Seite: Wieso der Prokrastinierer das Aufschieben mit einer anderen Schrulle - der Lamentitis - kombiniert.

"Heute nicht, lieber morgen"

Migräne, Tinnitus, Hörsturz

Dabei mache dieser Perfektionsdruck doch nur krank! Wer sich ständig unter Druck setze, produziere nicht bessere Leistungen, im Gegenteil. Dann führt uns der prokrastinierende Kollege die furchtbaren gesundheitlichen Folgen vor Augen: Migräne, Tinnitus, Hörsturz, Magengeschwüre, Burn-out. Und das alles nur, weil der Perfektionist mit sich selbst nicht im Reinen sei!

Wer sich derlei Tiraden einmal angehört hat, beschließt beim nächsten Projekt gleich, die Arbeit lieber allein zu machen, anstatt darauf zu warten, dass der Aufschieber endlich in die Gänge kommt.

Wer klagt, erntet Mitgefühl

Sich beim Vorgesetzten darüber zu beklagen, dass sich im Team ständig einer drückt, ist meist auch vergebens. Denn der Prokrastinierer kombiniert das Aufschieben mit einer anderen Schrulle: der Lamentitis. Da er lieber kleine, unwichtige Dinge (Ablage machen, E-Mails ordnen, Adressbuch pflegen) erledigt als große, wichtige, ist er ständig beschäftigt - und teilt das jedem mit. Und wer über zu viel Arbeit klagt, erntet meistens Mitgefühl.

Aber bei diesen Kollegen ist es vielleicht sogar besser für das Unternehmen, dass sie nichts tun.

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