Süddeutsche Zeitung

Mein Kollege sagt ...:"Hast du schon gehört?"

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Affären, Kündigungen, Fehden in der Chefetage: Das alles erfährt man durch den Flurfunk. Am Arbeitsplatz gilt: Hier bin ich Mensch, hier darf ich lästern.

Julia Bönisch

Er ist einer der erfolgreichsten Sender überhaupt, jeder hört zu, leiht ihm sein Ohr, kann nicht genug vom Programm bekommen. Er eilt von Quotenhoch zu Quotenhoch, denn bei seinen Inhalten - Sex und Crime, manchmal auch Geld - ist für jeden was dabei: der Flurfunk. Seine Chartbreaker sind:

Das Liebeslied: Refrain: "Die Meier schläft mit dem Chef", oder "Der Müller hat was mit der aus dem Vertrieb". In leicht abgewandelter Form, wenn auch weniger romantisch und noch eine Spur gemeiner, setzt sich das Liebeslied mit älteren, einsamen oder unter dem Pantoffel stehenden Abteilungsleitern auseinander, die mit Vorliebe blonde Praktikantinnen einstellen.

Der Gangster-Rap: Refrain: "Der Müller versteigert Büromaterial bei Ebay", oder "Wie kann sich die Meier all diese teuren Klamotten leisten? Die verwaltet doch die Kasse, da kann was nicht stimmen". Unterschlagung, Diebstahl oder Betrug sind die ewigen Themen, mit denen die Kollegen gedisst werden.

Der Blues: Refrain: "Mir geht's so schlecht, ich werde verkannt. Dabei können Meier und Müller viel weniger als ich und sehen auch noch hässlich aus." Das bestimmende Thema des Blues ist Selbstmitleid - und Neid. Wenn der Kollege selbst schon keinen Erfolg hat, darf ihn auch niemand anders haben.

Der Death-Metal-Schocker: Refrain: "Habt ihr schon gehört? Der Laden wird verkauft, dann werden 200 Arbeitsplätze gestrichen und wir stehen alle auf der Straße." Ist im Unternehmen sonst nichts los - dieses Lied sorgt garantiert für Stimmung. Zeitlos, fast ein Evergreen, spielt es der Flurfunk fast so häufig wie das Liebeslied.

Im Büro sprechen die Kollegen häufiger über Tratsch, Klatsch und Gerüchte als über das Projekt, das in der nächsten Woche sein muss. Am Arbeitsplatz gilt: Hier bin ich Mensch, hier darf ich lästern, da kann ich mal richtig die Sau rauslassen.

Ganze 65 Stunden pro Jahr verbringt der Mensch damit, Büro-Klatsch zu verbreiten, so eine Studie der Software-Firma Equisys. Die Mundpropaganda ist der schnellste und billigste Weg, Nachrichten zu verbreiten. Und geben wir es zu: Wir alle hören hin. Die Wissenschaft behauptet, dies liege daran, dass Klatsch und Tratsch soziale Funktionen erfüllen. Durch das Bürogeschwätz bauen wir am Arbeitsplatz Stress ab, Lästern stärkt das Zusammengehörigkeitsgefühl des Teams und vermittelt die Werte der Firma.

Auf der nächsten Seite: Welcher Krisenkommunikation sich der Hauptdarsteller eines solchen Flurfunk-Songs bedienen sollte.

Gefährliche Dementis

Doch wehe, der Urheber eines Gerüchtes kann vom Rest der Kollegen identifiziert werden! Obwohl alle die brandheiße Exklusiv-Neuigkeit fleißig dem Zimmernachbarn erzählt haben - selbstverständlich unter dem Siegel der Verschwiegenheit - ist derjenige, der es in die Welt gesetzt hat, dann nur noch so beliebt wie Oskar Lafontaine in der SPD. Typisch: Alle lieben den Verrat, aber keiner den Verräter.

Als Hauptdarsteller eines solchen Flurfunk-Songs sollte man sich schneller Krisenkommunikation bedienen. Lässt man einen Kollegen als Sprecher fungieren, alles dementieren ("Die Meier hat noch nie was mit dem Chef gehabt!", "Der Müller verkauft doch nichts bei Ebay!"), erfährt spätestens durch diese Widerrufe auch noch der Letzte von dem Gerücht.

Besser, man stellt sich gleich als Interviewpartner für Radio Flur zur Verfügung: "Was, ich soll geklaut haben? Und 'ne Affäre mit dem Chef? Na klar, und ihr wisst gar nicht, wie viel Spaß ich dabei hatte! Solltet ihr auch mal machen, dann ist man nämlich so ausgelastet, dass man gar keine Zeit mehr zum Tratschen hat."

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