Süddeutsche Zeitung

Mein Kollege sagt ...:"Den Chef setz ich auf CC"

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Im Büro streitet sich der Kollege wie im Sandkasten ums Schippchen. Per E-Mail wird er leicht zur Petze - und ruft den Chef zu Hilfe.

Julia Bönisch

Es ist wie früher, als wir noch mit Michael, Thomas und Anne-Kathrin spielten und die Tante Sabine die Oberaufsicht führte. Eine Zeit lang geht alles gut, jeder baut sich friedlich seine Sandburg und tüftelt vor sich hin. Nach einer Viertelstunde aber stellt der Micha fest, dass die Burg vom Thomas höhere Türmchen hat und das Förmchen von der Anne-Kathrin eine hübschere Farbe hat.

Dann bewerfen sich die Bälger mit dem Schippchen und beschimpfen sich, bis einer heult. Wenn die Tante Sabine kommt und schlichten will, jault der erste: "Die Anne-Kathrin hat gesagt, ich bin doof." Und weil das längst noch nicht reicht, um die Anne-Kathrin so richtig in die Pfanne zu hauen, wird noch mal nachgelegt: "Und dass du doof bist, hat sie auch gesagt!" Das sitzt.

Keine sachliche Ebene

Dass Erwachsenwerden bedeutet, sich abseits vom Schippchen-Werfen eine ordentliche Diskussionskultur zuzulegen, ist ein Trugschluss. Wer glaubt, studierte Menschen begäben sich im Streit auf eine sachliche Ebene und tauschten gute Argumente aus, liegt völlig falsch. Wie oft hört man schon Gespräche wie dieses: "Danke für diese Idee, aber ich denke, mit dem Ansatz vom Kollegen Müller kommen wir weiter." "Gern geschehen. Ich werde nicht beleidigt sein, dass Sie den Kollegen Müller vorziehen. Wir arbeiten doch alle für das große Ganze."

Nie gehört? Kein Wunder. Viel öfter treffen in Besprechungen Narzissten auf Egomanen, die sich gegenseitig von ihrer Unwiderstehlichkeit überzeugen wollen - so lange, bis es kracht. Nur mit Sand schmeißt keiner mehr, den hat man im Büro nicht so schnell zur Hand. Stattdessen gehen die Kontrahenten mit Argumenten aufeinander los, die oft genauso plump sind wie ein Schlag mit der Schippe. Oder hat jemals ein Satz wie "Wenn Sie die Projektleitung übertragen bekommen, wird Inkompetenz institutionalisiert" dazu geführt, dass sich Missstimmung unter Kollegen in Wohlgefallen aufgelöst hätte?

Da solche Streitereien gern zu ordentlichen Fehden heranwachsen, wird nicht nur im persönlichen Aufeinandertreffen gestritten. Sogar die Vielzahl unnötiger Meetings reicht einfach nicht aus, um dem Anderen all das Ekelhafte an den Kopf zu schleudern, dass einem zu ihm einfällt.

Wie gut, dass es die E-Mail gibt.

Auf der nächsten Seite: "Re: Erschreckendes Armutszeugnis" - wenn der Chef Beschimpfungen im Postfach hat, handelt es sich um perfektes Denunziantentum.

Perfektioniertes Denunziantentum

Noch schöner streitet es sich nämlich schriftlich: Erstens haben die Widersacher mehr Zeit zu überlegen, wie sie eine Unverschämtheit formvollendet verpacken können. Zweitens fallen ihnen von Angesicht zu Angesicht nicht immer die adäquaten Beschimpfungen ein, allein vor dem Computer aber kennt ihre Kreativität kaum Grenzen. Drittens bietet nur die Mail die Möglichkeit zur höchsten Eskalationsstufe, dem perfektionierten Denunziantentum: Der Vorgesetzte lässt sich auf CC setzen. So bekommt plötzlich auch er Wind davon, welcher Umgangston sich hinter seinem Rücken eingeschlichen hat. "Re: Erschreckendes Armutszeugnis".

Wer auf diese Art und Weise petzt, ruft wie früher die Tante Sabine zur Hilfe und beweist, dass er sich dem Konflikt nicht mehr gewachsen fühlt: Nur der Chef besitzt die Autorität, den Missstand zu beheben. Der muss aber gar nicht reagieren. Schon sein Name in der CC-Zeile reicht normaler Weise aus, um den auf diese Weise an den Pranger Gestellten einzuschüchtern. Diese Vorgesetzten-Kopie diszipliniert so ungemein, dass sofort Ruhe herrscht. In den meisten Firmen bekommen die Chefs aber so viele davon, dass sie sie einfach ignorieren.

Eigentlich hätte der Kollege also gar nichts zu fürchten: Die CC-Funktion ist genauso effektiv wie eine Schippe Sand.

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