Mein Arbeitstag Vom Sinn der dunklen Seite

Die Psychiaterin Margot Albus lernt Menschen kennen, wenn es ihnen ganz schlecht geht. Stabilisieren sie sich, ist das schönste Ziel erreicht.

Von Aufgezeichnet von Gunthild Kupitz

(SZ vom 22./23.2.2003) Margot Albus studierte Medizin und Psychologie in München und promovierte in beiden Fächern. 1979 arbeitete sie als Stipendiatin am Münchner Max-Planck-Institut für Psychiatrie und ging später mit einem DFG-Stipendium an das National Institutes of Health nach Maryland (USA). Sie habilitierte sich 1989 und wurde Direktorin der Akutpsychiatrie am Bezirkskrankenhaus in Haar bei München. Dort ist sie seit 1993 Chefärztin der Allgemeinpsychiatrie Nord. Bis Ende des Jahres verbringt sie ein Arbeits-Sabbatical in London, ist jedoch meistens einen Tag in der Woche in Haar.

"Schizophrenien und vor allem Manien sind eben nicht nur negativ, sondern haben auch etwas sehr Kreatives, geradezu Geniales", sagt Margot Albus.

(Foto: SZ)

Mit 50 noch neue Projekte angehen

"Ich arbeite seit 23 Jahren in der Psychiatrie und das immer noch sehr, sehr gerne. Doch als mein 50. Geburtstag anstand, fragte ich mich: Soll es von hier aus direkt in die Rente gehen? Oder will ich noch etwas anderes machen? Ich habe mich dann entschieden, für drei Jahre an einem Projekt über Rehabilitationsmedizin in London mitzuarbeiten.

Dort beschäftige ich mich nun mit Schädel-Hirn-Traumata, was ich hoch interessant finde. Die Konzentrationsstörungen, die nach einem Unfall auftreten, ähneln den Denkstörungen von Schizophrenen - und die sind ja mein Forschungsschwerpunkt.

Wechsel zwischen Forschung und Praxis

Jetzt arbeite ich im Schnitt vier Tage in der Woche in London und einen Tag hier im Bezirkskrankenhaus. Ich will ja auf dem Laufenden sein, wenn ich zurückkehre. Außerdem habe ich noch einige Patienten in Haar.

Heute morgen kam ich um halb zehn in die Klinik, etwas verspätet wie immer. Am Vormittag hatte ich zwei Ambulanz-Termine von jeweils einer halben bis dreiviertel Stunde: Der eine Patient ist 41 und war vor gut vier Jahren mit Depressionen auf meiner Station; der andere ist 63 und manisch-depressiv, aber sein Zustand ist mittlerweile seit sechs Jahren stabil.

Das schönste Ziel

Wie die meisten meiner Patienten sehe ich sie alle zwei, drei Wochen, um über alles zu sprechen, was an Problemen gerade anliegt. Angefangen von irgendwelchen Strafzetteln, die sie bekommen haben, bis zu neuerlichen Symptomen.

Dass Menschen, die man kennen gelernt hat, als es ihnen ganz schlecht ging, sich mit den Jahren stabilisieren - das zu erleben, das ist das Schöne und ungeheuer Befriedigende an diesem Beruf.

Faszinierende Assoziationen

Psychologie hat mich schon als Jugendliche interessiert, und seit dem ersten Semester war klar: Ich mach' Psychiatrie. Ich hatte bei einer Fallvorstellung einen Schizophrenen erlebt, der erzählte, er sei eines Morgens aufgewacht und eines der Schildkröten-Eier, die zum Ausbrüten auf der Heizung lagen, war geplatzt - was für ihn bedeutete, dass er mit seiner Schwester Inzest gehabt hatte. Seine Assoziationen fand ich unglaublich faszinierend. Schizophrenien und vor allem Manien sind eben nicht nur negativ, sondern haben auch etwas sehr Kreatives, geradezu Geniales. Wie zum Beispiel bei dem manisch-depressiven Maler Dalí.

Fähigkeiten eines Psychiaters

Um ein guter Psychiater zu sein, muss man eine Sensibilität für die dunkle, für die verrückte Seite haben. Und man muss den Patienten ernst nehmen. Sein Wahn ist für ihn ja real. Aber das Allerwichtigste ist die Chemie zwischen beiden. Nur wenn die stimmt und der Patient das Gefühl hat, der Psychiater interessiert sich wirklich für ihn, kann er Vertrauen entwickeln und Therapie-Vorschläge annehmen.

Nicht immer gibt es eine Heilung

Weil wir hier in Haar nicht nur Patienten versorgen, sondern auch Grundlagenforschung betreiben, stand heute Mittag eine lange Besprechung mit meinen Mitarbeitern über unsere laufenden Projekte an. Trotz aller Medikamente und Bemühungen nimmt die Krankheit bei einem Drittel der Patienten einen verheerenden Verlauf: Sie können nicht mehr arbeiten und keine stabilen Beziehungen mehr aufbauen; es ist eine Art autistisches In-sich-Versinken.

Es gibt völlig unterschiedliche Arten von Schizophrenien. Manche hören Stimmen oder fühlen sich verfolgt, andere sind wie erstarrt in ihren Bewegungen. Es wird vermutet, dass etwa die Hälfte der Erkrankten erblich vorbelastet ist. Heute haben wir uns nun entschieden, zu untersuchen, ob Ausmaß und Art der Denkstörungen möglicherweise die Gemeinsamkeit der verschiedenen Psychosen ist, und außerdem, ob dabei ein genetischer Zusammenhang besteht.

Um 15 Uhr habe ich mich dann mit den Oberärzten getroffen und die Schwerpunkte unserer Arbeit für dieses Jahr besprochen. Und so wie es aussieht, werden wir versuchen, mit einer Institution in der Nähe von Straubing zusammen zu arbeiten, die psychisch Kranke sehr erfolgreich in Berufe vermittelt.

Ohne Abstand geht es nicht

Für Psychiater besteht immer - wie auch für andere Ärzte - die Gefahr, dass sie sich unentbehrlich vorkommen. Man braucht Abstand, sonst frisst einen die Arbeit auf. Mir gelingt das relativ gut. Allein schon durch die räumliche Distanz. Wenn ich mich ins Auto setze, denke ich noch ein bisschen über den Tag nach und höre die Nachrichten im Radio. Wenn ich dann zu Hause bin, ist die Arbeit weg. Dann beginnt mein Privatleben. Heute Abend werde ich allerdings noch mit einer Kollegin etwas trinken gehen. Aber über Berufliches werden wir da nicht sprechen, sondern wahrscheinlich vor allem über unsere Söhne.