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Medizintourismus:Klinik de luxe

Krankenhäuser und Labore konkurrieren um vermögende Patienten aus dem Ausland. Die verlangen einen besonderen Service. Das bietet Jobchancen - auch für Migranten und Führungskräfte aus der Hotellerie.

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Mehr als die Hälfte der Medizintouristen kommt aus der EU, danach folgen die Länder der ehemaligen Sowjetunion und die Golf-Staaten.

(Foto: Getty Images)

Der beschauliche 3200-Seelen-Ort Vogtareuth in Oberbayern ist nicht gerade für seine zahlreichen Sehenswürdigkeiten bekannt. Dennoch sieht man hier immer wieder arabische Familien die Straßen entlangschlendern. Ihr touristisches Interesse gilt nicht etwa der schönen Landschaft, dem nahen Chiemsee und den Bergen, sondern dem ortsansässigen Krankenhaus. Es sind Medizintouristen, die sich von der Behandlung in Deutschland die Linderung oder Heilung ihrer Beschwerden erhoffen.

Dass deutsche Kliniken bei ausländischen Patienten sehr beliebt sind, wundert Jens Juszczak nicht. Der Leiter des Forschungsbereichs Medizintourismus an der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg sagt: "Wir haben Top-Ärzte, die weltweit höchste Krankenhausdichte, sind vergleichsweise preiswert und erstklassig ausgestattet - alleine in Bayern gibt es mehr MRT-Geräte als in ganz Italien."

Knapp 100 000 Ausländer lassen sich nach seinen Angaben jährlich stationär, etwa 150 000 ambulant in Deutschland behandeln. "Darunter fällt auch der Australier, der es beim Oktoberfest übertreibt, vom Tisch fliegt und sich etwas bricht", erklärt Juszczak. Er schätzt, dass etwa 40 Prozent der ausländischen Patienten ihre Behandlung planen und damit als Medizintouristen gelten. Von diesen Medizintouristen kommen mit 65 Prozent die meisten Patienten aus der Europäischen Union, danach folgen die Staaten der ehemaligen Sowjetunion und die Golfstaaten. Ungefähr 1,2 Milliarden Euro spülen die Ausländer in die Kassen deutscher Gesundheitseinrichtungen, konservativ geschätzt.

Bewerber mit Kenntnissen des Arabischen und Russischen haben beste Chancen

"Eigentlich darf die Rechnung eines Mitglieds der saudi-arabischen Königsfamilie, der sich hier eine neue Hüfte machen lässt, nicht höher sein als die eines vergleichbaren deutschen Privatpatienten", sagt Juszczak. Doch zum einen hielten sich viele Kliniken nicht daran, zum anderen müssen sie die Behandlung ausländischer Patienten nicht wie üblich mit den Krankenkassen abrechnen, sondern können außerhalb des limitierten Budgets frei über die Einnahmen verfügen. Kein Wunder also, dass Kliniken um Medizintouristen konkurrieren: mit landestypischen Speiseplänen, Gebetsräumen oder Komfortstationen, die an Fünf-Sterne-Hotels erinnern.

Es ist ein Markt, der vor allem für Menschen mit Migrationshintergrund Jobchancen bietet. Denn die Kultur des Patienten zu kennen und dieselbe Sprache zu sprechen, ist ein unschätzbarer Vorteil. "Das ist gleich eine ganz andere Vertrauensbasis", sagt Alexander Straka, Leiter des International Patient Office am Klinikum der Ludwig-Maximilians-Universität München.

Immer mehr Kliniken haben solche Abteilungen, die sich ausschließlich um die Anliegen ausländischer Patienten kümmern. Laut Straka kommen etwa fünf Prozent der Patienten an der Münchner Universitätsklinik aus dem Ausland. Wiederum 70 Prozent von ihnen sind Medizintouristen, die extra für die Behandlung nach München reisen - jeweils 35 Prozent aus arabischen Ländern und den sowjetischen Nachfolgestaaten.

Um sie kümmern sich eine russischsprachige Mitarbeiterin und ein arabisch sprechender Patientenmanager, der früher Chefdolmetscher bei den Vereinten Arabischen Emiraten war. Außerdem sprechen Strakas Mitarbeiter Englisch, Französisch, Bosnisch, Serbokroatisch - und Österreichisch, wie er scherzhaft anfügt. Sie bearbeiten Anfragen aus dem Ausland, sichten medizinische Unterlagen, entscheiden zusammen mit einem Arzt, ob eine Behandlung in der Uniklinik möglich ist, erstellen einen Heil- und Kostenplan, arbeiten mit Botschaften zusammen, nehmen die Patienten auf und überwachen die Kosten.

"Stündlich bekomme ich Anfragen von Kliniken, die wissen wollen, wo sie qualifizierte Mitarbeiter herkriegen", sagt Betriebswirt Juszczak, der die Mitarbeiter der Auslandsabteilungen als "eierlegende Wollmilchsäue" bezeichnet. Neben dem nötigen kulturellen und sprachlichen Hintergrund müssten sie medizinische Kenntnisse haben, sich mit Abrechnungen und Rechtsfragen auskennen und im Umgang mit Patienten noch dazu die zuvorkommende, professionelle Ader aus dem Hotelbereich haben.

Fachkräftemangel in der Krankenpflege

In den Krankenhäusern herrscht Personalnot. Bei den Arbeitsagenturen melden sich immer weniger Jobsuchende auf ein Stellenangebot. Im Jahr 2010 kamen 82 arbeitslose Fachkräfte auf 100 gemeldete offene Stellen für Gesundheits- und Krankenpfleger. Mitte des vergangenen Jahres waren es nur noch 39. Nach Einschätzung der Gewerkschaft Verdi fehlen in deutschen Kliniken insgesamt 80 000 Pflegekräfte. Dabei ist die Zahl der Pfleger und Pflegerinnen zwischen 1991 und 2017 nicht - wie oft vermutet - gesunken, sondern um zwölf Prozent gestiegen. Weil aber immer mehr von ihnen Teilzeit arbeiten, reduziert sich das Plus umgerechnet in Vollzeitkräfte auf 0,7 Prozent, ergaben Berechnungen des Instituts der Deutschen Wirtschaft Köln. Da gleichzeitig die Zahl der Patienten gestiegen ist, kommen heute auf 1000 Fälle nur knapp 17 Vollzeitkräfte - fast ein Viertel weniger als 1991. Dies wird wiederum dadurch relativiert, dass die durchschnittliche Verweildauer der Patienten sinkt. sz

Da eierlegende Wollmilchsäue rar sind, wird um sie gekämpft. So wurde Anfang des Jahres fast die komplette Führungsriege einer der Top-Kliniken für Auslandspatienten von einer privaten Krankenhausgruppe übernommen. "Bislang zählte Vivantes International zu den Top-Kliniken, was das Thema Auslandspatienten angeht", sagt Juszczak. "Nahezu deren gesamte Leitung ist Anfang des Jahres von Sana abgeworben worden, die verstärkt in den Markt einsteigen wollen."

Kopfpauschalen für Vermittler sind verboten, Kliniken dürfen keine Provision kassieren

Alexander Straka arbeitet seit 20 Jahren im International Patient Office der Münchner Universitätsklinik - früher als "Ein-Mann-Show", heute hat er acht Mitarbeiter. "Es ist ein spannender, abwechslungsreicher Job, ich habe viel mit Leuten zu tun und viele Kontakte", sagt er, Kontakte auch mal zu Flughafen und Bundespolizei, wenn es Probleme bei der Einreise gibt und er bestätigen muss, dass es sich bei dem Einreisenden wirklich um einen Patienten handelt. "Manchmal dient der Medizintourismus zum Visum-Erschleichen, deshalb gibt es bei uns das fürs Visum nötige Einladungsschreiben nur gegen Vorabüberweisung der Behandlungskosten", erklärt Straka.

Die für seinen Job wichtigste Eigenschaft ist für ihn Empathie: "Man muss Verständnis für andere Kulturen zeigen." Zum Beispiel für die Besuchsmentalität der Araber, die gerne zehn Angehörige auf einmal ins Krankenhauszimmer mitnähmen, oder die manchmal laute Art der Russen - die dafür kaum Nachfragen an die Ärzte hätten, während die meisten Araber alles ganz genau wissen möchten.

Während das International Patient Office der Münchner Uniklinik nur in Ausnahmefällen bei Visa-Angelegenheiten behilflich ist und sich die Patienten selbst um Dolmetscher kümmern müssen, übernehmen Auslandsbüros anderer Kliniken zum Beispiel auch die Suche nach Hotels oder einer Mietwohnung für Angehörige.

Auf dem Markt tummelt sich außerdem eine große Anzahl von Dienstleistern, die Medizintouristen ein Rundum-sorglos-Paket bieten. So umfasst etwa der VIP-Service der Firma Europe Health neben Dolmetschern, Limousinen- oder Yacht-Charter-Services auch Bodyguards und "24-Stunden-Assistenten, die Sie nicht nur begleiten, sondern kompetent zu den besten Plätzen führen", wie es auf der deren Internetseite heißt.

Diese Art der Patientenbetreuung ist legal. Verboten ist allerdings, ausländische Patienten an Kliniken zu vermitteln und dafür von den Krankenhäusern Provisionen zu kassieren - ebenso ein Geschäftsmodell von Europe Health. Deshalb steckt das Unternehmen mit drin im Skandal um das Klinikum Stuttgart, der sich um die Zahlung verbotener Kopfpauschalen und falsche Abrechnungen dreht. Wegen diesem und anderer Skandale sind die Auslandspatienten vorsichtiger geworden.

"Russen und Araber vergleichen in sozialen Netzwerken Kostenvoranschläge und Abrechnungen", sagt Medizintourismus-Experte Juszczak. Die Zahl der Patienten aus den Golfstaaten sei von 2016 auf 2017 um fast 30 Prozent eingebrochen - nicht nur wegen überhöhter Rechnungen, sondern auch wegen der weltpolitischen Lage. "Es wird zum Beispiel genau beobachtet, welche Position Deutschland in Bezug auf Katar und den Jemen-Krieg einnimmt."

Mit den Auswirkungen ausbleibender Auslandspatienten haben laut Juszczak nicht nur Kliniken zu kämpfen: "Wenn in Bad Godesberg weniger ausländische Patienten kommen, merkt das der kleine Juwelier ganz schnell an seinen Umsätzen."

Hotels, Restaurants, Immobilienmakler, Physiotherapeuten, auf internationale Kunden spezialisierte Apotheken - sie alle profitieren von den Medizintouristen: "Sie kaufen bei uns Medikamente, Hörgeräte und Brillen, lassen ihre Autos tunen, ihre Flugzeuge warten oder zahlen Shoppingbegleitern 200 Euro in der Stunde", sagt Juszczak. Es ist ein ebenso lukrativer wie volatiler Markt, der in Deutschland allerdings bei Weitem noch nicht ausgeschöpft sei. Juszczak blickt optimistisch in die Zukunft: "Wenn deutsche Versicherungskonzerne nach China gehen mit Policen mit Auslandsbehandlungsoption, wäre das ein ganz anderer Wachstumsschub, der da kommen könnte."