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Medizintechnik:Spezialisten in der Provinz

Die baden-württembergische Kreisstadt Tuttlingen liegt nordwestlich des Bodensees auf der Schwäbischen Alb. Doch nicht jeden Arbeitnehmer lockt die Idylle.

(Foto: Markus Keller/mauritius)

In der baden-württembergischen Kreisstadt Tuttlingen sind viele Weltmarktführer ansässig. Sie konkurrieren untereinander vor allem um Arbeitskräfte, die auch gerne fernab von Metropolen Karriere machen wollen.

Von Annika Brohm

Im November ist der Terminkalender von Armin Lekitsch immer besonders voll. Das ist in diesem Jahr nicht anders: Gerade erst kommt der Geschäftsführer des Medizintechnik-Unternehmens Henke-Sass, Wolf von der Fachmesse Medica in Düsseldorf zurück nach Tuttlingen, schon kündigen sich Kundenbesuche aus aller Welt an. Nach der Messe ein freies Hotelzimmer in Tuttlingen oder Umgebung zu finden, das sei beinahe unmöglich, sagt Lekitsch. Wer für die Medica ohnehin schon nach Deutschland gereist ist, der schaut danach meist auch in der kleinen Stadt in Südschwaben vorbei.

Als "Weltzentrum der Medizintechnik" hat sich die Kreisstadt mit 35 000 Einwohnern lange selbst gerühmt: Mehr als 400 Unternehmen stellen hier chirurgische und medizintechnische Produkte her. Die Spanne reicht vom kleinen Handwerksbetrieb bis zum Marktführer Aesculap, der "Mutter aller Tuttlinger Unternehmen", wie Lekitsch erzählt. Auch Henke-Sass, Wolf wurde in den Zwanzigerjahren von einem ehemaligen Aesculap-Mitarbeiter gegründet. Mittlerweile beschäftigt das Unternehmen allein am Standort in Südschwaben 460 Mitarbeiter, weltweit sind es mehr als 1200. Vor allem im Bereich der Endoskopie konnte sich Henke, Sass-Wolf seit seiner Gründung einen Namen machen. Eines der neuesten Produkte, das Lekitsch in den vergangenen Tagen immer wieder präsentiert hat: Ein Arthroskop, mit dem Chirurgen Gelenke in gestochen scharfer 4-K-Auflösung spiegeln können. Mit einer Hand umfasst Lekitsch die bleistiftdünne Kamera des Arthroskops. Mit der anderen zeigt er auf den Monitor vor ihm, auf dem nun jede noch so kleine Windung seiner Fingerkuppen zu sehen ist. "Da hat der Arzt eine Bildqualität wie in seinem Heimkino", sagt Lekitsch.

Im Bereich der Endoskopie ist Henke- Sass, Wolf in der Region nicht der einzige Hersteller. Fiegert-Endotech etwa fertigt knapp 700 Meter entfernt ähnliche Produkte an. In Tuttlingen sind die Medizintechnik-Unternehmen Nachbarn und Wettbewerber zugleich. Von Zeit zu Zeit profitieren sie voneinander. Zum Beispiel, wenn sich mehrere Unternehmen an einer Studie beteiligen und die Forschungskosten so untereinander aufteilen können. Viel öfter noch konkurrieren die Unternehmen jedoch miteinander: Um Kunden, um Aufträge, vor allem aber um Arbeitskräfte.

"Man muss das Ländliche mögen. Stadtmenschen sind hier nicht so gut aufgehoben"

Am Tuttlinger Bahnhof wirbt Aesculap zurzeit mit einem großen Banner um Fachkräfte; Henke-Sass,Wolf preist seine offenen Stellen auf einer ganzseitigen Anzeige in einer Beilage der Schwäbischen Zeitung an. Groß ist die Hoffnung auf Bewerbungen aus dem näheren Umkreis jedoch nicht: Die Arbeitslosenquote der Region Tuttlingen lag im vergangenen Monat bei 2,6 Prozent, weniger als die Hälfte des bundesweiten Werts. "Der Arbeitsmarkt ist leergefegt", sagt Lekitsch. Auch der Versuch, Mitarbeiter aus anderen Teilen Deutschlands für sich zu gewinnen, scheitert immer wieder an der abgeschiedenen Lage der Kleinstadt. Gegen Metropolen wie München oder Hamburg, sagt Lektisch, sei Tuttlingen häufig chancenlos. "Man muss das Ländliche mögen. Als Stadtmensch ist man hier sicher nicht so gut aufgehoben", sagt er. 70 Prozent der Mitarbeiter von Henke-Sass, Wolf sind Pendler, nicht wenige fahren über eine Stunde nach Tuttlingen. "Man nimmt es zunehmend in Kauf, jeden Tag zu uns zu kommen", sagt Boban Ivanovic, Betriebsleiter bei Henke-Sass, Wolf. Das zeige ihnen, wie attraktiv die Firma als Arbeitgeber ist. Es zeigt aber auch, dass es für viele Mitarbeiter keine Option zu sein scheint, in der Kreisstadt an der Donau zu leben.

Dabei hat Tuttlingen einiges getan, um den Ruf der verschlafenen Provinz loszuwerden: Jahr für Jahr holt man für das mehrtägige Honberg-Festival Stars und Sternchen auf die Schwäbische Alb; in der Stadthalle findet alle drei bis vier Tage eine Veranstaltung statt. "Wir tun, was wir als kleine Stadt eben tun können", sagt Tuttlingens Oberbürgermeister Michael Beck. Als größten Erfolg der vergangenen Jahre bezeichnet Beck den Bau eines Außencampus der Hochschule Furtwangen im Zentrum Tuttlingens. Auf dem ehemaligen Firmengelände von Henke-Sass, Wolf belegen mittlerweile mehr als 600 Studierende Fächer wie Medizintechnik, Ingenieurpsychologie oder Mechatronik. Die Medizintechnik-Branche ist maßgeblich an der Finanzierung beteiligt: Über hundert Tuttlinger Unternehmen haben sich zu einem Förderverein zusammengeschlossen, jährlich investieren sie 2,5 Millionen Euro in den Betrieb der Hochschule. Auch Henke-Sass, Wolf zählt dazu. "Da ist man dann Partner", sagt Lekitsch, "aber draußen auf dem Markt, da ist man Wettbewerber." Unternehmen wie Henke-Sass, Wolf umgarnen die Studierenden schon früh, bieten Mentorenprogramme, Praktika und Anstellungen für Werkstudenten. Auszubildende wiederum soll die Aussicht auf einen unbefristeten Arbeitsvertrag locken oder auf einen Aufenthalt in den USA.

Während die großen Unternehmen um Fachkräfte buhlen, macht den kleinen Unternehmen eine andere Entwicklung zu schaffen: Die gesetzlichen Anforderungen nehmen stetig zu, Markteinführungen werden dadurch immer kostspieliger. Erst kürzlich hat Henke-Sass, Wolf in den USA die Zulassung einer kleinen Produktfamilie beantragt; etwa 2000 Arbeitsstunden und eine halbe Million Euro musste das Unternehmen dafür aufwenden. Für Betriebe mit weniger als 50 Mitarbeitern sei das gar nicht zu leisten, sagt Lekitsch. Genau davon könnten größere Unternehmen profitieren: Vor zwei Jahren hat Henke-Sass, Wolf beispielsweise den Endoskopie-Produzenten Klaus Wenkert aufgekauft.

Dennoch wirkt Lekitsch nachdenklich, wenn er von dieser Entwicklung spricht. "Die kleinen Unternehmen waren oft der Motor für Innovationen", sagt er. Für ihn steht fest: "Tuttlingen wird sich verändern in den nächsten Jahren, davon sind wir alle überzeugt." Wie groß die Konkurrenz in der Branche ist, das habe er auf der Medica in Düsseldorf gesehen. Von den 5000 internationalen Ausstellern der Fachmesse kamen lediglich 60 aus der Region. Mit der Bezeichnung von Tuttlingen als "Weltzentrum der Medizintechnik" ist Lekitsch daher eher zurückhaltend. "Wir hören den Begriff natürlich gerne", sagt er, "aber da müssen wir ein wenig bescheidener sein."

© SZ vom 25.11.2017

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