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Medizinische Informatik:Ein Händchen für sensible Daten

Arzt in Klinik schaut nutzt App auf Tablet Computer

Damit Ärztinnen und Ärzte etwas mit den Daten ihrer Patienten anfangen können, ist auch Personal gefragt, das sich mit der digitalen Infrastruktur auskennt.

(Foto: picture alliance / Zoonar)

Laborwerte, Medikationspläne, Befunde: In Krankenhäusern werden jede Menge Informationen gesammelt. Was braucht man, um in diesem Umfeld als IT-Experte Karriere zu machen?

Von Miriam Hoffmeyer

Medizinische Informatiker bekommen glänzende Augen, wenn sie vom technisch Machbaren schwärmen: von Video-Sprechstunden, dem digitalen Austausch zwischen Ärzten verschiedener Fachrichtungen, riesigen Forschungsdatenbanken oder der elektronischen Patientenakte, die Laborwerte, Notfalldaten, Befunde, Röntgenbilder und Medikationspläne jederzeit abrufbar macht. Die Realität in den meisten deutschen Krankenhäusern und Arztpraxen hinkt da etwas hinterher. Online-Terminbuchungen sind oft nicht möglich, Fieberkurven werden noch händisch notiert und Ärzte erscheinen mit Klemmbrett statt Tablet zur Visite.

"Manchmal ist es schon frustrierend, wie langsam alles geht", meint die Vizepräsidentin des Berufsverbands Medizinischer Informatiker (BVMI), Cornelia Vosseler. Die Beraterin unterstützt Krankenhäuser und Medizinische Versorgungszentren bei der Planung und Einführung von IT-Systemen.

Ein typisches Problem in Krankenhäusern ist zum Beispiel, dass Stationen unterschiedliche Softwares nutzen, die die Chefärzte irgendwann einmal ausgewählt haben. Weil es keine Schnittstellen gibt, müssen viele Daten doppelt eingegeben werden. Für Neuerungen, die die Mitarbeiter mittelfristig entlasten und Kosten sparen könnten, gibt es viele Hürden. "Es fehlt häufig an Geld und Personal, um neue Lösungen einzuführen, aber auch an der Bereitschaft, etwas zu ändern", sagt Vosseler.

Absolventen finden leicht einen Job: In Unternehmen, Kliniken oder bei Krankenkassen

Wer sich auf medizinische Informatik spezialisiert, sollte also nicht nur Interesse für beide Bereiche mitbringen, sondern auch Geduld: Im Gesundheitswesen dauert vieles länger als in der Industrie. Vielleicht ist das ein Grund dafür, dass das Fach eher klein geblieben ist, obwohl der erste Studiengang - ein Gemeinschaftsprojekt der Universität Heidelberg und der Hochschule Heilbronn - schon 1972 eingeführt wurde. Heute gibt es bundesweit mehr als 30 Bachelor- und Masterstudiengänge in medizinischer Informatik, auch unter Namen wie "Data Science in der Medizin", "Health Informatics" oder "Human-Centered Computing".

Darüber hinaus bieten rund 40 Informatikstudiengänge eine entsprechende Vertiefung an. Der Frauenanteil in der medizinischen Informatik liegt mit 42 Prozent deutlich höher als in der klassischen Informatik. Die Studierenden befassen sich unter anderem mit medizinischer Dokumentation, Signal- und Bildverarbeitung oder Radiologie, sodass sie dieselbe Sprache sprechen wie Ärzte und Pfleger. An manchen Hochschulen ist sogar ein klinisches Vorpraktikum Pflicht, etwa an der HS Niederrhein in Krefeld. Die Masterstudentin Annika Weggen studiert dort in Teilzeit "Health Care" mit Schwerpunkt medizinische Informatik.

Weil sie in der Schule Naturwissenschaften ebenso interessant fand wie Mathematik und Informatik, war der Bindestrich-Studiengang für sie die ideale Kombination. "Das Studium ist noch vielseitiger, als ich es mir vorgestellt hatte. Bei den unterschiedlichen Fachrichtungen kann man nicht immer in die Tiefe gehen, aber dafür lernt man viel über den immer wichtigeren Schnittstellenbereich zwischen IT und Medizin", sagt die 25-Jährige, die auch schon als Software-Entwicklerin bei einer Medizintechnikfirma arbeitet.

Daniel Pantle hat das Fach gewählt, "weil mir wichtig war, dass meine Arbeit einen tieferen Sinn hat und es nicht nur darum geht, dass eine Firma durch bessere Software noch reicher wird". In seinem dualen Studium absolvierte er die Theoriephasen am Standort Heidenheim der Dualen Hochschule Baden-Württemberg, die Praxisphasen beim Klinikum Ludwigsburg. "Als ich anfing, wurde da fast alles noch auf Papier dokumentiert. Die Zettelwirtschaft wird nach und nach digitalisiert", erzählt er. Nach dem Bachelorabschluss bot das Klinikum Pantle eine Stelle an, er sollte das Krankenhausinformationssystem weiterentwickeln und für einzelne Stationen anpassen. "Ich habe mich dagegen entschieden, weil ich es interessanter finde, selbst Software zu entwickeln."

"Es gibt einen Riesenbedarf, die Absolventen können sich den Job aussuchen"

Seit Anfang November arbeitet der 23-Jährige beim Softwarehersteller New Tec in Pfaffenhofen bei Ulm, der auf IT-Sicherheit unter anderem in der Medizintechnik spezialisiert ist. IT-Sicherheit ist eines der wichtigsten Gebiete der medizinischen Informatik. Dabei geht es einerseits um den Schutz der sensiblen Patientendaten, andererseits um die Zuverlässigkeit medizintechnischer Geräte und Anwendungen. Auch die Abwehr potenziell lebensgefährlicher Cyber-Angriffe auf die komplexen Systeme in Krankenhäusern gehört dazu.

Nicht viele Stellenangebote sind explizit an medizinische Informatiker gerichtet. Trotzdem müssten sich die circa 780 Absolventinnen und Absolventen pro Jahr keine Sorgen machen, meint Professor Paul Schmücker von der Gesellschaft für medizinische Informatik, Biometrie und Epidemiologie (GMDS): "Es gibt einen Riesenbedarf, die Absolventen können sich den Job aussuchen." Die meisten Stellen gibt es bei Medizintechnik- und Softwarefirmen und in Krankenhäusern, einige bei Beratungsfirmen, Krankenkassen und Behörden.

"Im Moment gibt es viele sehr interessante Entwicklungen", sagt Schmücker. Denn durch eine Reihe von Neuregelungen und Förderprogrammen soll die Digitalisierung der Gesundheitsversorgung vorankommen. Seit Anfang 2021 müssen die Krankenkassen ihren Versicherten eine elektronische Patientenakte zur Verfügung stellen, die alle wichtigen medizinischen Daten enthält. Wer sie nutzt, soll in mehrfacher Hinsicht profitieren: Die E-Akte soll die Notfallversorgung verbessern, allen behandelnden Ärzten einen Überblick über die Medikation verschaffen und unnötige Doppeluntersuchungen vermeiden.

Das im September vergangenen Jahres beschlossene "Krankenhauszukunftsgesetz" sieht insgesamt 4,3 Milliarden Euro Fördermittel von Bund und Ländern vor, die bis 2023 in die Digitalisierung der Krankenhäuser investiert werden sollen. Im Rahmen der Medizininformatik-Initiative der Bundesregierung bauen die Universitätskliniken seit einigen Jahren Datenintegrationszentren auf. Ziel ist, Daten aus der medizinischen Versorgung standortübergreifend zusammenzuführen und für die Forschung nutzbar zu machen. Auch im neuen "Nationalen Forschungsnetzwerk der Universitätsmedizin zu Covid-19" (NUM) geht es darum, Informationen über Diagnose und Therapie von Patienten systematisch zu großen Datensätzen zusammenzuführen und neue Erkenntnisse schnell auszutauschen.

Die Tatsache, dass viele Gesundheitsämter ihre Corona-Testergebnisse noch per Fax übermitteln, hat viel Aufmerksamkeit auf die Defizite bei der Digitalisierung des Gesundheitswesens gelenkt. Auch deshalb könnte es nun tatsächlich den Schub für die medizinische Informatik geben, den sich Experten schon lange erhofft haben.

© SZ vom 12.02.2021
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