Coaching an Business-Schulen:Manager auf Glückssuche

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Coaching an Business-Schulen: Wer bin ich? Was erfüllt mich? Und wohin will ich? Kurse zur Persönlichkeitsentwicklung gehören an manchen Managerschulen fest zum Curriculum.

Wer bin ich? Was erfüllt mich? Und wohin will ich? Kurse zur Persönlichkeitsentwicklung gehören an manchen Managerschulen fest zum Curriculum.

(Foto: Sergey Nivens /Imago)

Zoobesuch als Pflichtprogramm: Einige Business Schools gehen ungewöhnliche Wege, um Führungskräften Soft Skills näherzubringen.

Von Christiane Bertelsmann

Auslandsaufenthalte in China oder Hongkong, Praktika in Deutschland und anderswo - alles erwartbar und mehr oder weniger normal im Rahmen eines MBA-Studiums, wenn einen nicht gerade die Pandemie ins Home-Office zwingt. Vanessa Besler de Castro und ihre MBA-Mitstudierenden von der Düsseldorf Business School dagegen besuchten für ein Modul ihres Studiums den Zoo. Genau gesagt, das Affenhaus im Tierpark Gelsenkirchen. Dort wartete der niederländische Verhaltensforscher Patrick van Veen auf die MBAler.

Van Veen bietet schon seit vielen Jahren im Zoo Trainings für Manager an, damit sie verstehen, dass Mensch und Menschenaffe in ihrem jeweiligen Verhalten gar nicht so unterschiedlich sind. Apemanagement - Affenmanagement nennt van Veen seine Kurse. Im neben dem Affenhaus gelegenen Seminarraum erklärt der Forscher zunächst, wie Affengruppen organisiert sind, dann geht's raus zur Primatenbeobachtung. "Im Grunde genommen sind wir Menschen ja auch recht einfach strukturiert", sagt Vanessa Besler de Castro, "Angst, Distanz suchen, weglaufen oder Schutz in der Gruppe suchen - die Verhaltensmuster sind bei Menschen und Affen gar nicht so verschieden."

Besonders gut zeigt sich während der Fütterung, wie es um die Hierarchien bei den Affen steht: Die Chefs des Affenklans nehmen sich besonders viel von den feinen Bananen, und keiner wagt, ihnen etwas zu stibitzen. Aber die Bosse achten auch darauf, dass die anderen Affen genug abkriegen.

Primatenbeobachtung im Zoo ist fester Bestandteil des Kursprogramms

"Wer Verhalten ändern will, muss zunächst beobachten und dann seine Schlüsse daraus ziehen", sagt Stefan Süß. Er ist Dekan an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf und Professor für Personalmanagement an der an die Uni angegliederten Düsseldorf Business School. Die Primatenbeobachtung im Zoo gehört fest zum Programm seiner Kurse. Denn Süß weiß, dass es beim MBA-Studium natürlich auch, aber eben nicht nur darum gehen darf, BWL-Kenntnisse zu vermitteln. "Die Arbeit ist heute vielfach in Kommunikations- und Austauschprozesse eingebettet; die gilt es zu verstehen", sagt Süß, "Soft Skills werden in Unternehmen immer wichtiger."

Unter Soft Skills oder zu Deutsch weichen Fähigkeiten oder Faktoren versteht man Charakterzüge, aber auch Einstellungen und Eigenschaften, die über erlernte Fachkompetenzen hinausgehen. Dazu zählen etwa Teamfähigkeit, Kommunikationsgeschick, Konfliktfähigkeit, Zeitmanagement, aber auch Empathie und Kreativität. Weil man diese Fähigkeiten nur schwer messen kann, nennt man sie weiche Faktoren, Soft Skills.

"Die Vermittlung von Soft Skills war bei uns schon immer im Fokus", sagt Konstantin Korotov. "Das gehört bei 60 Prozent unserer MBA- und EMBA-Kurse dazu." Korotov ist Professor für Organisationsverhalten und Fakultätsleiter des EMBA-Programms an der ESMT in Berlin. Den Soft Skill Teamwork - eine der Kern-Fähigkeiten, wie Korotov findet - deckt die ESMT so wie viele andere Business-Schools dadurch ab, dass die Studierenden in fast allen Kursen in Gruppen zusammenarbeiten.

In internationalen Teams treffen ganz unterschiedliche Werte aufeinander

Konstantin Korotov beobachtet bei den Unternehmen einen Wandel in Hinblick auf die Soft Skills: "In der Vergangenheit war für politische oder gesellschaftliche Ansichten in der Arbeitswelt kein Platz. Heute ist das anders", sagt Korotov, "Menschen kommen zur Arbeit mit ihren Wertvorstellungen. Aber gerade in internationalen Teams müssen wir versuchen, viele verschiedene Ansichten zusammenzubringen und lernen, ihnen mit Respekt zu begegnen." Noch etwas habe sich verändert. "Heute wird von Vorgesetzten erwartet, dass sie die Bedürfnisse ihrer Mitarbeitenden verstehen und auf sie eingehen", sagt Korotov und nennt als Beispiel die Belastungen, die viele durch die erzwungene Arbeit im Home-Office empfinden. Eigene Coaching-Programme an der ESMT sollen Führungskräften dabei helfen, diese Erwartungen erfüllen zu können.

Ein Kurs widmet sich ausschließlich den persönlichen Wünschen der Teilnehmer

An der Munich Business School (MBS) setzt man noch früher an - nämlich bei der Entwicklung der eigenen Persönlichkeit. "Bevor man andere führt, muss man wissen, wer man selber ist", sagt Kathrin Vallund, die an der MBS den Kurs Personal Development leitet. "Ich sage meinen MBA-Studierenden am Anfang immer: Das ist der egoistischste Kurs, den ihr haben werdet, denn es geht nur um euch: Wer seid ihr? Was könnt ihr? Was wollt ihr? Das sind meine Fragen."

Kathrin Vallunds Kurs ist ein Pflichtmodul im MBA-Studium. "Wir zwingen die Studierenden, diese 20 Stunden mit uns zu verbringen. Manche lieben es, manche hassen es. Dazwischen gibt es eigentlich nichts", sagt Vallund. Ziel ihres Kurses sei es, dass die Studierenden herausfinden, was sie langfristig glücklich macht. Das versucht Vallund mit unterschiedlichen Coaching-Ansätzen zu erreichen, sie hat selbst eine Ausbildung als Coach gemacht. "Klar fließen da auch mal Tränen", sagt die Dozentin, "die Kollegen sagen manchmal scherzhaft 'Kathrins Heulkurs' zu meinem Seminar."

Christian Schmidkonz lehrt ebenfalls an der Munich Business School und ist Professor für Internationale Betriebswirtschaftslehre. Er leitet außerdem den Kurs "Success Factor Happiness" ("Erfolgsfaktor Glück"). Da behandelt er Themen wie Glück, Dankbarkeit, Achtsamkeit oder auch Compassionate Leadership - Führen mit Mitgefühl. "Alle Inhalte sind wissenschaftlich fundiert und theoriebasiert. Der Kurs soll Inspirationen zur individuellen persönlichen Umsetzung inklusive Reflexion geben", sagt Schmidkonz, der seinen Teilnehmenden vermitteln möchte, wie sie bei der Arbeit zufriedener werden können. Etwa, indem sie verstehen, dass sie Teil von etwas sind, das größer ist als sie selbst, dass sie etwas Sinnhaftes tun. Aber er verdeutlicht auch, dass es vor allem in der Verantwortung der Unternehmen liegt, den größeren Kontext zu schaffen. "Wie gut das gelingt, hängt sehr stark von den individuellen Werten und der Leidenschaft für bestimmte Themen ab. Und das funktioniert nicht in jedem Unternehmen für jede Person", sagt Christian Schmidkonz. Dabei weiß er selbst: "Das ultimative Glück gibt es nicht. Aber das Wissen über die Grundlagen des Glücks zu kennen, das kann schon sehr hilfreich sein."

Vanessa Besler, die MBA-Studierende aus Düsseldorf, sitzt inzwischen an ihrer Master-Thesis. Sie hatte sich nach zwei Jahrzehnten Berufstätigkeit in der Modebranche dafür entschieden, auf ihr 20 Jahre zurückliegendes BWL-Studium noch einen MBA draufzusetzen. Den MBA macht sie berufsbegleitend zu ihrer Tätigkeit als Head of Sales E-Commerce und Business Development in einem großen Modeunternehmen - eine kleine Tochter hat sie übrigens auch. "Ich empfand gerade die Vermittlung von Soft Skills neben der Vermittlung des Fachwissens im Studium als sehr gewinnbringend - und die Zusammenarbeit mit den anderen Studierenden aus unterschiedlichen Branchen mit unterschiedlichstem Erfahrungswissen in den Gruppen", sagt Besler rückblickend. Sie habe oft über sich als Führungskraft reflektiert und auch über Selbst- und Zeitmanagement viel gelernt: "Ich vermisse die Uni jetzt schon. Wir verlieren uns im Alltag leider oft in der Komplexität der Dinge."

Viele Business Schools bieten ihren MBA-Studierenden unentgeltlich Einzel-Coachings an - auch ein wichtiger Baustein bei der Entwicklung von Soft Skills. Bei der Mannheim Business School ist gerade im EMBA-Studium ein Coaching-Programm inkludiert. Aber auch eine kleinere Hochschule wie die HTW Berlin hat im MBA Fernstudium General Management kostenfreie Coachings im Programm.

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