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MBA im Fernstudium:Prüfung im Park

Fallstudien bearbeiten MBA-Fernstudenten per E-Mail oder via Skype.

(Foto: Milton Brown/mauritius images)

Mithilfe digitaler Medien kann man unabhängig von Ort und Zeit für den Master of Business Administration lernen und Klausuren schreiben. Doch die Studierenden brauchen auch den persönlichen Erfahrungsaustausch mit Kommilitonen.

Von Elisabeth Pörnbacher

Drei Jahre lang hat Christoph Pemp, 34, aus Hannover drei Leben in einem geführt: Wenn er von seiner Arbeit als Personalberater nach Hause kam, brachte er seine Kinder ins Bett, und setzte sich danach noch für ein, zwei Stunden hin, um sich Lernvideos anzusehen und mehrere 100 Seiten Skript zu lernen. Er notierte sich die Inhalte auf digitalen Karteikarten, tauschte sie mit Kommilitonen und lernte so die verschiedenen Fächer. Jede Autofahrt nutzte er, um sich Audiomitschnitte von Vorlesungen anzuhören. Sein Ziel: den Master of Business Administration zu schaffen. Weil er mit Anfang dreißig nicht auf seinen Job und ein regelmäßiges Gehalt verzichten wollte, kam für ihn nur ein Fernstudium infrage. Im August 2014 begann er das Studium an der IUBH Internationalen Hochschule in Bad Honnef, im August 2017 schloss er es ab. "Ich musste viel Freizeit opfern, aber ich würde es wieder machen", sagt er.

So wie Pemp sitzen Studierende statt im Hörsaal immer öfter vor dem Computer, sehen sich Folien an oder Erklärvideos - orts- und zeitunabhängig, im eigenen Lerntempo, immer in der ersten Reihe, mit dem Mauszeiger auf dem Noch-mal-ansehen-Knopf. Nicht nur in Fernstudien erhalten die Teilnehmer Lernmaterial über eine Internetplattform: Fast jede Universität hat einen eigenen E-Campus, Online-Seminare oder E-Tutorien.

"Auf Lernplattformen wird Wissen vermittelt, das sich Studierende eigenständig aneignen können. Zusätzliche Präsenzseminare sind dazu da, um Fragen zu stellen und zu diskutieren", sagt Mareike Kehrer, 36, aus Tübingen. Sie ist seit April 2017 wissenschaftliche Mitarbeiterin am Leibniz-Institut für Wissensmedien in Tübingen und arbeitet mit am Projekt "Smart Teaching Baden-Württemberg", das Digitalisierungsprojekte an Hochschulen wissenschaftlich begleitet. Sie selbst hat ihren Master in Bildung und Medien an der Fernuniversität Hagen gemacht. Allerdings dürfen ihrer Ansicht nach nicht die technischen Möglichkeiten im Vordergrund stehen, sondern die Lerninhalte. Um das passende Medium zur Wissensvermittlung zu finden, sollten sich Lehrende fragen: Was möchte ich zeigen? Wie weit sind die Studierenden? Was sollen sie mitnehmen?

Wie die Kombination aus E-Learning und Präsenzseminaren funktionieren kann, zeigt der berufsbegleitende Studiengang Elektro- und Informationstechnik der Hochschule Aschaffenburg. Den größten Teil der Lerninhalte erarbeiten die Studierenden selbst über das auf der Lernplattform angebotene Material. Präsenztage sind vor allem für Fragen und Erfahrungsaustausch da. Auf der Lernplattform stehen nicht bloß Folien von Powerpoint-Präsentationen. Hier findet man Erklärvideos, in denen die Professoren physikalische Versuche aufbauen, Experimente durchführen oder mathematische Aufgaben vorrechnen. Mithilfe von Lückentexten und Quizfragen können Studenten ihr Wissen überprüfen. Sie haben sogar die Möglichkeit, per Computer, unabhängig von dem Ort, an dem sie sich aufhalten, Geräte im Labor der Hochschule zu steuern. Selbst für Prüfungen müssen Studierende nicht mehr unbedingt an die Hochschule fahren; sie können im Park, im Café, vom Schlafzimmer aus Klausuren ablegen. Mit Safe-Exam-Browsern, die alle anderen Internetfunktionen auf dem PC während des Tests ausschalten, versucht man, das Schummeln zu erschweren. Außerdem müssen Studierende eine hohe Anzahl an Fragen innerhalb von kurzer Zeit beantworten - so schaffen sie es nicht, nebenbei in Büchern oder im Internet nach der Antwort zu suchen.

In Deutschland gibt es noch nicht viele Hochschulen, die Onlineklausuren anbieten. Eine davon ist die Hochschule Aschaffenburg. Die erste war die IUBH Internationale Hochschule . Sie führte Ende 2016 Onlineklausuren ein. An der IUBH können Studierende ihre Klausuren sogar immer dann ablegen, wenn sie sich dazu bereit fühlen - überall und mit Live-Prüfungsaufsicht. Im MBA-Studium müssen sie nicht nur Klausuren schreiben, sondern vor allem Fallaufgaben erledigen - oft in Gruppenarbeit. Das ist nicht einfach, wenn man die anderen Studenten nicht kennt. "Wir haben uns oft per Skype oder E-Mail über die Aufgabe unterhalten, das funktioniert. Diese Vorgehensweise bildet immer mehr die berufliche Realität ab: Gerade wenn man mit internationalen Partnern arbeitet, sind Skype-Konferenzen keine Seltenheit", sagt Christoph Pemp.

Gerade im Fernstudium brauchen die Teilnehmer persönliche Treffen mit Kommilitonen

Doch nicht das gesamte Fernstudium spielte sich vor dem Bildschirm ab. An fünf Wochenenden gab es Präsenzunterricht. Da traf Pemp seine Kommilitonen persönlich. Er sagt: "Da habe ich coole Leute aus ganz Europa kennengelernt und mir ein weites Netzwerk aufgebaut. Der Lernwert war in den Präsenzphasen am größten."

Dieser Meinung ist auch Carolin Gißibl, 28, aus Bayreuth. Sie hat Cybersecurity, Policing, Intelligence and Counter-Terrorism in Sydney studiert. Auf ihrem Studienplan standen Fächer wie Cyberterrorismus und Informationskrieg, Recherchemethoden, Terrorismusbekämpfung und Cybersicherheit. Zwei Semester lebte sie in Australien, besuchte die Vorlesungen, diskutierte mit Kommilitonen. Im dritten Semester ging sie zurück nach Deutschland. Ihr letztes Seminar über Cybercrime verfolgte sie aus der Ferne über eine Online-Lernplattform. Jede Woche hörte sie sich zweimal zwei Stunden Audiodateien an, klickte sich durch Folien. Sie fand es gut, dass sie jederzeit stoppen und eine Pause machen oder zurückspulen konnte, um sich das Gesagte noch einmal anzuhören. Trotzdem ist sie kein Anhänger von Fernstudien. "Ich habe die Interaktion mit meiner Klasse vermisst", sagt Gißibl. Gerade in Gesprächen mit Kommilitonen habe sie oft mehr gelernt als aus Büchern und Folien.

"Die digitale Lernwelt ist eine wichtige Hilfe, aber sie kann den Präsenzunterricht nicht ersetzen", sagt die Studiengangskoordinatorin des berufsbegleitenden Studiengangs Elektro- und Informationstechnik der Hochschule Aschaffenburg, Diplom-Ingenieurin Cornelia Böhmer. "Menschen brauchen Menschen." Die Präsenzseminare seien dafür da, Fragen zu beantworten und zu diskutieren. Die Studierenden wollen in dieser Zeit nichts lernen, was sie auch zu Hause machen könnten. Böhmer sagt: "Wir haben sie an einem Präsenztag mal einen physikalischen Versuch machen lassen. Die Rückmeldung war niederschmetternd. Die Teilnehmer hatten ähnliche Versuche bereits in der Berufspraxis gemacht und bewerteten das als Zeitverschwendung."

© SZ vom 21.09.2018
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