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Elternzeit:Es reicht nicht

Vater Kind

Warum gehen nicht mehr Männer in Elternzeit?

(Foto: Katie Emslie/Unsplash)

Die Zahl der Väter, die in Elternzeit gehen, stagniert. Gutverdiener wollen nicht auf Einkommen verzichten - Geringverdiener können nicht. Für Letztere sollte der Staat dringend etwas tun.

Wer daran zweifelt, dass die Deutschen zum Wandel fähig sind, der sollte mal seine Mittagspause im Park verbringen. Am besten in einem mit Spielplatz. Da begegnen einem nämlich inzwischen Männer mit Kindern. Und das zu einer Zeit, zu der früher galt: Da gehört Vati dem Büro. Gerade einmal drei Prozent der jungen Väter nahmen Elternzeit, bevor 2007 das Elterngeld eingeführt wurde. 2016 waren es schon 37 Prozent, heute dürften es noch ein paar mehr sein. Es ändert sich also etwas im Land - und kaum jemand wird noch bestreiten, dass dies zu begrüßen ist: Die Kinder bauen ein enges Verhältnis zu beiden Elternteilen auf, die Beziehung zwischen den Eltern hat zumindest eine Chance auf echte Gleichberechtigung. Und nicht zuletzt: Die Väter erleben eine wunderschöne, unvergessliche Zeit mit ihren Kindern.

Dass nun große Unternehmen wie Hewlett Packard Enterprise oder Novartis den Mitarbeitern ein firmeneigenes Elterngeld anbieten, zeigt allerdings manche Akzeptanzprobleme des Elterngelds. Und es stimmt ja, bei genauem Hinsehen ist nicht alles Gold: Gab es nach der Einführung 2007 zunächst starke Zuwächse, steigt der Anteil der Väter, die Elterngeld beziehen, seit Jahren kaum noch. Und fast 72 Prozent der Väter in Elternzeit nutzen nur genau die zwei Monate, die nötig sind, um gemeinsam mit der Partnerin auf die maximale Bezugsdauer von 14 Monaten zu kommen. Kein Wunder, dass die "Partnermonate" im allgemeinen Sprachgebrauch schnell zu "Vätermonaten" wurden.

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Für Geringverdiener muss sich etwas ändern

Bei Hewlett Packard Enterprise können junge Eltern im ersten Lebensjahr des Kindes sechs Monate Elternzeit nehmen - bei voller Bezahlung. Bei Novartis oder Microsoft ist es ähnlich. Die Firmen bieten ihren Mitarbeitern diesen Luxus, um begehrte Fachkräfte an sich zu binden. Die Zielgruppe des betrieblichen 100-Prozent-Elterngeldes ist nicht nur eine begehrte, sondern auch eine gut bezahlte. Und für viele Besserverdienende ist die Deckelung des staatlichen Elterngeldes ein Problem. Denn die 65 Prozent des letzten Einkommens gibt es nur bis zu einer Maximalsumme von 1800 Euro. Für jemanden, der 4000 Euro im Monat verdient, ein heftiger Abschlag. Das ist laut Umfragen einer der Hauptgründe, warum Väter immer noch so selten Elterngeld in Anspruch nehmen. Für die Mitarbeiter von Novartis, Hewlett Packard und Microsoft, größtenteils Männer, gilt dieses Argument nun nicht mehr.

Die Frage ist: Sollte der Staat sich die Firmen zum Vorbild nehmen und die Deckelung des Elterngeldes verändern oder gar abschaffen - mit dem Ziel, mehr Väter in die Elternzeit zu kriegen? Ganz sicher nicht. Es ist nicht Aufgabe der Allgemeinheit, gut betuchten Jungvätern luxuriös alimentierte Monate mit ihren Babys zu finanzieren. Wenn Firmen das tun, ist das nichts anderes als vergleichbare Zuwendungen, mit denen sie sich Mitarbeiter gewogen halten: Gratis-Mittagessen, Dienstwagen, Boni. Nur, dass viele junge Angestellte inzwischen von so etwas weniger beeindruckt sind als von einem Extra-Elterngeld. Der Staat aber kann von Gutverdienern erwarten, dass sie vor der Geburt ihres Kindes ein paar Tausender von ihrem hohen Einkommen zurücklegen, sollten die 1800 Euro Elterngeld nicht reichen.

Beim staatlichen Elterngeld gibt es aber ein anderes, ernsthaftes Problem. Denn es existiert eine Gruppe, die weder im Voraus sparen, um Einkommensverluste in der Elternzeit auszugleichen, noch mal eben auf ein Drittel ihres Einkommens verzichten kann: Geringverdiener. Wer vor der Geburt netto gut 1200 Euro und mehr verdiente, dem stehen nur 65 Prozent davon als Elterngeld zu. Von dieser Summe kann man im Deutschland des Jahres 2019 kaum leben, noch dazu mit Nachwuchs. Kein Wunder, dass Väter mit kleinerem Einkommen sehr selten Elternzeit nehmen.

Väter in Elternzeit sind heute ein Mittelschichtsphänomen. Geringverdiener wie Gutverdiener führen vor allem einen Grund an, warum sie kein Elterngeld beantragen: Das Geld reicht nicht. Am unteren Ende der Skala, bei den Geringverdienern, wäre es eindeutig die Aufgabe des Staates, auch ihnen einen unbeschwerten Start ins Familienleben zu ermöglichen. Das Elterngeld für Menschen mit kleinen Einkommen muss dringend und drastisch erhöht werden.

Und bei den männlichen Gutverdienern? Bei ihnen muss man ernsthaft fragen, ob sie sich die Elternzeit wirklich nicht leisten können. Es drängt sich nämlich eher der Verdacht auf, dass sie sich die Zeit mit ihren Kindern schlichtweg nicht leisten wollen.

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