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Sexualität im Job:Sich outen und arbeiten

Stuart Cameron, Gründer der Messe "Sticks and Stones". Dort werben Konzerne wie Google, Amazon, Netflix oder BMW um Arbeitskräfte. Und das BKA.

(Foto: Verena Mayer)

Eine Karrieremesse in Berlin speziell für Homosexuelle und Transgender - wozu ist das gut? Ein Rundgang mit dem Gründer Stuart Cameron, der von Kollegen als "Schwuchtel" beschimpft wurde.

Eine dieser Messen, wie sie in der Hauptstadt fast täglich stattfinden. In einer zugigen Halle reihen sich Stände aneinander, Kugelschreiber und Visitenkarten werden verteilt. Auf einer Bühne hält jemand eine Keynote (früher hieß das mal Impulsreferat), wie man es zum Erfolg schafft, Begriffe wie "Leadership", "Entrepreneur" oder "Karriere-Portfolio" schwirren durch den Raum, und an den Wänden hängen Stellenanzeigen, auf denen nach Controllern, Developern oder Produktmanagern gesucht wird, gerne orthografisch fragwürdig "für unserem Standort Düsseldorf". Und doch ist nichts an dieser Veranstaltung alltäglich, die am Wochenende in Berlin stattfand: Die Messe richtet sich nämlich an LGBT, also Lesben, Schwule, Bisexuelle und Transgender.

Es ist die einzige Karrieremesse für Homosexuelle in Deutschland und europaweit die größte ihrer Art. "Sticks and Stones" heißt sie, der Name ist einem englischen Kindergedicht entnommen, in dem es darum geht, dass man ruhig bleiben soll, wenn man beschimpft wird. Das ist auch das Motto des Gründers.

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Stuart Cameron, schwarze Hose, schwarze Jacke, Turnschuhe, hat einen typischen Berliner Lebenslauf. Er kommt aus Süddeutschland, wo er als Eventplaner Partys organisiert hat, der Liebe wegen ging er nach Berlin und zog ein Unternehmen auf. Studiert hat Cameron Betriebswirtschaft, er hat in Agenturen gearbeitet und ein Auslandspraktikum gemacht. Schon während der Ausbildung habe er gemerkt, "dass ich nicht so sein kann wie ich bin", sagt Cameron.

Am Arbeitsplatz zog er sich zurück, weil er nicht wollte, dass die anderen von seinem Schwulsein erfahren. Als es dann doch herauskam, "wurden alle meine Befürchtungen wahr". Cameron wurde als "Schwuchtel" beschimpft, sein Auto, das er auf dem Firmenparkplatz geparkt hatte, fand er zerkratzt wieder, Kollegen bezichtigten ihn des Diebstahls.

Nur ein Drittel der Befragten würde sich im Job outen

Erfahrungen wie diese sind bis heute gesellschaftlicher Alltag für Lesben und Schwule. Nicht nur, dass sie immer wieder Opfer von Übergriffen werden, die Zahl homophober Straftaten ist konstant hoch, im Jahr 2018 wurden in Deutschland mehr als 300 Delikte angezeigt. Wie sich aus einer aktuellen Studie der Unternehmensberatung Boston Consulting Group ergibt, fühlen sich auch nirgendwo so viele LGBT am Arbeitsplatz unwohl wie in Deutschland.

Nur ein gutes Drittel der Befragten in zwölf westlich geprägten Industrieländern würde sich im Job outen, heißt es in der Studie, in Großbritannien sind es 63 Prozent, der weltweite Durchschnitt liegt bei 52. Und fast jeder Vierte empfindet es immerhin als Karrierehindernis, im Job offen mit seiner sexuellen Orientierung umzugehen.