Süddeutsche Zeitung

Leistungsdruck in der Grundschule:Weg mit den Noten!

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Grundschullehrerin Sabine Czerny wurde strafversetzt, weil der Notendurchschnitt ihrer Klasse zu gut war. Jetzt kämpft sie für ein gerechteres Schulsystem ohne Noten - und riskiert dabei ihren Job.

Maria Holzmüller

Sabine Czerny hat einen wunden Punkt getroffen. Die Lehrerin spricht das aus, was Eltern hören wollen. Zumindest die Eltern, die an diesem Abend im Oktober ins Münchner Literaturhaus gekommen sind, um sich Czernys Buch präsentieren zu lassen - wenn sie es nicht schon gelesen haben. Was wir unseren Kindern in der Schule antun ... und wie wir das ändern können, heißt das fast 400 Seiten umfassende Werk - und das Interesse daran ist groß.

Der Saal des Literaturhauses ist an diesem Abend gut gefüllt. Junge Eltern sitzen neben ergrauten Lehrern mit Nickelbrille, Lehramtsstudenten neben Alt-68ern. Die einen diskutieren über Sinn und Zweck eines Übertrittszeugnises, die anderen berichten von panischen Eltern in Lehrersprechstunden. Dass sie an diesem Abend alle gemeinsam hier sitzen, das liegt am Thema der umfassenden Streitschrift - und es liegt an Sabine Czerny selbst.

Hier schreibt eine Grundschullehrerin, die vor zwei Jahren an eine andere Schule versetzt wurde, weil der Notendurchschnitt in ihrer Klasse zu gut war. Eine Lehrerin, die ihren Beruf mit Leidenschaft ausübt und sich mitunter gefangen fühlt in den Zwängen des Systems. Eine Lehrerin, die die Leistungsbemessung in deutschen Schulen für das Grundübel unseres Bildungssystem hält. Eine Lehrerin, die davon überzeugt ist, dass jedes Kind lernen will, wenn nicht die ständigen Leistungsvergleiche wären. Darüber hat sie jetzt ausführlich geschrieben.

Ihr Plädoyer ist für die junge Frau durchaus ein Risiko. Czerny ist noch immer als Lehrerin an einer bayerischen Grundschule aktiv. Morgens leitet sie den Unterricht in ihrer ersten Klasse, nachmittags versucht sie derzeit neben der Unterrichtsvorbereitung auch den Presseanfragen gerecht zu werden. "Ich bleibe eigentlich gerne im Hintergrund, aber diese Geschichte damals hat mir eine öffentliche Rolle beschert, die ich jetzt auch annehme", sagt sie wenige Tage vor ihrem Auftritt in München.

Dass sie die geballte Aufmerksamkeit und das Scheinwerferlicht dann tatsächlich ein bisschen nervös machen, davon zeugen im Literaturhaus ihre roten Wangen und ihr hohes Sprechtempo, als sie beginnt, in stakkato darzulegen, warum Noten den Kindern nur schaden. "Noten demoralisieren und demotivieren, sie suggerieren Unterschiede, die gar nicht da sind", steigt sie sein - und gibt damit eine Kernthese ihrer Streitschrift wieder. Jedes Kind wolle lernen und habe Spaß daran - die einen erreichen ihr Lernziel eine Woche früher, die anderen eine Woche später.

Sobald es jedoch um Noten gehe und eine Probe, wie Prüfungen in der Grundschule heißen, anstehe, ändere sich die Atmosphäre. "Die Kinder haben Angst. Die Kinder geraten in Stress und unter Druck. Wenn sie sich nicht bei der ersten Probe fürchten, so doch spätestens bei der zweiten oder dritten", schreibt Czerny in ihrem Buch.

Und die Eltern wissen es: Wenn eine Prüfung geschrieben wird, ist es egal, ob jemand das abgefragte Können schon eine Woche später perfekt beherrscht. "Allen Kindern werden zur gleichen Zeit die gleichen Inhalte aufgezwängt. Das macht es uns Lehrern unmöglich, individuell auf einzelne Schüler einzugehen", sagt Czerny.

Dabei sei der Zeitfaktor wahnsinnig wichtig. Manches Kind, dass zu Hause bereits mit den Eltern Lesen gelernt hat, ist einen Schritt voraus. Sozial benachteiligte Kinder hingegen haben diesen Vorsprung vielleicht nicht und brauchen deshalb länger - lernen aber eigentlich noch mehr als ihre Klassenkameraden. Messbar in Noten ist diese Leistung nicht. Und trotzdem wollen Noten genau das vermitteln: den Eindruck einer objektiven Leistungsskala, so der Vorwurf.

Diese Art der Leistungsermessung nehme den Kindern jede Lust am Lernen. Es gehe nicht mehr darum, bestimmte Fähigkeiten zu erlernen, sondern gute Noten zu bekommen. "Das verhindert bei kleinen Kindern das organische Lernen, bei den Älteren das entgrenzte Lernen", so Czerny. Dabei sei genau das heute so wichtig: dass Schüler sich in dem Gebiet fortbilden, das ihnen liegt und das sie interessiert - auch fernab des Lehrplans. Das krampfhafte Streben nach Einsern oder Zweiern bringt da wenig.

Das sieht auch Klaus Wenzel, Präsident des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbandes so: "Unser Leistungsbegriff ist ziemlich erbärmlich - nicht umsonst spricht man in diesem Zusammenhang vom Bulimie-Lernen", sagt er im Münchner Literaturhaus.

Die Zustimmung unter den Zuhörenden in München ist groß. Immer wieder unterbricht spontaner Applaus Czernys Ausführungen, spontane "Bravo"-Rufe schallen nach vorne. Dass Lehrer in Deutschland neben dem Bildungsauftrag auch einen klaren Selektionsauftrag haben, ist ein Widerspruch, der viele der Anwesenden zornig macht. Es gibt die Noten eins bis sechs - also müssen sie auch alle vergeben werden, damit der Schnitt stimmt. Eine Vorgabe, die Lehrer wie Schüler verzweifeln lässt, wie dieser Abend suggeriert.

Sabine Czerny jedenfalls ist davon überzeugt, dass es auch anders geht. Eine Schule, in der es mehr Freiräume zum individuellen Lernen gibt, wünscht sie sich. Wo es keine Noten gibt, sondern klare Anforderungen, die die Schüler erfüllen müssen - in ihrem Tempo. Am Ende könnte dann statt einer Abschlussnote ein Kompetenzbaum stehen, der detailliert auflistet, welche Fähigkeiten ein Schüler im Laufe seiner Schulzeit erworben hat. Hier hätten die fünf Jahre Theater-AG ebenso Platz wie die Sprach- und Mathematikkenntnisse.

Das Argument, dass Noten die Leistungen von Schülern international vergleichbar machen, lässt Czerny nicht gelten. "Was sagt uns denn eine Abiturnote? Wir wissen nicht, in welchen Fächern geprüft wurde und bei welchen Lehrern. Diese Art der Leistungsbewertung ist an sich völlig intransparent", sagt sie.

Dass ihr engagierter Kampf für ein gerechtes Bildungssystem sie ihren Job kosten könnte, weiß sie. Aber einfach an eine Waldorfschule zu wechseln - diese Zusatzausbildung hat sie - und dort unbehelligt ein Leben und Lehren ohne Noten zu praktizieren, kam für sie trotzdem nicht in Frage. "Ich fühle mich beim Unterrichten in der Regelschule noch immer am freiesten. Ich muss mich nicht einer Ideologie unterordnen und kann individuell entscheiden, welche Methode jeweils für die Kinder meiner Klasse richtig ist", sagt sie.

Dass am Ende trotz allem persönlichen Engagement das System stärker ist, frustriert sie dennoch. "Ich habe die Vorgabe, die Notenskala auszuschöpfen und ich muss selektieren - auch wenn das den Kindern die Motivation raubt. Ich habe in diesem System keine Chance, nur gute Schüler in meiner Klasse zu haben." Dafür kämpfen wird sie trotzdem. Vormittags in ihrer Schulklasse, nachmittags in Interviews - "weil ich will, dass Schule besser wird". Man glaubt es ihr.

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