Leiharbeiter:Sklaven des Aufschwungs

Lesezeit: 3 min

Sie bauen Autos, pflegen Alte und arbeiten im Supermarkt: In den meisten Branchen verdienen Leiharbeiter dabei weniger als ihre regulär angestellten Kollegen. Sie zahlen den Preis für das deutsche Jobwunder

Thomas Öchsner

Im Frühjahr 2009 erhielten Unternehmen in Nordrhein-Westfalen ungewöhnliche Post. "Kalkulieren Sie mit spitzem Bleistift, dank unserer Wirtschaftskrisen-Rabatt-Aktion", konnten sie in einem Werbesprospekt lesen. Und weiter hieß es darin: "Exklusiv für Sie - Sichern Sie sich jetzt 15% Rabatt auf alle Hilfs- und Fachkräfte." Eine Zeitarbeitsfirma hatte wie bei Rabattaktionen für Teppiche ihre Mitarbeiter wie Waren feilgeboten.

Leiharbeiter: Ursprünglich wurden Leiharbeiter nur in Boomzeiten eingestellt - also dann, wenn im Unternehmen außergewöhnlich viele Aufträge abzuarbeiten waren. Mittlerweile sind viele Arbeitgeber aber dazu übergegangen, durch die Anstellung von Leiharbeitern systematisch tarifliche Standards zu unterlaufen. In der Stahlbranche soll sich das nun ändern.

Ursprünglich wurden Leiharbeiter nur in Boomzeiten eingestellt - also dann, wenn im Unternehmen außergewöhnlich viele Aufträge abzuarbeiten waren. Mittlerweile sind viele Arbeitgeber aber dazu übergegangen, durch die Anstellung von Leiharbeitern systematisch tarifliche Standards zu unterlaufen. In der Stahlbranche soll sich das nun ändern.

(Foto: AP)

Damals ging es der Branche noch schlecht. Zehntausende Leiharbeiter verloren in der Krise ihren Job. Jetzt, im Aufschwung, ist es umgekehrt: Jede dritte neue Stelle besetzen Arbeitgeber mit Aushilfskräften von Zeitarbeitsfirmen, die ihre eigenen Mitarbeiter gegen Gebühr an andere Unternehmen verleihen. Die Branche boomt wie noch nie - und zugleich wächst die Kritik an der Leiharbeit.

Sie bauen Autos, pflegen die Alten oder arbeiten in Einkaufsmärkten. In Deutschland gibt es etwa 750.000 Leiharbeiter. Wenn sich der Boom fortsetzt, könnten es bald eine Million sein. Der typische Leiharbeiter ist ein Mann mit Vollzeitjob, der kurzfristig vor allem in die Metall- und Elektroindustrie vermittelt wird. Die Frauen sind meist im Gesundheits- und Dienstleistungsbereich tätig. Gut die Hälfte der Zeitarbeiter ist nach einer Untersuchung der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung nicht älter als 35 Jahre alt.

Anfang des Jahrtausends spielte das Phänomen in Deutschland noch kaum eine Rolle. Dann wollte die rot-grüne Regierung Hürden für Neueinstellungen beseitigen, die Schwarzarbeit bekämpfen - und so der Massenarbeitslosigkeit den Kampf ansagen. 2003, noch vor den Hartz-Reformen, wurde der Einsatz von Leiharbeitern vereinfacht, Schutzvorschriften wurden gestrichen: Seitdem dürfen die derzeit 23.000 Zeitarbeitsfirmen Mitarbeiter speziell für einen Auftrag befristet einstellen. Sie können die Leiharbeiter auf unbegrenzte Zeit in ein Unternehmen entsenden.

Außerdem steht der Grundsatz "Gleiche Bezahlung für gleiche Arbeit", den die Tarifparteien in der Stahlbranche jetzt wieder einführen wollen, in der Regel nur noch auf dem Papier. Abweichende Regelungen sind durch Tarifverträge möglich, und solche gelten für fast alle Leiharbeiter. Sie erhalten von ihrer Zeitarbeitsfirma im Schnitt 20 bis 25 Prozent weniger Geld als Kollegen, die regulär beschäftigt sind. In der untersten Lohngruppe beläuft sich der Stundenlohn im Westen auf 7,60 Euro, im Osten sind es 6,40 beziehungsweise 6,65 Euro. Jeder Achte verdient so wenig, dass er zusätzlich auf Hartz IV angewiesen ist.

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