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Leiharbeit:"Der Klebeeffekt ist ein Mythos"

Dörre: Natürlich - so lange, bis seine Leute völlig ausgebrannt sind. Solch ein System zielt darauf ab, die Leute systematisch auszupowern. Verschleißeffekte und psychische Erkrankungen nehmen zu. Das ist dann nicht mehr im Interesse der Firma.

sueddeutsche.de: Unternehmen und die Politik argumentieren, durch Leih- und Zeitarbeit werde Arbeitssuchenden der Einstieg in einen festen Job erleichtert.

Dörre: Dieser Klebeeffekt ist ein Mythos. Bei "normalen" Arbeitslosen ist die Quote derer, die eine Arbeit finden, genauso hoch wie bei Leiharbeitern. Arbeitsmarktpolitisch macht es also keinen Unterschied, ob die Menschen vorher an eine Firma ausgeliehen wurden oder nicht. Und gesellschaftlich ist der Einsatz von Zeitarbeitern eine Katastrophe: Werden sie als Reservearmee in Betrieben vorgehalten, verliert eine komplette Gruppe den Anschluss an weite Teile der Gesellschaft. Ihre Lohneinbußen liegen zwischen 20 und 30 Prozent, die Schere zwischen Arm und Reich öffnet sich immer weiter. Ganze Regionen fallen zurück, weil dort die Kaufkraft sinkt.

sueddeutsche.de: Wie wirkt sich die Wirtschaftskrise auf die Branche aus?

Dörre: Ursprünglich sollten die Gewinne aus den Boomzeiten in die Weiterbildung der Leiharbeiter investiert werden, sobald die Wirtschaft ins Stocken gerät. Doch dieses Versprechen haben die Leiharbeitsfirmen nicht gehalten: Zeitarbeiter wurden von den Firmen natürlich als erste entlassen und haben dann auch beim Verleiher keine Verträge mehr bekommen. Erstaunlicherweise ging das alles bislang sehr geräuschlos. Doch es wird in den nächsten Monaten auch noch zu Entlassungen bei der Stammbelegschaft kommen.

sueddeutsche.de: Und die dann Arbeitslosen fangen nach der Krise wieder als Leiharbeiter an?

Dörre: Genau, darauf setzen sowohl die Zeitarbeitsfirmen als auch die ausleihenden Unternehmen. Das Geschäft ist sowohl im Sinne der Verleiher, die damit ihre Gewinne machen, als auch im Sinne der Unternehmen, die so den Kündigungsschutz außer Kraft setzen.

sueddeutsche.de: Was wäre für Sie die wünschenswerte Konsequenz - ein Verbot der Leiharbeit?

Dörre: Nein, aber Leiharbeit sollte gewissen Standards unterliegen: Der Grundsatz "Gleiches Geld für gleiche Arbeit" muss eingehalten werden. Dies betrifft im Übrigen nicht nur Leiharbeiter, sondern auch Frauen, die häufig schlechter bezahlt werden als ihre männlichen Kollegen. Im Prinzip müsste Zeitarbeit sogar besser bezahlt werden.

sueddeutsche.de: Wieso das?

Dörre: Ein Leiharbeiter ist im Durchschnitt drei Monate in einem Betrieb, manchmal sind es auch nur drei Wochen. Dann steht ein Wechsel an. Für diese Flexibilität müssen Leiharbeiter eine enorme Energie aufbringen. Deshalb sollte flexible Arbeit teurer sein, das würde der Leistung der Menschen viel mehr entsprechen. Dann würde Leiharbeit sogar attraktiv werden, vor allem für junge, gut ausgebildete Berufseinsteiger.