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Legal Technology:Digitale Kollegen

Moderne Software verändert den Arbeitsalltag von Juristen: Viele Routineaufgaben können Computer oder Bots erledigen. Die sogenannte Legal Tech spielt auch im Hochschulstudium zunehmend eine Rolle.

Laut Gerüchten soll es noch Rechtsanwälte geben, die ohne Computer auskommen. Diese Spezies dürfte bald ausgestorben sein, denn digitale Technologien drängen mehr und mehr in den Arbeitsalltag von Juristen. Das verändert auch die universitäre Ausbildung der angehenden Rechtsanwälte, Richter und Staatsanwälte. Die Herausforderung für die Hochschulen besteht darin, die maßgeblichen Entwicklungen bei der Legal Technology, kurz "Legal Tech", zu erkennen, Unwichtiges von Wichtigem zu trennen und Letzteres in die Lehrpläne zu integrieren.

Auch für komplexe Themen wie die Unternehmensbewertung gibt es intelligente Software

Auch die Juristenausbildung orientiert sich an der Praxis. Vor allem sind es immer wiederkehrende Routinearbeiten, die von Computern oder Automatisierungsprogrammen, den sogenannten Bots, übernommen werden können. "Aktenberge nach bestimmten Dokumenten zu durchforsten oder relevante Inhalte aus einem Vertragswerk herauszufiltern, können intelligente Programme wesentlich schneller als Menschen", beschreibt Dierk Schindler, Leiter der Rechtsabteilung beim Datenmanagementanbieter Net App, was digitale Assistenten leisten.

Schindler ist auch Mitbegründer des Liquid Legal Institute mit Sitz in Tutzing am Starnberger See. Das Institut versteht sich als offene und interdisziplinäre Plattform, um die digitale Transformation im Bereich des Rechts voranzutreiben. "Bei einer von uns durchgeführten Studie gaben 84 Prozent der Leiter von Rechtsabteilungen in großen Unternehmen an, dass sich mit Legal Tech deutliche Kostensenkungen erzielen lassen können", berichtet Andreas Bong, Partner bei der KPMG-Law-Rechtsanwaltsgesellschaft, die in verschiedenen deutschen Städten ansässig ist.

Justitia

Justitia braucht heutzutage nicht nur ihre Waage, sondern auch Software. Wie man sie anwendet, erlernen angehende Juristen in speziellen Kursen.

(Foto: Arne Dedert/dpa)

IT-Lösungen vereinfachen vor allem die Büroorganisation und die Dokumentenverwaltung. Der Einsatz von digitalen Akten gehört daher in vielen Rechtsanwaltskanzleien schon zum Arbeitsalltag. "Zudem nutzen wir externe Fachdatenbanken für die verschiedenen Rechtsgebiete, und intern führen wir Muster- und Beispielsammlungen von Fällen und Urteilen auf einer Plattform zusammen und verwenden sie nicht nur für Projekte, sondern auch für Fortbildungen unserer Mitarbeiter", berichtet Rechtsanwalt Stefan Sieling, Partner und Leiter des Knowledge-Management- und Legal-Tech-Teams bei der Wirtschaftskanzlei CMS in Stuttgart. Bei den fortgeschrittenen Legal-Tech-Lösungen lassen sich zwei Trends erkennen. "Die Anwendungen verlagern sich von eher allgemeinen Rechtsfragen wie dem Einfordern von Entschädigungen für Flug- oder Bahnreisende hin zu mehr spezifischen Problemstellungen wie der Due Diligence, also Unternehmensbewertung bei Unternehmenstransaktionen", erklärt Bong. "Dementsprechend können mit IT-Lösungen nicht nur standardisierte Tätigkeiten, sondern immer mehr individuelle Aufgaben bearbeitet werden." CMS beispielsweise arbeitet an der Programmierung von hauseigenen Legal-Tech-Lösungen. Dabei greift die Kanzlei oft auf Standardsoftware zurück, die dann den spezifischen Bedürfnissen einer Wirtschaftskanzlei mit ihren komplexen Aufgabenstellungen angepasst wird. "Eine dieser Lösungen besteht aus einer menügeführten Abfrage zur Erstellung von Dokumenten im Gesellschaftsrecht und anderen Rechtsgebieten. So kann zum Beispiel eine GmbH-Gründung inklusive Anmeldung im Handelsregister sehr effizient erfolgen. Damit sind wir schneller und günstiger und teilen diesen Kostenvorsprung mit unseren Mandanten", erläutert Stefan Sieling.

Die rasch voranschreitende Entwicklung von Legal Tech ist für die Hochschulen eine Herausforderung. Denn wer heute ein Jurastudium aufnimmt, arbeitet erst in sechs bis zehn Jahren im Beruf. Und der dürfte sich bis dahin durch Legal Tech erheblich verändert haben. Deshalb reagieren sowohl die privaten als auch die öffentlichen Hochschulen auf diesen Trend - in unterschiedlichem Maße. So wurde an der juristischen Fakultät der EBS-Universität für Wirtschaft und Recht in Wiesbaden ein neuer Schwerpunktbereich "Recht der Digitalisierung" geschaffen, der auch Legal Tech umfasst. Damit fließen Legal-Tech-Inhalte sogar in die Examensnote ein. Die juristische Fakultät der Universität Passau hat eine Ringvorlesung zu Legal Tech organisiert. An der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) in München treibt Thomas Hofer, Akademischer Direktor des dort angesiedelten Rechtsinformatikzentrums, das Thema voran. Der IT-Dienstleister der juristischen Fakultät hat einen modular zusammengesetzten Begleitstudiengang "Rechtsinformatik und Informationsrecht" konzipiert. "In diesem Kontext beobachten wir die Entwicklungen von Legal Tech und bieten Start-up-Unternehmen an, sich im Rahmen von geeigneten Lehrveranstaltungsformaten bei uns zu präsentieren", erläutert Hofer. Darüber hinaus hat eine Gruppe von sieben engagierten Jurastudenten vor einem Jahr die Munich Legal Tech Student Association gegründet, die regelmäßig Studierende und ausgebildete Juristen zu Veranstaltungen und Workshops einlädt. "Unser Ziel ist es, Legal Tech stärker an die Universitäten und in die juristische Ausbildung zu bringen", sagt Kai Ebert, Vorsitzender der Gruppe. Das zeigt, dass das Thema auch beim Nachwuchs angekommen ist.

Legal Tech

Legal Tech ist die Bezeichnung für IT-Lösungen, die die Arbeit von Anwälten unterstützen und zum Teil ersetzen. Die bisherige Entwicklung wird in drei Generationen unterteilt: Die erste Generation besteht aus Software zur Büroorganisation, die Anwälte etwa bei der Dokumentenverwaltung unterstützt. Legal Tech 2.0 zielt darauf ab, juristische Arbeits- und Kommunikationsschritte wie die Vertragserstellung oder Klärung von Rechtsstreitigkeiten selbständig und ohne Mitwirkung eines juristisch geschulten Mitarbeiters auszuführen. Mit Legal Tech 3.0 werden IT-Lösungen bezeichnet, die tatsächlich einen Teil der komplexeren Aufgaben von Anwälten übernehmen könnten. Die Distributed-Ledger-Technologie (DLT) zum Beispiel könnte aufwendige Verifizierungen im Vertrags- und Immobilienrecht überflüssig machen. Sogenannte Chatbots beantworten schon heute einfache Fragestellungen in klar umrissenen juristischen Bereichen. In Zukunft könnte DLT Anwälte und Mandanten auch in komplizierten Einzelfällen mit Analogien unterstützen. Allerdings sind derartige IT-Anwendungen nur mit enormem Aufwand zu programmieren und aktuell noch nicht marktreif. Christine Demmer

Seit dem Studienjahr 2017/18 bietet die Bucerius Law School in Hamburg ein Technologiezertifikat in ihrer juristischen Ausbildung an. Das Technologiezertifikat umfasst Einführungskurse in die Informatik, die Statistik, die Programmierung für Juristen sowie einen Kurs über ethische Fragen des Technologieeinsatzes. Ethische Fragen stellen sich etwa, wenn bei einer Operation etwas schiefläuft, bei der Roboter Mediziner unterstützen oder gar ersetzen. Auch beim autonomen Fahren kann es den Gewissenskonflikt geben, ob es im Zweifelsfall Priorität hat, das Leben der Insassen zu schützen oder das der Verkehrsteilnehmer außerhalb des Gefährts.

Was den Anwaltsberuf angeht, ist Andreas Bong von der KPMG Law jedenfalls überzeugt: "Die Bewertung von sehr komplexen Sachverhalten, verbunden mit einer qualifizierten und aus Erfahrung gespeisten, strategischen Rechtsberatung, wird auch künftig als Kern anwaltlicher Arbeit unersetzlich bleiben."