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Langzeitarbeitslosigkeit:Ausgemustert

Bewerber sind gesucht - aber nur, wenn sie nicht langzeitarbeitslos sind.

(Foto: oh)

Weniger als die Hälfte der Unternehmen in Deutschland berücksichtigt im Einstellungsprozess auch Bewerber, die schon länger als ein Jahr arbeitslos sind. Trotz Personalmangels helfen oft nur persönliche Empfehlungen weiter.

Es ist paradox: Einerseits klagen viele Firmen darüber, dass sie keine Mitarbeiter finden. Andererseits würdigen sie manche Kandidaten keines Blickes. Fast jedes zweite Unternehmen lässt Bewerbungen grundsätzlich links liegen, wenn der Absender ein Langzeitarbeitsloser ist. Das heißt: Anfragen von Menschen, die länger als ein Jahr ohne Job sind, werden noch nicht einmal gesichtet.

Das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) in Nürnberg hat bei mehr als 1000 Unternehmen nachgefragt und herausgefunden, dass 14 Prozent von ihnen überhaupt keine Arbeitslosen im Einstellungsprozess berücksichtigen - unabhängig von der Dauer ihrer Arbeitslosigkeit. 34 Prozent geben nur solchen Kandidaten eine Chance, die weniger als zwölf Monate ohne Beschäftigung waren.

Der Fachkräftemangel habe allerdings dazu geführt, dass die Unternehmen nicht mehr ganz so schnell aussortierten, so die IAB-Forscher. Zwischen 2011 und 2016 sei die Bereitschaft, einen Langzeitarbeitslosen als Mitarbeiter in Erwägung zu ziehen, um elf Prozentpunkte gestiegen. Diese Steigerung bedeute aber noch nicht, dass Langzeitarbeitslose auch tatsächlich eingestellt würden. Noch immer sind etwa 850 000 Menschen in Deutschland länger als ein Jahr ohne Job.

Entscheidend für die Neueinstellung von Langzeitarbeitlosen ist laut IAB eine Eigenschaft: Zuverlässigkeit. Für mehr als die Hälfte der befragten Personalverantwortlichen ist dies die wichtigste Voraussetzung, um Langzeitarbeitslose einzustellen - wichtiger noch als die Arbeitsmotivation oder die fachliche Qualifikation. Insgesamt schätzen die Personaler die Eigenschaften von Langzeitarbeitslosen schlechter ein als die von Kurzzeitarbeitslosen. Vor allem bei Flexibilität, Belastbarkeit, Engagement oder Disziplin sehen sie große Unterschiede. Teamfähigkeit oder soziale Kompetenz würden dagegen mehrheitlich positiv bewertet, so die Studie.

In einem zweiten Schritt versuchten die Forscher zu ermitteln, ob diese Bewertung auf Erfahrung oder lediglich auf Vorurteilen beruht. Dabei zeigte sich, dass Betriebe, die bereits Erfahrung mit Langzeitarbeitslosen gemacht hatten, deren Eigenschaften noch deutlich schlechter bewerteten als Betriebe ohne solche Erfahrungen.

Dennoch würden die befragten Personaler unter bestimmten Bedingungen auch langzeitarbeitslose Bewerber berücksichtigen: Mehr als die Hälfte von ihnen gibt an, einen Kandidaten dann näher zu betrachten, wenn der Kontakt über eine persönliche Empfehlung zustande käme. Die Bereitschaft erhöht sich auch, wenn der Arbeitgeber öffentlich bezuschusst würde oder wenn keine anderen passenden Kandidaten zur Verfügung stünden.

Laut Studie finden Langzeitarbeitslose denn auch am ehesten einen Job in kleinen Betrieben, die Schwierigkeiten haben, andere Bewerber für sich zu gewinnen. Außerdem sind ihre Jobs häufiger von Hitze, Schmutz, Lärm und kurzfristiger Beschäftigung geprägt. Wie die Einstellungschancen von Langzeitarbeitslosen verbessert werden könnten, wurden die Personaler auch gefragt. Ihre Empfehlung: eine bessere fachliche Qualifizierung und Maßnahmen für mehr Motivation und Belastbarkeit.