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Langwierige Bewerbungsverfahren:Kandidat in der Endlosschleife

Jobwechsel mit Hindernissen: Wer sich auf eine neue Stelle bewirbt, sollte Geduld mitbringen. Unternehmen stellen Bewerber auf die Probe - manchmal monatelang.

Mit einer Einladung zum Vorstellungsgespräch hatte Luise Werth nicht mehr gerechnet. Schließlich war es schon zwei Monate her, dass sie sich für eine Stelle in der Forschungs- und Entwicklungsabteilung eines internationalen Konzerns beworben hatte. Als plötzlich doch noch der Anruf kam, war die 28 Jahre alte Ingenieurin überrascht. Und obwohl sie nach einem einstündigen Telefoninterview kein besonders gutes Gefühl hatte, ging es jetzt erst richtig los.

Treppenarchitektur in Freiburg

Sie sind zum Vorstellungsgespräch eingeladen? Herzlichen Glückwunsch! Aber machen Sie sich darauf gefasst, dass es mit diesem einen Mal nicht getan sein wird. Personaler gehen gern auf Nummer sicher und wollen wieder und wieder mit Ihnen reden.

(Foto: dpa)

"Zuerst sollte ich einen halbstündigen Vortrag über ein frei gewähltes Thema vorbereiten", sagt Luise Werth, die eigentlich einen anderen Namen trägt. "Eine Woche vor dem Termin wurde mir dann noch ein Fachthema gestellt, über das ich zehn Minuten lang referieren sollte. Da war ich noch voller Elan." Insgesamt dauerte das Gespräch mit fünf Vertretern der Abteilung fast vier Stunden. Zwischenzeitlich war sie zum dritten Mal gebeten worden, ihren Lebenslauf aufzuschreiben, obwohl sie bereits einen Online-Personalbogen ausgefüllt und eine klassische Vita eingereicht hatte. "Das alles kostet Zeit, und man ärgert sich, wenn man x-mal dasselbe machen muss", sagt Werth.

Das war nicht das einzige Problem. Werths derzeitiger Arbeitgeber soll nämlich nicht wissen, dass sie sich nach einem neuen Job umschaut. Für das Überraschungsinterview hatte sie sich noch unauffällig in ein leeres Büro zurückziehen können. Für das Bewerbungsgespräch am anderen Ende der Republik musste sie sich zwei Tage frei nehmen. Doch damit nicht genug. Werth hat jetzt wieder eine Einladung auf dem Tisch. Diesmal geht es in die dritte Runde, und dafür sind gleich zwei Termine an zwei aufeinanderfolgenden Tagen angesetzt. "Da muss ich wieder mindestens drei Tage frei nehmen, langsam werden meine Urlaubstage knapp", sagt Werth.

Die Belastung ist enorm. Freizeit hat Werth nicht mehr gehabt, seit sie sich entschieden hat, nach einer neuen Stelle zu suchen. Einem anderen Unternehmen, das sie einstellen wollte, hat sie schon abgesagt, weil sie auf die Position in dem internationalen Konzern hofft. Das Risiko, am Ende doch nicht genommen zu werden, nagt mittlerweile an ihrer Motivation. "Irgendwie bin ich müde und hoffe, dass man mir das bei der nächsten Runde nicht anmerkt", sagt sie.

"Etwa 80 bis 90 Prozent der Bewerbungsgespräche verlaufen heutzutage in Form mehrerer Runden oder als Assessment Center", sagt Jürgen Hesse. Seit 1992 zählt das von ihm gegründete Büro für Berufsstrategie Hesse/Schrader in Berlin zu einer der bekanntesten Karriereberatungen in Deutschland. Er sagt auch: "Die meisten haben Angst vor diesem Procedere." Und das seien bei weitem nicht die schlechtesten Kandidaten. Viele geben mitten im Bewerbungsverfahren auf oder lehnen am Ende die Stelle ab, obwohl sie ausgewählt worden sind. "Ich habe irgendwie keine Lust mehr, mich zum Affen zu machen", sagt auch Werth, die Auslandsaufenthalte, exzellente Abschlüsse, Praktika und erste Berufserfahrungen vorweisen kann.

Jürgen Hesse erklärt den Trend zu aufwendigen Bewerbungsverfahren, der seit den achtziger Jahren fest in deutschen Unternehmen verankert ist, mit einem Sicherheitsbewusstsein der Arbeitgeber: "Man will sichergehen, dass man den Besten auswählt, und viele Firmen tun sich schwer mit Einstellungen, weil die Kandidaten am Anfang mehr kosten, als sie einbringen. Immerhin verlässt jede vierte Führungskraft das Unternehmen noch im ersten Jahr." Hesse sieht ein doppeltes Problem: "Es gibt zu viele Akademiker auf dem Markt, und es ist schwierig, die Richtigen darunter zu finden." Dazu fördern Verfahren wie Assessment Center die Schauspieler unter den Berufseinsteigern. "Man erkennt den Diamanten nicht, weil er noch nicht geschliffen ist."

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