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Kündigungsstreit:Wir sind ja gar nicht so

Gefeuert wegen einer verspeisten Frikadelle: Sowohl Chef als auch Sekretärin haben sich mittlerweile entschuldigt, doch die Kündigung bleibt bestehen

Der Fall taugte offenkundig zu einer Generalaussprache. Knapp 4,8 Millionen Menschen sahen am Sonntagabend zu, wie bei " Anne Will" darüber debattiert wurde, ob eine neue Eiseskälte in der deutschen Gesellschaft eingezogen sei: "Wegen Frikadelle gefeuert - gnadenlose Arbeitswelt?", lautete der Titel der Sendung. Der Fall einer 59-jährigen Sekretärin, die von ihrem Arbeitgeber, dem Bauverband Westfalen, nach 34 Jahren Tätigkeit wegen einer verspeisten Frikadelle und zwei halber Brötchen fristlos entlassen worden war, hat die Debatte grundsätzlich werden lassen.

Dabei hat sich der Hauptgeschäftsführer des Bauverbandes Westfalen, pünktlich zur Sendung, in einem Offenen Brief an Magdalene H., 59, entschuldigt. "Meine Reaktion war menschlich zu hart", heißt es in den Schreiben des Hauptgeschäftsführers Hermann Schulte-Hiltrop, das der SZ vorliegt. "Dafür entschuldige ich mich öffentlich, ich bedaure dies sehr", heißt es weiter. Der Verband versuche nun, "außergerichtlich eine gütliche Einigung zu erzielen" und eine "sozialverträgliche Lösung" finden.

Die 59-jährige Sekretärin hatte für die ehrenamtlichen Sachverständigen, die ins Haus kamen, einen Imbiss zubereitet - eine Brötchenplatte und ein paar Frikadellen. Als sie bei der Zubereitung Hunger bekam, griff sie zu. Zur Kündigung kam es laut Schulte-Hiltrop aber nur, weil die Frau "das über Jahre so gemacht hat", so der Hauptgeschäftsführer gegenüber der SZ. Dies sei für ihn umso unverständlicher, weil die Reste des Imbisses anschließend stets verteilt würden.

Durch ihr "zugestandenes, jahrelanges Fehlverhalten" aber sei ein "irreparabler Vertrauensverlust" entstanden, schrieb Schulte-Hiltrop. Deshalb hält der Bauverband auch - entgegen anderslautender Meldungen - sehr wohl an der "fristlosen, hilfsweise fristgerechte Kündigung" fest. Wäre es eine "einmalige Sache gewesen, hätten wir es sicher bei einer Abfindung bewenden lassen", so Schulte-Hiltrop. So aber sah er sich trotz "einiger schlafloser Nächte" zum Handeln gezwungen. "Wenn Sie einen solchen Vertrauensbruch nicht ahnden, kriegen Sie überhaupt keine Regeln mehr durchgesetzt", sagte Schulte-Hiltrop.

Ziel: Fortsetzung des Arbeitsverhältnisses

Man hoffe allerdings, den Kammertermin vor dem Arbeitsgericht Dortmund am 14. Januar 2010 durch eine finanzielle Einigung obsolet werden zu lassen. Die Anwälte beider Seiten haben bereits einen Verhandlungstermin für Ende Oktober terminiert. Dafür wird der Bauverband im Zweifel tief in die Tasche greifen müssen, schließlich macht sich die 59-Jährigen Sorgen, "keine Arbeit zu finden und in Hartz IV abzurutschen", wie ihr Anwalt Wolfgang Pinkepank mitteilte. Der Jurist begrüßte die Entschuldigung des Bauverbandes, hält eine Abfindungslösung aber für inakzeptabel. "Bisher ist das Ziel meiner Mandantin, wieder das Arbeitsverhältnis fortzusetzen."

Kein Ort sozialer Kälte

Beim Bauverband Westfalen dürfte man zu finanziellen Opfern bereit sein - zu tief sitzt der Schrecken darüber, nun in aller Öffentlichkeit dämonisiert zu werden. "Unser Verband ist ganz sicher kein Ort sozialer Kälte", sagte Schulte-Hiltrop, der gern darauf verweist, dass "die meisten Mitarbeiter hier 25 Jahre und länger beschäftigt sind". Auch mit der betroffenen Sekretärin habe er sich "angenähert", schließlich habe diese sich im Gerichtsaal entschuldigt: "Das fand ich ganz stark", so Schulte-Hiltrop, "und da war mir klar: Jetzt musst du dir auch einen Ruck geben."