Kündigung mit Extra Der sanfte Rauswurf

Wer meint, Kündigung sei gleich Kündigung, hat noch nichts von Outplacement gehört.

Von Von Markus Verbeet

(SZ vom 16.8.2003) Am einfachsten war seine eigene Entlassung. Wolfgang Matz schrieb sich die Kündigung schnell selbst. "Sehr geehrter Herr Dr. Matz", tippte der Personalleiter in seinen Rechner und ließ das Übliche folgen. Den Dank für die Zusammenarbeit, das Bedauern der Entscheidung, die guten Wünsche für die Zukunft. "Dann fehlten nur noch die Unterschriften", sagt der Personalleiter, der bald keiner mehr sein sollte.

Von der Krise überrollt

Es müssen merkwürdige Tage gewesen sein, vor einem Dreivierteljahr bei Ericsson in Hildesheim. Ein Personalleiter, der kurz zuvor noch dreißig Stellen zu besetzen hatte und plötzlich alle Mitarbeiter entlassen musste. Ein Bürogebäude, das für künftige Mitarbeiter notdürftig um Container ergänzt worden war und bald leer stehen sollte. Ein Standort, auf Wachstum programmiert und von der Krise überrollt. Wenn alles wie geplant gekommen wäre, wäre Hildesheim heute ein Musterbeispiel für den Telekommunikationsstandort Deutschland. Weil nichts wie geplant gekommen ist, zeugt Hildesheim nur noch für den neuen Umgang mit dem Niedergang: die Entdeckung des Outplacements.

Denn so schnell und schmerzlos, wie sich Wolfgang Matz selbst entließ, wurde keinem anderen Mitarbeiter gekündigt. Der Rest der Belegschaft kam in den Genuss einer Outplacement-Beratung.

Der Standort lag damit kurz vor seiner Schließung wenigstens noch einmal im Trend: Die einfache Entlassung, allenfalls versüßt mit einer Abfindung, kommt aus der Mode. Statt dessen unterstützen immer mehr Unternehmen ihre Mitarbeiter bei der beruflichen Neuorientierung und holen sich Outplacement-Berater ins Haus. Die erfreuen sich in der Wirtschaftskrise an zweistelligen Wachstumsraten und werben mit unglaublichen Erfolgsquoten: mehr als neunzig Prozent der Arbeitnehmen sollen innerhalb kurzer Zeit einen neuen Job finden.

Training gegen Karriereknick

Doch auf Begeisterung stoßen die Berater deshalb noch lange nicht. "Die Skepsis ist riesengroß", sagt Nicole Hendricks der Firma Right Coutts, die sich noch gut an die ersten Tage in Hildesheim erinnern kann: verschränkte Arme, zurückgelehnte Körper, verängstigte Gesichter. "Wir mussten erst einmal erklären, was Outplacement ist und was wir machen", sagt Hendricks. Dass es nicht um Arbeitsvermittlung gehe. Und auch nicht etwa um Outsourcing in eine Auffanggesellschaft. Sondern um das Training für die Suche nach einem neuen Job.

Eine ungewohnte Herausforderung für viele Mitarbeiter in Hildesheim. Nicht sie hatten bislang nach einem Unternehmen gesucht, sondern die Unternehmen nach ihnen. Hoch bezahlte Spezialisten saßen da zusammen, die direkt von der Uni abgeworben worden waren. Manche hatten noch nie ein Bewerbungsschreiben verfasst und waren es gewohnt, dass der Headhunter anrief. Jetzt rief niemand mehr an, und die Mitarbeiter mussten mühsam lernen, was die Outplacement-Beratungen hochtrabend "Selbstmarketing" nennen.

Was das konkret heißt, davon bekamen die Noch-Mitarbeiter spätestens eine Ahnung, als sie in Zwölfergruppen zusammensaßen und zwei Tage lang geschult wurden. Der Stundenplan umfasste allgemeine Bewerbungstipps ("innovatives Bewerbungs-Know-how", wie es die Beratungsfirma nennt, durchaus geschult im Selbstmarketing) und ein spezielles Gesprächstraining. Anschließend führten die Berater Einzelgespräche, mit jedem Mitarbeiter insgesamt bis zu zwölf Stunden. "Nach den individuellen Vorstellungen" liefen solche Gespräche ab und könnten gar eine "Farb- und Stilberatung" umfassen, heißt es bei Right Coutts. Nicht selten geht es aber auch um den Kommafehler im Bewerbungsschreiben, der einer Neuorientierung noch im Wege steht.

Toll für alle

Das klingt nach viel und ist doch wenig gemessen an dem traditionellen Outplacement. Früher richtete sich die Beratung ausschließlich an Manager der obersten Ebene, und noch heute genießen diese nach ihrer Entlassung zuweilen ein maßgeschneidertes Programm, das weit über Gruppentrainings und einige Einzelgespräche hinausführt. Die Beratungsfirmen halten eigene Büros samt Sekretärinnen bereit, in denen die Chefs die gewohnte Unterstützung erhalten, um den Karrierknick zu vermeiden. So weit geht die Beratung in den unteren Ebenen nicht, doch sind diese immerhin in den Fokus der Outplacement-Beratungen gerückt wie in Hildesheim. Auch dadurch ist es den Beratungen in Deutschland gelungen, in den letzten Jahren zu wachsen und damit den Rückstand zu Ländern wie den USA und den Niederlanden zu verkürzen; dort gehört Outplacement-Beratung fast schon zum guten Ton.

In Deutschland geht der Bundesverband Deutscher Unternehmensberater von rund 25 Anbietern aus. Die kamen nach Verbandsangaben vor zwei Jahren auf einen Umsatz von 36 Millionen Euro, ein wichtiger und vor allem wachsender Markt. Kein Wunder, dass der Verband trommelt: Outplacement-Beratung sei toll für Arbeitnehmer, Arbeitgeber und auch für den Staat. Wer schnell einen neuen Job findet, behält seinen alten Arbeitgeber in guter Erinnerung und kassiert kein Arbeitslosengeld.

Doch noch ist "Outplacement" längst nicht in allen Unternehmen bekannt. Und ob die Erfolgsquote tatsächlich stets 90 Prozent betragen kann, wenn nicht nur die Top-Manager beraten werden, bleibt abzuwarten. In Hildesheim jedenfalls wurde dieser Prozentsatz ungefähr erreicht, sagt Wolfgang Matz. Der ehemalige Personalleiter trug selbst allerdings nichts zur Erfolgsstatistik bei. Er blieb sich bei der "beruflichen Neuorientierung" treu: Wer sich selbst entlässt, muss nicht beraten werden. Seinen neuen Arbeitsplatz fand er innerhalb kürzester Zeit - ganz ohne Outplacement-Berater.