bedeckt München
vgwortpixel

Konzentration im Büro:Auf der Suche nach dem "Flow"

Der Rückversicherer Munich Re hat zum Beispiel in seinen neuen Münchner Büros Ruheboxen aufstellen lassen, die Mitarbeiter nutzen können, um ohne Unterbrechung zu arbeiten. Ähnlich macht es das Karrierenetzwerk Linkedin. Geschäftsführung und Mitarbeiter sitzen in der Deutschland-Zentrale im offenen Büro zusammen. Wer telefonieren will, kann schalldichte Glaszellen nutzen, wer seine Ruhe braucht, in abgeschlossenen Räumen arbeiten. Mitarbeiter beider Unternehmen nutzen den Rückzug nach eigenen Angaben häufig.

Ein Problem bleibt die Erreichbarkeit, die natürlich weiterhin nötig ist. Nachrichten tauschen die Linkedin-Mitarbeiter über einen Instant-Messaging-Dienst aus. Die Dringlichkeit einer sofortigen Antwort äußert sich da bereits im Wort "instant". Diese Programme sind in vielen Unternehmen verbreitet und fördern, stärker als E-Mails, Konversation statt Information. Sich diesen Digital-Gesprächen zu entziehen, ist trotz der räumlichen Rückzugsmöglichkeiten schwierig, aber möglich: Auch sie lassen sich ausschalten.

Tricks, um Ablenkung zu vermeiden

Eine Armbanduhr tragen. Wer nur das Smartphone als Uhr nutzt, lässt sich schnell dazu verführen, Facebook zu checken und sich im Internet zu verlieren. Ähnlich positive Wirkung wie eine Armbanduhr hat ein normaler Wecker im Schlafzimmer. Smartphones neben dem Bett sind nachweislich schlafstörend - und nur wer sich erholt, kann konzentriert arbeiten. Den Arbeitsort wechseln. Wer während der Arbeit abgelenkt ist, sollte den Platz wechseln - zum Beispiel vom Schreib- an den Küchentisch oder von der Wohnung in ein Hotelzimmer. Damit verleiht man der Arbeit wieder neue Wichtigkeit. Nachrichten aussperren. Um konzentriert zu arbeiten, sollte man das Handy und die Push-Funktion der E-Mails ausschalten. Anschließend lassen sich Telefonate und Nachrichten auf ein Mal, etwa innerhalb einer Stunde, abarbeiten. Wer unerreichbar ist, sollte Kollegen vorher Bescheid geben. Das bewahrt den Frieden. Rituale einführen. Konzentration erfordert viel Willen, und der erschöpft sich wie ein Muskel. Wer klare Arbeits- und Erholungszeiten befolgt, muss ihn nicht ständig aufs Neue herausfordern. Zum Beispiel mithilfe eines Weckers: 25 Minuten Konzentration, fünf Minuten Kaffee.

Konzentration ermöglicht Newport zufolge aber nicht nur Erfolg. Er sagt: Nur konzentrierte Arbeit stiftet Sinn. Versunkenes Lernen sei zwar mühsam, mache aber zufrieden. Er zitiert etwa die Psychologin Winifred Gallagher. Sie beschreibt den Zusammenhang so: Unsere mentale Welt werde davon bestimmt, auf was wir uns konzentrieren. Wer also den ganzen Tag Konferenzen besucht, E-Mails beantwortet und abgelenkt arbeitet, fokussiert sich auf Stress, Konflikt mit Kollegen und oberflächliche Fragen. Am Ende des Arbeitstages ist man erschöpft, aber nicht klüger, geschweige denn zufriedener. Gallagher schreibt: "Wer Sie sind, was Sie denken, fühlen und tun, was Sie lieben - das alles ist die Summe dessen, auf was Sie sich konzentrieren." Wer Zeit und Raum vergisst, weil er so fokussiert arbeitet, kennt das wohlige Gefühl, das sich danach einstellt.

Den Zustand des Sich-Vergessens hat der Psychologe Mihály Csíkszentmihályi untersucht und damit den berühmten Begriff "Flow" geprägt: Die Voraussetzung für diesen Zustand ist, dass die eigenen Fähigkeiten genau zur Aufgabe passen - und dass man völlig ungestört ist. Newport verweist auf empirische Untersuchungen, die gezeigt haben, dass Menschen zufriedener sind, je häufiger sie in einer Woche Flow-Momente erleben.

Wer ständig Teilaufgaben erledigt, hat es außerdem viel schwerer, in seiner Arbeit einen Sinn zu erkennen. Bildhaft gesprochen: Wer in einer Fabrik nur eine Schraube in einem Stück Holz befestigt, erschafft noch keinen Stuhl. Wer ein komplettes Möbelstück herstellt, sieht eher einen Sinn. Und das ist befriedigend.

Gemütlich ist konzentrierte Arbeit allerdings nicht: Sie erfordert Disziplin, ist manchmal langweilig und konfrontiert einen mit dem tatsächlichen Lernrückstand. Vor allem stellt sie bloß, wie stark man ist, zu was man fähig ist und zu was nicht. Und das ist ziemlich beängstigend.