Kommunikation mit dem Chef:Weit weg und doch so nah

Der Chef führt seine Mitarbeiter aus der Ferne, Vorstellungsgespräche finden am Bildschirm statt. Videotechnik schafft neue Freiheiten im Arbeitsalltag.

Nicolas Zeitler

Mit dem Händeschütteln ist das so eine Sache. Wenn sich Mitarbeiter des Netzwerkanbieters Cisco zu Besprechungen treffen, geben sich nur einige von ihnen die Hand. Die anderen nicken sich nur zu. Und wenn am Konferenztisch der Kaffee die Runde macht, sind mindestens zwei Kannen im Umlauf. Der Grund liegt in der Firmenkultur des IT-Unternehmens: Kollegen, die sich zum Meeting treffen, tun das oft per Videokonferenz von verschiedenen Standorten aus - einer in London, einer in Hallbergmoos bei München. "Mobilität ist bei uns Prinzip", sagt Michael Ganser, Cisco-Chef für den deutschsprachigen Raum.

Kommunikation mit dem Chef: Mitarbeitergespräche funktionieren über den Bildschirm ebenso wie Vorstellungsgespräche. Um zusammen zu arbeiten, müssen Kollegen nicht am gleichen Ort sein.

Mitarbeitergespräche funktionieren über den Bildschirm ebenso wie Vorstellungsgespräche. Um zusammen zu arbeiten, müssen Kollegen nicht am gleichen Ort sein.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Ganser führt sogar seine Mitarbeiter von fern. Ein Fünftel seiner Arbeitszeit verbringt er im Büro in Zürich, wo seine Familie lebt. Gansers Assistentin sitzt nicht bei ihm im Vorzimmer. Sie zog schon vor einigen Jahren aus privaten Gründen nach Berlin. "Als sie mich gefragt hat, ob sie bei uns aufhören muss, habe ich gesagt: Auf keinen Fall", sagt Ganser, "zusammenarbeiten können wir ja ganz unabhängig vom Standort."

Technisch ist das kein Problem mehr. Cisco selbst stellt das System mit dem Namen "Telepresence" her, das auf der ganzen Welt verteilte Menschen einander in Lebensgröße gegenübersitzen lässt. 872 Konferenzräume an 229 seiner Standorte in 56 Ländern hat Cisco mit Telepresence-Anlagen ausgestattet. Allein in der Niederlassung bei München sind es vier. Herzstück hier ist ein Raum des Modells "CTS 3000". Ein halber Konferenztisch steht darin, an dessen geschwungener Längsseite sechs Menschen Platz finden. Sie blicken auf drei direkt nebeneinander gereihte Flachbildschirme mit jeweils 65 Zoll Diagonale.

Auf diesen Plasmabildschirmen erscheinen bei einer Videokonferenz die Gesprächspartner aus Hamburg oder London. Es scheint, als setze sich der Konferenztisch in den Bildschirmen fort. Ein Stück Tischplatte aus hellem Holz, dahinter der Gegenüber - aufgenommen von einem der drei Kameraobjektive über den Bildschirmen in seinem Büro. Jede Hemdfalte ist zu sehen, jedes nervöse Zucken im Gesicht, jedes Getränk auf dem Tisch. Bewegungen werden ruckfrei übertragen, der Wortwechsel ist gut verständlich und synchron zu den Lippenbewegungen. Fast als würde man sich in Fleisch und Blut gegenüber sitzen.

Fehlt nicht trotzdem etwas? Funktioniert Führung per Videokonferenz? Michael Ganser antwortet mit einem klaren Ja und nennt Beispiele. Das Jahresgespräch mit seinem Vorgesetzten in London führe er per Telepresence. Er selbst mache das mit seinen Mitarbeitern zum Teil auch auf diesem Wege, sagt Ganser. Dass sich jemand nicht ernstgenommen fühlen könnte, wenn eine solche Besprechung nur als virtuelle Konferenz abläuft, schließt er aus.

Auch den Einwand, er könne Mitarbeiter ja gar nicht kontrollieren, wenn er in einem Büro Hunderte Kilometer entfernt sitze, wischt Ganser vom Tisch. Kontrollieren müsse er ja kaum, meint der Mittvierziger. "Bei uns basiert ganz viel auf Vertrauen, Arbeitszeitkontrolle gibt es nicht." Entscheidend ist bei Cisco nicht, wie lange ein Sakko über der Stuhllehne hängt, sondern ob die Mitarbeiter ihre Zielvereinbarungen erfüllen.

Vorstellungsgespräch über den Bildschirm

Weil das Videokonferenz-System Gestik und Mimik überträgt, traut sich Ganser sogar zu, Menschen zu beurteilen, denen er nie direkt gegenüber gesessen hat. "Wir stellen gerade zwei neue Leute ein, mit denen wir nur per Telepresence Vorstellungsgespräche geführt haben", erzählt er.

Von Angesicht zu Angesicht: Videotelefonie verbindet

Per Video lassen sich Auswärtstermine im heimischen Büro erledigen. Ob die Resultate genauso gut sind wie nach einem persönlichen Treffen, ist umstritten.

(Foto: dpa-tmn)

Wirtschaftswissenschaftler der University of Illinois in den USA monieren in einer unlängst veröffentlichten Studie, die Qualität der persönlichen Beziehungen leide darunter, wenn Kollegen sich nicht direkt begegnen. Das volle Vertrauen in die anderen fehle, und deshalb gebe sich jeder bei der Arbeit ein bisschen weniger Mühe. Am schlechtesten schnitt bei den Tests eine Gruppe von Studenten ab, die sich nur per Mail verständigten. Doch auch die, die sich per Videokonferenz trafen, lieferten schlechtere Ergebnisse ab als das Team, dessen Mitglieder hautnah miteinander Kontakt hatten.

Den Cisco-Chef beeindruckt dieses Experiment nicht. Er wüsste gern, mit welcher Konferenztechnik die Forscher gearbeitet haben, sagt Ganser. Entscheidend sei nämlich, dass man sich in Lebensgröße sehe. Dann könnten virtuelle Teams heute sogar bessere Leistungen erbringen als an einem Ort versammelte. Der Grund: Dank der Technik könne das Unternehmen den Mobilitätswünschen seiner Mitarbeiter entgegenkommen. Und eine zufriedene Belegschaft arbeite besser als Angestellte, die sich von Anwesenheitspflicht und zeitraubenden Geschäftsreisen gestresst fühlten.

Das bestätigt Ernst Engelmann, der von Hamburg aus für Cisco arbeitet und Kunden bei Kommunikations-Projekten berät. Mit Grausen denke er zurück an die "zerfransten Tage" von früher, sagt Engelmann. In der Ära vor der Videokonferenz-Technik musste er für kurze Termine an anderen Cisco-Standorten oft um halb fünf morgens aufstehen und zum Flughafen fahren, oft auch auswärts übernachten. "An solchen Tagen konnte man neben dem Meeting höchstens noch von unterwegs ein paar Mails bearbeiten oder Telefonate führen", sagt er.

Heute erledigt Engelmann Auswärtstermine beispielsweise mit den Kollegen in Bayern vom Cisco-Büro in seiner Heimatstadt aus. Der übrige Arbeitstag geht nicht verloren. "Und ich kann morgens und abends meine Frau und meine Kinder sehen", fügt er hinzu.

Neben zufriedenen Mitarbeitern hat Cisco freilich noch einen ganz anderen handfesten Grund dafür, seine Angestellten für firmeninterne Geschäftstermine nicht im Flieger um den Globus zu schicken: die Kosten. Weil die Mitarbeiter nach jeder Videoschaltung befragt werden, wohin sie für die Besprechung hätten reisen müssen, kann Cisco den finanziellen Vorteil seiner Konferenztechnik berechnen. Seit ihrer Einführung 2007 habe man laut eigener Statistik mehr als 146.000 Dienstreisen gespart. Allein für das vergangene Jahr beziffert Cisco die wirtschaftlichen Vorteile durch den Verzicht auf Reisen auf weltweit 601 Millionen US-Dollar. Eingerechnet sind dabei nicht nur die Reisekosten, sondern auch die verlorene Arbeitszeit.

Trotz aller Virtualisierung von Teamstrukturen komme auch das soziale Miteinander nicht zu kurz, versichert Ganser. Gemeinsame Rauchpausen, ein kurzes Gespräch bei der zufälligen Begegnung auf dem Gang - das sei zwar bei örtlich verteilten Teams nicht möglich. Doch wenn sie sich einen Kaffee holen, können sich auch die Cisco-Mitarbeiter in Bild und Ton mit Kollegen in anderen Büros unterhalten. An mehreren Standorten, darunter Zürich und London, sind die Teeküchen mit Kamera, Mikrofon und Bildschirm ausgestattet. Dem kurzen Plausch beim Kaffee steht so nichts im Weg. Nur wer dem Kollegen unbedingt auf die Schulter klopfen oder ihm die Hand schütteln will, hat ein Problem.

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