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Berufe:Was es bedeutet, für die Kirche zu arbeiten

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Ein Küster ist nicht nur Hausmeister der Kirche, er kümmert sich auch um Organisatorisches und Atmosphärisches.

(Foto: Arno Burgi/dpa)

Die Kirchen verlieren Mitglieder, Jobs gehen verloren oder verändern sich. Eine Pfarrsekretärin, ein Architekt und ein Küster erzählen, wie es ihnen dabei ergeht.

Von Matthias Kreienbrink

Wenn Anita Steinsberger erzählt, dass sie für die Kirche arbeitet, sieht sie oft hochgezogene Augenbrauen. Steinsberger ist Pfarrsekretärin in der Erzdiözese München und Freising. "Wenn ich stattdessen sage, dass ich Managerin eines mittelständischen Unternehmens bin, kommen interessierte Nachfragen", sagt sie. Der Ruf der katholischen Kirche sei schlechter geworden, das wirke sich auch auf diejenigen aus, die für sie arbeiten. Dennoch gehe sie gerne ihrer Arbeit nach, sagt die 59-Jährige. Auch wenn manchmal mehr verlangt werde, als man leisten könne.

Die Kirchen in Deutschland haben immer weniger Zulauf. Die Mitgliederzahlen gehen seit Jahren drastisch zurück. Während vor drei Jahrzehnten noch 35 beziehungsweise 37 Prozent der Deutschen der katholischen oder der evangelischen Kirche angehörten, sind es heute nur noch 27 beziehungsweise 25 Prozent. Im vergangenen Jahr traten 540 000 Menschen aus den beiden großen Kirchen in Deutschland aus - das sind 100 000 mehr als im Jahr zuvor. Katholische und evangelische Kirche sind davon gleichermaßen betroffen. Und mit jedem weiteren aufgedeckten oder vertuschten Fall von sexueller Gewalt leidet ihr Ansehen.

Zudem nimmt die Religiosität in der Bevölkerung ab. Zu den Ergebnissen der Shell-Jugendstudie im vergangenen Jahr zählte die Erkenntnis, dass nur für 39 Prozent der katholisch getauften und 24 Prozent der evangelischen Jugendlichen der Glaube überhaupt wichtig ist.

Mit diesem Wandel verändern sich die Berufe in und um die Kirchen. Das sind etwa Orgelbauer oder Restaurateure, Chorleiter, Organisten, Diakone, Gemeindereferenten beiderlei Geschlechts oder Kaplane, die alle eine Rolle im Gottesdienst, im Kirchenjahr, in der Gemeinde und der Verwaltung spielen. Ihre Stellen werden seltener ausgeschrieben, verschwinden ganz oder befinden sich in einer tiefgreifenden Transformation. Doch die Menschen, die in diesen Berufen arbeiten, sehen die Zukunft nicht nur negativ.

Die seelsorgerische Arbeit im Pfarrbüro kommt zu kurz

Anita Steinsberger ist seit 2003 Pfarrsekretärin. Vorher arbeitete sie in ihrem Beruf als Bankkauffrau, nach der Elternzeit fand sie keine Anstellung mehr in einem Finanzinstitut. Pfarrsekretärinnen und -sekretäre verwalten und organisieren die Gemeindearbeit. Sie sind für Finanzen ebenso zuständig wie für Personalführung oder die Organisation von Taufen, Hochzeiten und Beerdigungen.

"Aber auch die Seelsorge ist ein großer Teil des Berufs", sagt Steinsberger. In vielen Pfarreien seien sie die erste Anlaufstelle für die Gemeindemitglieder. Daher sei eine Affinität zum Glauben unabdingbar. "Man lebt das Kirchenjahr, man muss sich damit identifizieren können." Es sei ein wichtiger Beruf, findet Steinsberger, ein menschlicher Beruf. "Man erlebt zum Beispiel, dass ein junges Paar ins Pfarrbüro kommt und der erste Gedanke ist: Die wollen heiraten. Dann erzählen die beiden, dass sie ihr Kind verloren haben und einen Grabplatz suchen. Solche Momente nehmen einen sehr mit", sagt sie.

Obwohl sie gerne in der Pfarrei beschäftigt ist, belastet sie der wachsende Arbeitsdruck: "Stellen werden oft nicht nachbesetzt, Pfarreien zusammengelegt, Kolleginnen müssen Vertretungen machen oder mehrere Pfarreien gleichzeitig betreuen." Dadurch sei weniger Zeit für die einzelnen Aufgaben, die einzelnen Menschen. Zudem nehme auch das Engagement der Ehrenamtlichen ab. Für die Vorbereitung der Erstkommunionkinder fände man zwar noch genug Freiwillige. "Langfristig zu planen ist aber schwierig", sagt sie, "viele Engagierte sind nach wenigen Monaten wieder weg."

Es sei ein Trugschluss, dass die Kirchen über einen enormen Reichtum verfügten. Zumindest in den Pfarreien ginge der allergrößte Teil der Einnahmen, die über die Kirchensteuer zustande kommen, für Personalkosten drauf. "Daher sind wir abhängig vom Klingelbeutel", sagt Steinsberger. "Aber viele Menschen denken: Wieso soll ich da noch was reinwerfen? Ich zahle doch schon Kirchensteuer."

Kirchen werden zu Konzertsälen oder Kletterhallen

Immer weniger Menschen besuchen regelmäßig den Gottesdienst. Viele Kirchengebäude stehen leer oder werden umfunktioniert. Und spätestens seit die Corona-Pandemie die Sonntagsmesse schwieriger macht oder gar nicht mehr erlaubt, stellt sich die Frage, wie digital so ein Gottesdienst sein kann und ob es die Gotteshäuser eigentlich noch braucht.

"Durch den Rückgang der Kirchenmitglieder würde man erwarten, dass weniger zu tun ist. Aber bei uns ist das nicht der Fall", sagt Ulrich Königs. Der Kölner Architekt entwirft und baut schwerpunktmäßig Sakralbauten. Immer mehr Gebäude, die eigentlich für die Ewigkeit gebaut wurden und nur für den Gottesdienst gedacht waren, stehen heute zur Disposition. Zwar würden so gut wie keine neuen Kirchen mehr gebaut, erklärt Königs, aber viele der vorhandenen würden für ein breiteres Publikum geöffnet - und das zöge bauliche Maßnahmen nach sich. "Es gilt, den Kirchenbau so auszurichten, dass er für die Zeit des Nicht-Gottesdienstes ein wirksames und wertvolles Gebäude ist", sagt der 55-Jährige.

Das ändere jedoch auch das Selbstverständnis des Berufsstands. Anstatt prächtige Sakralbauten zu entwerfen, gehe es heute um Multifunktionalität. Die Gebäude müssten pragmatisch betrachtet werden: "Dazu kann auch gehören zu überlegen, in welche Wand der Subwoofer passt." Denn viele Kirchen werden inzwischen als Veranstaltungsräume genutzt, für Konzerte, Lesungen, Theatervorstellungen oder gar als Kletterhallen.

"Man führt da oft eine Verlustdebatte, wenn man mit Gemeindemitgliedern spricht. Kirchengebäude sind stark emotional aufgeladen", sagt Königs. Die große Herausforderung sei es, den Gewinn eines Umbaus deutlich zu machen und die Bedeutung der Institution so zu transformieren, dass sie auch in Zukunft noch eine Rolle spiele. "Das Alte muss in das Neue integriert werden, dann haben diese Gebäude eine hoffnungsvolle Zukunft, und es können neue Bindungen entstehen."

Küster sind immer im Einsatz, etwa bei Beerdigungen

Die Berufe, die in und um die Kirchen entstanden sind, blicken auf eine lange und traditionsreiche Geschichte zurück. Vielen fällt die Transformation auch deshalb schwer, weil das Bewusstsein für die alten Bräuche innerhalb der Kirchen das Bild der Arbeit bestimmt. Die Tätigkeit des Küsters oder Mesners geht beispielsweise auf den Stamm der Leviten im alten Testaments zurück. Die Leviten waren in den Tempeln für die Einhaltung der Regeln zuständig und assistierten den Priestern. So wie Küster die Wächter der Kirchen sein sollen, sie bereiten die Gottesdienste vor, kümmern sich um den Kirchenschmuck und die Gewänder, betreuen die Ministranten, schließen das Gebäude auf und zu, lassen die Gemeinde hinein.

"Heute sind Küster oft einfach nur Hausmeister", sagt Johannes Künzel, der selbst Küster ist und erster Vorsitzender der evangelischen Küstervereinigung Westfalen-Lippe. Er ist in einer christlichen Familie in der ehemaligen DDR aufgewachsen, der Vater war Diakon, er selbst sang als Kind im Kirchenchor. Vor der Wiedervereinigung arbeitete er in Leipzig als Fahrzeugschlosser, nach dem Umzug nach Bielefeld war er kaufmännischer Angestellter und übernahm ehrenamtlich verschiedene Aufgaben in der Gemeinde.

Als 2010 die Stelle des Küsters frei wurde, bekam er den Job. "Im Vergleich zu meinem Vorgänger hatte ich schon andere Aufgaben", sagt Künzel. So wurde etwa die Verwaltung des Friedhofs einer zentralen Stelle übergeben, die mehrere Friedhöfe bündelt. Zu Beginn hatte Künzel nur eine halbe Stelle und arbeitete zusätzlich noch auf einem Bio-Bauernhof - mit einem 450-Euro-Job. "Das ging nicht lange gut. Als Küster muss man flexibel sein. Wenn etwa eine Beerdigung nicht stattfinden kann, weil ich gerade im Nebenjob bin, ist wenig Verständnis dafür da", sagt er.

Schließlich übernahm Künzel noch die Stelle der Reinigungskraft der Kirche und stockte so auf eine ganze Stelle auf. Er weiß aus vielen Gesprächen mit Kollegen und Kolleginnen, dass nur wenige in Vollzeit angestellt sind. "In Bielefeld kenne ich drei Küster in Vollzeit - alle betreuen mehr als eine Gemeinde." Auch hier macht sich die Zusammenlegung von Pfarreien bemerkbar, Küster haben teilweise drei Gemeinden gleichzeitig und müssen von einer Kirche zur nächsten eilen. Oder es wird auf Küster weitestgehend verzichtet, stattdessen werden Hausmeister und Gärtner eingestellt, alle weiteren Aufgaben des Küsters übernehmen Ehrenamtliche.

Oft fehlt der Ansprechpartner in der Pfarrgemeinde

"Man muss lernen, damit umzugehen", sagt Künzel. "Der Job ändert sich stark." So sei er heute etwa auch Eventmanager und müsse mit Technik umgehen können: Wegen der Corona-Pandemie galt es beispielsweise, Gottesdienste ins Netz zu übertragen. Die Organisation hätten zu großen Teilen die Küster übernommen.

Wie gehen die Gemeinden mit diesen Veränderungen um? "Gerade da, wo es keine Küster mehr gibt oder sie für mehrere Gemeinden zuständig sind, fehlt etwas", meint Künzel. Der Pfarrer sei ja auch nur noch selten an Ort und Stelle, das Gemeindebüro oft leer. "Der spontane Ansprechpartner, den man trifft, weil er gerade die Blätter zusammenkehrt oder Kerzen anzündet, den gibt es dann nicht", sagt er.

Künzel befürchtet, dass wegen der Corona-Krise eine weitere Sparwelle über die Kirchen gehen wird, möchte aber nicht nur pessimistisch in die Zukunft blicken. "Gerade jetzt merken viele Menschen doch, dass etwas fehlt", sagt er. Wenn der Chor, die Jugendgruppe und das Gemeindeleben ausfallen, könne sich zeigen, dass die Kirche mit ihren vielen Angestellten doch einiges leistet.

Er hat die Hoffnung, dass Küster auch künftig zum Kirchenleben dazugehören werden. "Wir bekommen vieles an Schwingungen und Stimmungen der Gemeinden mit, was sonst kaum bemerkt wird", sagt der 56-Jährige. Und wie solle die Kirche wieder mehr Menschen erreichen, wenn nicht da, wo sie vor dem Gottesdienst anzutreffen sind? Im Pfarrbüro, im Gotteshaus oder vor der Kirche, bei einem Plausch mit dem Küster.

© SZ
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