KI-Studiengänge:Bits und Bots

Lesezeit: 4 min

Roboter mit künstlicher Haut

Humanoide Robotik oder lieber autonomes Fahren? Das sind zwei Möglichkeiten von vielen, sich innerhalb eines Studiums der künstlichen Intelligenz zu spezialisieren.

(Foto: Astrid Eckert/dpa)

Das Angebot von Bachelor- und Masterprogrammen für künstliche Intelligenz (KI) wächst. Dabei setzen die Anbieter verschiedene Schwerpunkte.

Von Benjamin Haerdle

Kreative Pioniere wollen die Vereinigten Arabischen Emirate in ihrer neu gegründeten Universität für künstliche Intelligenz (KI) ausbilden: Nach Angaben des Golfstaates ist das die erste Uni weltweit, die sich ausschließlich mit diesem Thema beschäftigen wird. KI verändere die Welt bereits, aber es lasse sich noch viel mehr erreichen, wenn der grenzenlosen Vorstellungskraft des menschlichen Verstandes erlaubt werde, diese vollständig zu erforschen, ließ die Mohamed bin Zayed University of Artificial Intelligence verlauten. Auf ihrem Campus in Masdar City sollen ab September 2020 die ersten Seminare für Studenten stattfinden.

Von einer KI-Universität ist man in Deutschland noch weit entfernt, doch auch hierzulande bieten immer mehr Hochschulen Studiengänge an, die sich mit dem Thema KI und angrenzenden Themenfeldern beschäftigen - egal ob das Robotik, Maschinelles Lernen, Computer Vision oder Datenwissenschaften sind.

An der Technischen Hochschule (TH) Ingolstadt konnten sich erstmals in diesem Wintersemester Studierende für den neuen Studiengang "Künstliche Intelligenz" einschreiben. "Zuvor gab es bundesweit noch keinen reinen grundständigen Bachelor-Studiengang zum Thema KI", sagt Melanie Kaiser, Professorin für Datenanalyse und Leiterin des Studiengangs KI. Der akademische Bedarf in der Ausbildung komme zu kurz, wenn KI nur nebenher als Vertiefung in Studiengängen - etwa der Mathematik oder der Informatik, angeboten werde. Circa 70 Erstsemester nahmen Anfang Oktober das siebensemestrige Studium auf, mehr als 200 Bewerbungen waren eingegangen. "Unser Ziel ist, den Studierenden ein Gesamtpaket für die Entwicklung und den Einsatz von KI-Anwendungen zu bieten", sagt Kaiser. Dazu zählten fundierte Grundlagen etwa zu Verfahren in den Themenfeldern maschinelles Lernen, neuronale Netze oder Sprach- und Bilderkennung sowie deren Umsetzung mittels geeigneter Programmiersprachen. Inhaltliche Vertiefungsfächer seien etwa Robotik, autonomes Fahren oder KI-Anwendungen in der Logistik und der medizinischen Bilderkennung. Zudem stehe den Studierenden der Weg in die Forschung offen - so können sie schon während des Studiums Studien- oder Abschlussarbeiten gemeinsam mit dem THI-Forschungszentrum für KI machen. "Der Bedarf an Absolventen ist groß", sagt Kaiser. Ob in der Industrie, im Online-Handel oder in der Medizin: Experten für die intelligente Steuerung von Prozessen, die Programmierung von Chatbots oder für die Sprach- und Bilderkennung seien überall gesucht.

Elektrotechnik, Maschinenbau, Informatik: Einige Programme verbinden unterschiedliche Fächer

Für einen anderen Ansatz hat sich die Beuth Hochschule für Technik in Berlin entschieden: Sie bildet seit dem vorigen Jahr Studierende darin aus, humanoide Roboter zu konstruieren, zu programmieren und Verhaltensweisen zu entwickeln. "Die Studenten löten, fräsen und können am Ende einen Roboter bauen", sagt Manfred Hild, Professor für digitale Systeme. In den Bachelor-Studiengang "Humanoide Robotik" fließen Elemente der Elektrotechnik, der Programmierung, der Mechatronik und der Mensch-Maschine-Interaktion ein. Dieses spezifische Angebot kommt gut an: Fast 400 Bewerbungen gingen zum Wintersemester 2018/19 für circa 60 Studienplätze ein, mehr als 330 waren es für das Wintersemester 2019/2020.

"Junge Menschen wollen Themen, die man sonst oft erst im Master nach einem Bachelor in Mathematik oder Informatik in Angriff nimmt, wie Robotik, so schnell wie möglich durchdringen", sagt Studienfachberater Hild. Zudem startet man gleich am Anfang des ersten Semesters mit vielen Praxiseinheiten: bohren, löten, programmieren, elektrische Schaltungen aufbauen. Der praktische Ansatz der Beuth Hochschule scheint auch jungen Frauen zu gefallen. Deren Bewerberanteil liegt bei 40 Prozent - ungewöhnlich hoch für ein Mint-Fach. Hochschullehrer Hild begründet das damit, dass der Studiengang nicht rein ingenieurwissenschaftlich ausgerichtet sei, sondern auch Aspekte der Gesellschaft, der Ethik, des Rechts oder der Kunst im Studium behandle.

Komplett englischsprachig ist im Unterschied zu den beiden Bachelor-Studiengängen der Master-Studiengang "Machine Learning", den die Universität Tübingen neu in diesem Wintersemester aufgelegt hat. "Die gesamte Forschungslandschaft agiert auf Englisch, ein deutschsprachiger Studiengang wäre absurd gewesen", nennt Matthias Hein, Leiter der Arbeitsgruppe "Maschinelles Lernen", einen Grund dafür. Der andere: "Wir wollen auch internationale Studierende anlocken." Aus mehr als 220 Bewerbungen wählte er mit seinem Team 65 Studierende aus, die zumeist einen Bachelor-Abschluss in Informatik, Mathematik oder Physik mitbrachten. Deep Learning, also der Einsatz neuronaler Netze und großer Datenmengen, oder statistisches Lernen sind verpflichtende Module, andere Inhalte können frei gewählt werden. "Alles, was im Bereich der Objekterkennung und der Sprachverarbeitung heute möglich ist, basiert auf maschinellem Lernen", sagt Universitätsprofessor Hein. Und man wisse mittlerweile auch, dass anders als vor 30 Jahren, als KI schon mal ein großes Thema war, die praktischen Anwendungen im Bereich des maschinellen Lernens jetzt funktionierten und industriell nutzbar seien. Entsprechend groß werde auch die Nachfrage sein. Ein Beispiel aus Tübingen: Dort will Bosch ab 2020 für 35 Millionen Euro ein Entwicklungszentrum für KI mit bis zu 700 Arbeitsplätzen bauen.

Sehr viel mehr Erfahrung hat die Technische Universität München (TUM) mittlerweile in der Lehre gesammelt. Schon im Jahr 2009 legte sie den Master-Studiengang "Robotics, Cognition, Intelligence" auf und verknüpfte dafür Maschinenbau und Elektrotechnik mit der Informatik. Wie gelingt es, Maschinen so zu konstruieren, dass sie sich intelligent verhalten? Wie kann man intelligente Produktionssysteme für die Industrie anlegen? Wie lässt sich die Automation verbessern? Diesen Fragen wollten sich im ersten Jahrgang nur zehn Studienanfänger widmen. Fürs aktuelle Wintersemester haben sich bereits 200 Studierende an der TU für das Studium immatrikuliert. "Wirtschaft und Forschung benötigen Experten, die ein Systemwissen mitbringen", sagt Alexander Lenz, der den Studiengang an der TUM koordiniert. Man suche nicht nur den klassischen Informatiker, der sich gut mit Betriebssystemen und Algorithmen auskenne, sondern jemanden, der zudem verstehe, wie ein Algorithmus einen Motor steuere und wie ein System Energie umwandle.

Wenn die Studierenden bei Lenz die Masterarbeit abgeben, habe der eine Teil bereits einen Job in der Tasche, der andere könne sich einen aussuchen - unter mehreren Angeboten. Insbesondere im Münchner Raum gibt es nicht nur Automobilfirmen und Zulieferbetriebe, sondern auch mittelständische Maschinenbauunternehmen, Roboterhersteller, Chiphersteller oder Start-ups. Lenz: "Das Thema KI ist kein Hype, der Bedarf an akademisch ausgebildeten Fachkräften ist wirklich da."

Eine Auswahl von Studiengängen im Bereich künstliche Intelligenz: Bachelor "Humanoide Robotik", Beuth Hochschule für Technik Berlin, sechs Semester, www.beuth-hochschule.de; Bachelor "Künstliche Intelligenz", Technische Hochschule Ingolstadt, sieben Semester, www.thi.de; Bachelor "Data Sciences", Universität Marburg, sechs Semester, www.uni-marburg.de; Bachelor oder Master "Data Science and Artificial Intelligence" (sechs beziehungsweise vier Semester), Universität des Saarlandes, vier Semester, https://saarland-informatics-campus.de/studium-studies; Master "Machine Learning", Universität Tübingen, vier Semester; https://uni-tuebingen.de; Master "Robotics, Cognition, Intelligence", TU München, vier Semester, www.tum.de; Master "Data Sciences", Hochschule Darmstadt, vier Semester, www.h-da.de

Zur SZ-Startseite
Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB