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KI-Forscher:Maschine mit Gefühl

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Serge Autexier hält Schnupperbesuche von Schülern in der Laborwohnung für wichtig.

(Foto: DFKI Gmbh)

Serge Autexier ist Leiter einer Laborwohnung, in der Fachleute an virtuellen Pflege-Assistenten tüfteln. Was sie bisher herausgefunden haben.

Interview von Rebekka Gottl

Von Smartphones mit Spracherkennung über selbstfahrende Autos bis hin zu Chatbots: Die Anwendungsgebiete künstlicher Intelligenz (KI) erstrecken sich über nahezu alle Lebensbereiche. Dementsprechend breit gefächert sind die Berufschancen nach dem KI-Studium - selbst im Bereich der Pflege. Im Feld der robotergestützten Pflege entstehen immer mehr kleine Betriebe, sagt Serge Autexier, Leiter des Bremen Ambient Assisted Living Lab (BAALL) am Deutschen Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz, kurz DFKI.

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SZ: Herr Autexier, das BAALL ist eine 60 Quadratmeter große Laborwohnung. Was untersuchen Sie dort?

Serge Autexier: Konzipiert wurde die Wohnung vor zwölf Jahren mit dem Gedanken, häusliche Assistenzsysteme gestalten und unter realen Bedingungen testen zu wollen. Denn lernende Maschinen und intelligente Systeme können auch Älteren und Menschen mit körperlichen oder geistigen Beeinträchtigungen im Alltag helfen.

Wo ist künstliche Intelligenz in der Wohnung zu finden?

Im Bett, in der Beleuchtung, den Wandschränken, ja sogar im Küchenmülleimer steckt KI. Man findet sie in jedem Raum. Hilfreich ist Technik in der Wohnung aber nur dann, wenn sie sich auf den Menschen einstellt. Im Badezimmer beispielsweise genügt ein Blick in den Spiegel, und durch Gesichtserkennung passt sich die Höhe des Waschbeckens der Größe des Benutzers an.

Welche Aufgaben übernehmen Roboter in der Wohnung?

Roboter kommen aus dem Industriekontext, halten aber vermehrt Einzug in die Pflege - und das aus gutem Grund. Noch forschen wir daran, dass uns Roboter irgendwann dabei unterstützen können, aus dem Bett aufzustehen, den Körper zu waschen oder ein Glas Wasser zu trinken. Bei diesen Tätigkeiten nicht permanent auf ihre Mitmenschen angewiesen zu sein, gibt gerade Menschen mit Beeinträchtigung ein Stück Selbständigkeit zurück.

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Gibt es Ausbildungen, die auf KI im Pflegebereich fokussiert sind?

Studiengänge, die KI-basierte Lösungen in der Pflege vermitteln, gibt es noch nicht. Dennoch sind einige Bindestrich-Studiengänge in der Informatik entstanden. Die Grundlagen zur Entwicklung häuslicher Assistenzsysteme vermitteln etwa Studiengänge zum Thema Mensch-Technik-Interaktion. Auch im BAALL untersuchen wir, wie Maschinen kommunizieren müssen, damit sie intuitiv verständlich sind. Sie sollen nicht allein auf Kommandos reagieren. Maschinen sollen bestenfalls ganze Dialoge mit uns Menschen führen können.

Hat das Forschungsinteresse an intelligenten Systemen im Bereich der Pflege zugenommen?

Ja, allein das Team des BAALL ist in den vergangenen Jahren stetig gewachsen und besteht mittlerweile mindestens zur Hälfte aus Doktoranden. Besonders das Interesse an Robotik und KI hat stark zugenommen. Die technischen Lösungen entstehen dabei vermehrt im Austausch mit der jeweiligen Zielgruppe.

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Wie wecken Sie bei jüngeren Menschen Interesse an der Erforschung häuslicher Assistenzsysteme?

Das DFKI betreibt viel Nachwuchsförderung, um Schülerinnen und Schüler für KI zu begeistern. Wir nehmen an sogenannten Mint-Tagen teil und bieten Praktika an, bei denen man in alle Forschungsbereiche reinschnuppern kann. Und wir führen Schulklassen durch die Laborwohnung. Indem wir häusliche Anwendungsbereiche intelligenter Systeme zeigen, prägen wir bestenfalls frühzeitig die Sicht der Schüler auf das Fach Informatik. Wir haben das Forschungsprojekt Smile ins Leben gerufen: Mit Workshops zum Thema smarte Umgebungen wollen wir gezielt Mädchen für Informatik gewinnen. Denn erst wenn KI und Informatik in der Schule und den Ausbildungsberufen angekommen sind, können intelligente Systeme für den Alltag und den Bereich der Pflege entworfen und wieder repariert werden.

© SZ vom 29.01.2021