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Karrierechancen:Studiert, wenn ihr könnt

Schunk - Computerhand

In keinem anderen OECD-Land haben so viele junge Hochschulabsolventen Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften oder Technik studiert wie in Deutschland. Der Arbeitsmarkt für sie ist weiter gut.

(Foto: Friso Gentsch/dpa)
  • Der deutsche Arbeitsmarkt nimmt die steigende Zahl Akademiker gut auf, ein Überangebot an studierten Arbeitskräften ist nicht in Sicht.
  • Absolventen von Hochschulen sind gefragter als Menschen mit Berufsausbildung - auch, wenn sie einen geisteswissenschaftlichen Abschluss haben.
  • Die besten Jobaussichten haben Informatiker und Informationstechnologen sowie Mediziner.
  • Die neuen Zahlen der OECD ersetzen jedoch keine Berufsberatung - individuell kann die Ausbildung der richtige Weg sein.

Von Larissa Holzki

Zwischen Ausbildungsstart und Studienbeginn wird diskutiert, welcher Bildungsweg die besten Chancen bietet. Die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) fordert seit Jahren mehr Akademisierung in ihren Mitgliedstaaten - so laut, dass einige Bildungsökonomen und Anbieter beruflicher Ausbildung in Deutschland inzwischen vor einem Akademisierungswahn warnen.

Die Daten in der Neuausgabe des OECD-Datensammelwerks "Bildung auf einen Blick" stützen die Position der internationalen Organisation. Der deutsche Arbeitsmarkt nimmt die steigende Zahl der akademischen Berufsanfänger auf. Die Zahlen beschreiben Tendenzen und Durchschnitte, ersetzen jedoch keine Karriereberatung für Schüler und Berufsanfänger: Individuell kann ein anderer Weg richtig sein, besonders für Zweifler. Was in der Vergangenheit zielführend war, muss in Zukunft nicht die best Lösung sein.

Duale Ausbildung oder Studium - wer bekommt eine Jobgarantie?

Vereinfacht zeigen die OECD-Daten: Je höher der Bildungsstand, desto größer die Aussicht auf Beschäftigung. Zu Karrierebeginn liegen die Absolventen einer mehrjährigen Berufsausbildung und die Hochschulabsolventen aber nahezu gleichauf, zeigt die Neuauflage von "Bildung auf einen Blick": Menschen zwischen 25 und 34 Jahren, die in Deutschland einen Berufsabschluss im "Sekundarbereich II" oder im "postsekundären, nicht-tertiären Bereich" vorweisen können, werden fast ebenso häufig eingestellt wie Personen mit akademischer Bildung oder Meisterabschluss (86 vs. 87 Prozent). Hinter den beiden sperrigen Begriffen verbergen sich all diejenigen, die eine duale Ausbildung in Betrieb und Berufsschule, eine schulische Ausbildung im Sozial- oder Gesundheitswesen oder einen Berufsbildungsgang an einem College oder einer Berufsakademie absolviert haben.

Damit stelle das deutsche System eine "hohe Beschäftigungsfähigkeit" sicher, bescheinigt die OECD. Und auch Bundesbildungsministerin Johanna Wanka sagte bei der Vorstellung des Berichts, dass die berufliche Bildung ebenso wie die akademische Bildung "verlässlich individuelle Chancen und Lebensperspektiven" schaffe.

Vergleicht man die Beschäftigungsquoten aller Menschen im erwerbsfähigen Alter, sprechen die Zahlen doch für eine vertiefte Ausbildung: Hier sind 88 Prozent der Akademiker und Meister in Beschäftigung, aber nur 81 Prozent der beruflich Gebildeten. Eine mögliche Erklärung für die guten Jobaussichten von Ausbildungsabsolventen gerade zu Karrierebeginn: Während Universitäten bei der Gestaltung ihrer Studiengänge nicht auf die Arbeitsmarktsituation achten müssen, bilden Unternehmen in der Regel nur aus, wenn sie Arbeitskräfte in diesem Bereich brauchen. Im Karriereverlauf kann die sehr spezifische Ausbildung jedoch zum Verhängnis werden, beispielsweise wenn das Berufsprofil sich durch den technischen Fortschritt verändert.

Dieser Situation sind Arbeitnehmer und Arbeitgeber jedoch nicht ausgeliefert. "Es müssen Weiterbildungsmöglichkeiten, auch berufsbegleitend, angeboten werden", sagt Kerstin Schneider, Bildungsökonomin an der Bergischen Universität Wuppertal. Und viele Unternehmen nutzten diese Möglichkeit längst, um qualifizierte Mitarbeiter zu binden. Der demographische Wandel nützt den Beschäftigten: Fehlen Fachkräfte, investieren die Betriebe mit Bildungsangeboten in das bestehende Personal.

Was ist dran an dem Gerücht von den brotlosen Künsten?

Das Studium an einer Fachhochschule oder Universität verspricht unabhängig vom Fach in Deutschland relativ sicher einen Arbeitsplatz. Allerdings sind Absolventen verschiedener Studiengänge unterschiedlich stark gefragt. Erstmals hat die OECD auch Daten zu einzelnen Fachrichtungen veröffentlicht: Demnach war die Wahrscheinlichkeit, erwerbstätig zu sein, für Informatiker und Informationstechnologen sowie Mediziner und Zahnmediziner im vergangenen Jahr am höchsten. Jeweils 91 Prozent der Absolventen dieser Fächergruppen im Alter von 25 bis 64 Jahren gingen einer Beschäftigung in Voll- oder Teilzeit nach.

Kompetenzen schlagen künftig Abschlusszeugnis

Die geringste Beschäftigungsquote bestand bei Absolventen, die geistes- oder sozialwissenschaftliche Fächer, Künste, Journalismus oder Informationswesen studiert hatten, nämlich 84 Prozent. Die OECD fordert mit Blick auf die gesellschaftlichen Veränderungen seit Jahren einen höheren Anteil an Akademikern und sieht sich hier bestätigt: "Selbst die Beschäftigungsquote der Geistes- und Sozialwissenschaftler liegt über der Beschäftigungsquote der Gesamtheit der beruflich Gebildeten", sagt OECD-Sprecher Matthias Rumpf.

Den Anteil der Akademiker zu steigern, war in den vergangen Jahren eines der wichtigsten Ziele der Bildungspolitik. Inzwischen nimmt mehr als jeder Zweite in Deutschland ein Studium auf. Wenn fast jeder studiert hat, wird es künftig neue Entscheidungskriterien für die Einstellung geben, gibt Kerstin Schneider zu bedenken: "Es wird um Kompetenzen gehen, nicht (nur) um Abschlüsse."

Dass es darum geht, was man kann und weniger, wo man es gelernt hat, darauf deutet auch der OECD-Bericht hin. Mit Blick auf die begehrten Kompetenzen in Informatik und Kommunikationstechnologien heißt es darin, dass diese auch außerhalb des formalen Bildungssystems erworben werden könnten.

Mit der Fächerwahl der deutschen Studenten ist die OECD sehr zufrieden: Die beliebteste Fächergruppe sind die sogenannten MINT-Fächer, Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik. 37 Prozent der Hochschulabsolventen 2015 erhielten ein Abschlusszeugnis in einem Studiengang mit dieser Richtung. Das entspricht dem höchsten Anteil in allen OECD- und Partnerländern, hauptsächlich hochentwickelte Staaten und Schwellenländer.

Im OECD-Durchschnitt schließen 24 Prozent der akademisch Gebildeten ein sogenanntes MINT-Fach ab. In den anderen Mitgliedstaaten wird häufiger Wirtschaft, Verwaltung und Recht studiert. Das spiegele die starke technologische Ausrichtung Deutschlands wider, heißt es in "Bildung auf einen Blick". Kritisch ist im Bericht jedoch das Geschlechterverhältnis in MINT-Studiengängen an deutschen Hochschulen vermerkt: Nur 28 Prozent der Studienanfänger sind Frauen.

Welcher Bildungsweg zahlt sich am meisten aus?

Wer mehr in Bildung investiert, bekommt auch mehr zurück, lautet die vereinfachte Gleichung. Gegenbeispiele gibt es, aber sie sind in Deutschland verhältnismäßig selten: "Um in Deutschland ein hohes Einkommen nur mit beruflicher Bildung zu erreichen, braucht man sehr viel Glück", sagt Matthias Rumpf. Rein finanziell sei man mit einem Studium auf der sichereren Seite.

Kerstin Schneider führt hingegen an: Nicht jeder Abiturient sei für das Studium geeignet. Eine eher unpopuläre Aussage, die nicht ins Konzept der auch politisch getriebenen Akademisierung passt. Umso schwerer wiegt Schneiders Vorwurf, die Schulen bereiteten die Schüler nicht ausreichend auf ein Studium vor. "Ein abgebrochenes Studium macht vermutlich nicht glücklich", sagt die Ökonomin mit Blick auf diejenigen, die auf dem nur vermeintlich für alle sichersten Weg scheitern. Insbesondere, wenn ein Studium für eine angestrebte Position nicht unbedingt erforderlich sei, könne eine Berufsausbildung ein deutlich gelungenerer Start in das Berufsleben sein.

Auch wenn Rumpf die Berufsausbildung eher als zweitbesten Weg beschreibt, sieht er vor allem im internationalen Vergleich Vorteile. "Das berufliche System verschafft schnell einen Arbeitsplatz und trägt zur geringen Jugendarbeitslosigkeit bei", sagt er. Nur knapp elf Prozent der 20- bis 24-Jährigen in Deutschland sind weder beschäftigt noch in Ausbildung - einer der niedrigsten Anteile aller OECD-Länder. Wenngleich darüber Einigkeit herrschen sollte, dass es immer noch zu viele sind, die damit von Armut und Arbeitslosigkeit bedroht sind.

© SZ.de/afp/mkoh/sks

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