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Karrierechancen für Ingenieure:Immenser Bedarf an Technikern

Nahezu jedes dritte Kind unter zehn Jahren in Deutschland hat einen Migrationshintergrund - aber nur elf Prozent der Studenten kommen aus einer Migrantenfamilie. Das ist kein Wunder. Denn in kaum einem anderen westlichen Industrieland ist die Durchlässigkeit zwischen den Bildungsschichten so gering wie in Deutschland. Wer hierzulande mit Eltern aufwächst, die nicht studiert haben, wird selbst vermutlich auch keine Universität besuchen. In Finnland oder den Niederlanden etwa sieht das ganz anders aus. Das zeigen internationale Vergleichsuntersuchungen wie die Eurostudent-Analyse.

Bei dem immensen Bedarf an studierten Technikern trifft es sich gut, dass ausgerechnet das Ingenieurstudium über viele Jahrzehnte als Königsweg des sozialen Aufstiegs galt. Zugute kam das in der Vergangenheit deutschen Arbeiterkindern, die auf diesem Weg mindestens in die Etagen des mittleren Managements vordringen konnten. Auch wenn dieses Erfolgsmodell nicht mehr ganz so reibungslos funktioniert wie einst - das beobachten Experten wie der Elitenforscher Michael Hartmann -, stammen auch heute immerhin drei von vier Ingenieuren aus nicht-akademischen Elternhäusern. Das belegt eine weitere Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft.

Ingenieur zu sein, bedeutet in der Regel, ein sicheres Auskommen zu haben. "Das Studium verspricht eine sichere Rendite, denn ein Ingenieur verdient 25 Prozent mehr als sonstige Akademiker", sagt Oliver Koppel, Verfasser der IW-Studie. Außerdem kämen 60 Prozent der Absolventen von Fachhochschulen, an denen per se ein hoher Anteil der Studenten aus nicht-akademischen Familien stamme.

Warum also soll künftig nicht auch der Nachwuchs der Einwandererfamilien von diesem Bildungsweg profitieren? Für den Münsteraner Soziologen Markus Schölling, der den Zusammenhang von Lebensgewohnheiten, sozialer Herkunft und der Wahl des Studienfachs untersucht hat, ist jedenfalls "wohl kaum ein anderes Studium für Migrantenkinder geeigneter, um in einer überschaubaren Zeit den sozialen Aufstieg zu meistern", sagt Schölling.

Um so erstaunlicher sei es, dass das Potential dieser gesellschaftlichen Gruppe in der Diskussion über den Fachkräftemangel in Deutschland bisher sträflich vernachlässigt worden sei. Man habe sich darauf fokussiert, Frauen für technische Berufe zu erwärmen, man habe sich auf die Unterstützung älterer Ingenieure konzentriert und auf die Rückgewinnung von Abwanderern in andere Berufe. Für Menschen mit Migrationshintergrund aber habe man sich kaum interessiert. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie des Fachgebiets Gender Studies in Ingenieurwissenschaften an der Technischen Universität München (TUM) im Auftrag des Dachvereins "Fakultätentage der Ingenieurwissenschaften und der Informatik an Universitäten - 4ING".

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