Süddeutsche Zeitung

Karriere:Erfolgreich sein - so haben wir es geschafft!

Kaum hat ein Sportler, Manager oder Künstler eine gewisse Bekanntheit erlangt, gilt er als Experte für Erfolg. Was taugen Ratschläge von Prominenten im Job?

Von Nicola Holzapfel

Warum steigen manche Menschen scheinbar mühelos auf, während andere um jeden Karriereschritt ringen? Das Geheimnis des Erfolgs wollen alle lüften: Psychologen entwickeln in Eignungstests, um herauszufinden, welcher Bewerber das Zeug zu einer bestimmten Position hat, Soziologen und Ökonomen untersuchen, welche Rolle die Herkunft für die Karriere spielt oder was eine gute Führungskraft ausmacht. Auch die Erfolgreichen selbst werden um Rat gefragt und sollen erklären, wie sie es geschafft haben. Doch taugen ihre Empfehlungen im Berufsalltag? Lassen sich persönliche Erfahrungen überhaupt verallgemeinern? Wir haben sieben Tipps von prominenten Persönlichkeiten zu Karriere und Kreativität, zu Arbeitsgestaltung und Unternehmertum unter die Lupe genommen und mit Erkenntnissen der Wissenschaft verglichen.

"Akribie und Empathie sind für mich der Schlüssel zum Erfolg." Günther Netzer, Ex-Fußballer und Manager

Gewissenhaftigkeit gilt als guter Indikator für beruflichen Erfolg. Im sogenannten Big-Five-Modell taucht sie als eine von fünf Merkmalen auf. Nach diesem Modell der Persönlichkeitspsychologie lässt sich jeder Mensch auf den folgenden Skalen einordnen: emotionale Stabilität, Extra- und Intraversion, Offenheit für Erfahrungen, Verträglichkeit und Gewissenhaftigkeit. Auch in beruflichen Eignungstests werden diese Merkmale abgefragt. Rüdiger Hossiep von der Ruhr-Universität Bochum beschäftigt sich mit solchen Tests. Der Eignungsdiagnostiker gibt jedoch zu bedenken: "Erfolgreiche Personen sind sehr unterschiedlich. Es ist schwierig, ein allgemeingültiges Modell für eine erfolgreiche Führungskraft aufzustellen."

Gewissenhaftigkeit sei außerdem sehr schwer zu erfassen. In psychologischen Fragebögen wird sie beispielsweise abgefragt durch Zustimmung zu Sätzen wie "Ich versuche alle mir übertragenen Aufgaben so gut wie möglich zu erledigen". Für entscheidender hält Hossiep jedoch Disziplin und Leistungsmotivation, "die stete Verbesserung durch beständiges Tun". Außerdem seien für den beruflichen Aufstieg eine "solide intellektuelle Leistungsfähigkeit und emotionale Stabilität" nötig.

Und wie steht es um die von Günter Netzer beschworene Empathie? Auch die sei schwer zu messen. "Bei Führungskräften ist natürlich entscheidend, dass sie es schaffen, andere hinter sich zu versammeln. Da spielt eine emotionale Komponente mit hinein", sagt der Persönlichkeitspsychologe. Er warnt aber davor, sich an Ratschlägen zu orientieren, die irgendwann einmal zum Erfolg geführt haben: "Anforderungen und Wertorientierungen ändern sich ständig." Zudem seien gerade die typischen Vertreter einer Berufsgruppe nicht unbedingt die erfolgreichsten: "Es ist gut, etwas anders zu sein. Nur dann hat man ein Alleinstellungsmerkmal."

"Man kann kein erfolgreicher Unternehmer sein, wenn man lediglich nachbetet, was andere einem vorsingen." Oliver Samwer, Investor und Gründer von Rocket Internet

Rainer Holm-Hadulla ist skeptisch. Der Heidelberger Professor, der über Kreativität forscht und Unternehmen coacht, kann der Einschätzung von Oliver Samwer nicht uneingeschränkt zustimmen: "Die meisten Unternehmer halten das höchstens für die halbe Wahrheit. Zuerst kommen Kompetenz und Fachkenntnis", sagt er. "Neue und brauchbare Produkte entstehen erst dadurch, dass man sich bestehendes Wissen und Können aneignet und dieses weiterentwickelt."

Wer Erfolg haben will, muss leidensfähig sein

Die unternehmerische Kreativität bestehe unter anderem darin, reale Bedürfnisse, aber auch unausgesprochene Wünsche aufzuspüren und Lösungen dafür anzubieten. Damit der Unternehmer daran nicht allein arbeitet, sondern auch die Kreativität seiner Mitarbeiter nutzen kann, sollte ein "Klima der Offenheit und des Vertrauens" bestehen, sagt Holm-Hadulla. Außerdem seien wichtig: klare Hierarchien, transparente Aufgabenverteilung, eine Kultur der Anerkennung und die Möglichkeit, sich spontan miteinander auszutauschen.

Es gibt viele Studien darüber, was die Kreativität in Unternehmen fördert. Laut einer Umfrage des Stuttgarter Beratungsunternehmens Iqudo beispielsweise, verdanken Kreative ihre Ideen häufig "inspirierenden Mitarbeitern". Zur Rolle des direkten Vorgesetzten für den Ideenreichtum im Job haben kürzlich Forscher der National Taipei University in Taiwan eine Untersuchung veröffentlicht. Demnach sind gerechte Chefs im Vorteil. Sie hätten Mitarbeiter, die offener ihre Meinung sagen, was wiederum die kreative Leistung fördere. Das wirke sich besonders dann aus, wenn das Firmenklima als innovativ wahrgenommen wird und der Eindruck herrscht, originelle Ideen würden geschätzt. "Es kommt nicht auf gelegentliche kreative Highlights an, sondern auf eine nachhaltige Bereitschaft zu Veränderung", sagt Holm-Hadulla.

"Karriere zu machen ist immer anstrengend und mühsam." Simone Bagel-Trah, Henkel-Aufsichtsratsvorsitzende

Wer schafft es, eine Zeitlang einen Marshmallow zu betrachten, ohne hineinzubeißen? In den Sechzigerjahren testete der amerikanische Psychologe Walter Mischel bei Vorschulkindern, wie lange sie dieser Versuchung standhielten und verfolgte in den kommenden Jahren ihre schulische Entwicklung. Das Ergebnis: Wer sich früh beherrschen konnte, war später erfolgreicher.

"Durchsetzungsvermögen und die Fähigkeit, Belohnungsaufschub auszuhalten" - das hält auch Rüdiger Hossiep für eine entscheidende Voraussetzung, um Karriere zu machen. Eine gewisse Leidensfähigkeit brauchen Erfolgreiche offenbar auch angesichts ihrer Arbeitszeiten. Nach Zahlen des Statistischen Bundesamts sind sie bei 38 Prozent der Führungskräfte "überlang". Hossiep verweist auf das Wechselspiel zwischen Persönlichkeit und Umfeld: "Bestimmte persönliche Dispositionen sind dafür verantwortlich, welche Situation ich aufsuche." Das heißt: Nicht jeder macht freiwillig Überstunden, die Bereitschaft dazu zeichnet die Karrierewilligen aus. Ob es bei aller Anstrengung dann auch mit dem Aufstieg klappt, sei jedoch nicht vorhersehbar. "Es gehört auch eine Portion Glück dazu, zur richtigen Zeit am richtigen Ort gewesen zu sein."

"Pausen sind wichtig für frische Gehirnzellen." Heike Meier-Henkel, Olympiasiegerin und Coach

In Deutschland sind Pausen bei der Arbeit gesetzlich vorgeschrieben. Nach sechs Stunden besteht Anspruch auf eine halbe Stunde Auszeit. Hannes Zacher, Professor für Organisationspsychologie im australischen Brisbane, erforscht die Wirkung von Pausen auf den beruflichen Erfolg. Er hat herausgefunden, dass sogenannte Minipausen wichtig sind fürs Wohlbefinden bei der Arbeit, was wiederum die Leistungsfähigkeit steigert. "Die Vitalität nimmt im Laufe des Arbeitstages stetig ab, mit Minipausen lässt sich das zumindest kurzfristig stoppen", sagt Zacher. Dabei sei es egal, ob man etwas isst, ein paar Minuten spazieren geht oder aus dem Fenster schaut - Hauptsache, die Aufmerksamkeit richtet sich auf etwas anderes als die Arbeit.

Laut Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin lässt mehr als jeder vierte Beschäftigte seine Pause oft ausfallen. Das rächt sich langfristig: Die Pausenschwänzer leiden häufiger unter psychosomatischen Beschwerden wie Schlafstörungen. Zacher zufolge ist es besser, jede Stunde eine kurze Pausen zu machen als einmal am Tag eine lange. Das gilt besonders dann, wenn die Anforderungen hoch sind.

Kreativität braucht bestimmte Voraussetzungen

"Diese Überzeugung, etwas Unwiderstehliches, etwas Fantastisches, etwas unbedingt Nötiges in die Welt zu setzen, das ist der eigentliche Antrieb." Franz Xaver Kroetz, Regisseur und Schriftsteller

Was sind die Voraussetzungen für künstlerischen Erfolg? "Viele Hochkreative haben sich in ihre Aufgabe vertieft und zunächst gar nicht das Außergewöhnliche gesucht", sagt Rainer Holm-Hadulla. "Kreativität findet immer im Zusammenspiel von Begabung, Wissen und Können, Motivation, Disziplin, Offenheit und Widerstandsfähigkeit sowie geeigneten Umweltbedingungen statt." Man könne nur dann etwas Fantastisches vollbringen, wenn diese Voraussetzungen erfüllt seien.

Holm-Hadulla betont den Aspekt des Lernens für kreative Leistungen: "Nur was neuronal gespeichert ist, kann assoziativ verknüpft werden. Im Ruhemodus des Gehirns finden selbstorganisierende Prozesse statt, die gespeicherte Information neu kombinieren. Erst daraus entstehen neue Ideen." Die sogenannte Phase der Inkubation sei oft von Unlustgefühlen begleitet, solange die erwartete Lösung noch nicht gefunden ist. Diese häufig "quälende Suchbewegung" werde bestenfalls mit einem Aha-Erlebnis belohnt. Darauf folge die Realisierung, laut Holm-Hadulla meist die schwierigste Phase, da sie geduldigen Verzicht auf andere Beschäftigungen verlange. "Kreative Talente, die nicht diszipliniert arbeiten können, scheitern." Dabei seien Wissen, ein gutes Gedächtnis und Disziplin umso wichtiger, je komplexer ein Werk sei.

Schließlich wird das Werk publik, was ebenfalls als krisenhaft empfunden werden kann, vor allem, wenn eine - wie von Franz Xaver Kroetz - erhoffte positive Resonanz ausbleibt. Die Anerkennung kann eine wichtige Triebfeder sein, als Schlüssel für kreative Leistungen gilt aber das intrinsische Interesse, "die Motivation sich einer Sache leidenschaftlich um ihrer selbst Willen zu widmen". So sagt etwa der Modeschöpfer Karl Lagerfeld: "Ehrgeiz hab ich überhaupt nicht. Ich weiß gar nicht, was das ist. Ich mach das alles nur für mich."

"Wer ausfällt, muss schleunigst zurückkommen, sonst ist der Job weg." Anne Will, Moderatorin

Nach der Rückkehr aus der Elternzeit haben Mütter und Väter einen Anspruch darauf, so beschäftigt zu werden, wie es in ihrem Vertrag vereinbart ist. Anne Will warnt vor langen Auszeiten. Ähnlich klingt der Appell von Facebook-Managerin Sheryl Sandberg: "Ich rate allen Frauen: Gebt Gas!" Sandberg empfiehlt Frauen, möglichst früh Karriere zu machen und dann Kinder zu bekommen. Wie Zahlen des Statistischen Bundesamts zeigen, beherzigen nur wenige Frauen ihren Rat: Lediglich 32 Prozent der Mütter mit einem Kind unter drei Jahren sind überhaupt erwerbstätig, viele davon in Teilzeit. Elke Holst, Forschungsdirektorin Gender Studies am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) ist sicher, dass Frauen heute nach einer Auszeit ihre Verdienstrückstände nicht mehr aufholen. Das gilt vor allem, wenn nur sie eine Familienphase einlegen.

"Wenn Männer bis Ende 30 nicht die entscheidenden Schritte gemacht haben, ist es vorbei mit der Karriere." Thomas Sattelberger, Ex-Telekom-Vorstand und Coach

Diesem Rat scheinen die meisten Männer zu folgen. Im Gegensatz zu den Müttern ist bei Vätern die Erwerbsbeteiligung weitgehend unabhängig vom Heranwachsen der Kinder. Das belegen Zahlen des Statistischen Bundesamts. Während zum Beispiel 70 Prozent der Mütter Teilzeit arbeiten, ist das nur bei sechs Prozent der Väter der Fall.

Elke Holst vom DIW hält dieses Erfolgsrezept für überholt. "Angesichts der heute langen Lebensarbeitszeiten ist es nicht mehr zeitgemäß, dass in jungen Jahren darüber entschieden wird, ob jemand Karriere macht", sagt sie. "Warum kann man nicht auch später Karriere machen?" Das DIW entwickelt Arbeitszeitmodelle, mit denen Familie und Beruf besser vereinbar sind, etwa indem beide Elternteile zwischen 28 und 32 Stunden die Woche arbeiten. "Für einen Arbeitgeber ist es bislang eine vermeintlich rationale Entscheidung, den männlichen Bewerber zu bevorzugen, weil er davon ausgeht, dass ein Vater kürzere Familienpausen einlegt. Aber auch junge Männer wünschen sich heute mehr Zeitsouveränität." Damit verändern sich auch die Wege zum Erfolg.

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Quelle:
SZ vom 09.04.2016
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