Süddeutsche Zeitung

Arbeitswelt:Welche Berufe in Zukunft wichtig werden

Viele Jobs finden nur noch auf Distanz und im digitalen Raum statt, andere verlangen gerade jetzt nach Nähe, Empathie und sozialer Kompetenz. Worauf es in den kommenden Jahren ankommt.

Von Viola Schenz

Hätte man vor zehn Jahren vorhergesagt, dass sich Menschen ihren Lebensunterhalt damit verdienen, andere im ihrem eigenen Auto mitzunehmen, sich selbst mit dem Handy beim Schminken zu filmen oder E-Mails und Web-Kommentare zu sortieren und zu beantworten - man wäre für verrückt erklärt worden. Längst aber sind Uber-Fahrer, Influencer und Social Media Manager etablierte und oft auch lukrative Beschäftigungen.

Diese und etliche neue Tätigkeiten zeigen, wie rasant sich der Arbeitsmarkt ändert und mit ihm die Berufsbilder. Automatisierung und Digitalisierung krempeln viele Branchen um. Die Frage ist nicht mehr so sehr, welche Berufe durch Computer, künstliche Intelligenz und Robotik verschwinden, sondern welche wie überleben - und welche neu entstehen.

Weil dieser Wandel ebenso schnell wie extensiv vonstatten geht, entwerfen Arbeitsmarktforscher kühne Szenarios: Künftig wird es weniger darauf ankommen, einen bestimmten Beruf zu beherrschen, als vielmehr auf allumfassende Fähigkeiten, die vielfältig anwendbar sind, lautet etwa eine These des amerikanischen Publizisten Thomas Frey, eines selbsterklärten Futuristen, der früher unter anderem Ingenieur beim Technologiekonzern IBM war.

In etlichen Metiers ist das schon lange der Fall, sie gehen über ihr Berufsbild hinaus: Steuerberater, die gleichzeitig als Wirtschaftsprüfer im Einsatz sind, Sekretärinnen als Buchhalter oder Dolmetscher. Eine Patentanwältin macht etwas anderes als eine Strafverteidigerin, beide aber heißen Anwältin. Und dass man in manchen Jobs gleichzeitig Techniker, Diplomat, Handwerker, Psychologe und Notarzt sein muss, kann einem jeder Schulhausmeister bestätigen. Auf Menschen mit mehreren Teilzeitjobs trifft das sowieso zu, sie müssen automatisch Unterschiedliches beherrschen.

Selbst Personaler verlieren den Überblick über all die Spezialprofessionen

Professionen waren schon immer heterogen und wandlungsfähig, nur machte man sich früher nicht die Mühe, sie eigens umzubenennen oder in Unterkategorien aufzufächern. Neuerdings geschieht genau das, und zwar mit Vehemenz. Eben weil Berufe erodieren, weil körperliche Arbeit und Routinetätigkeiten wegfallen und Maschinen und Computer sie ablösen, soll offensichtlich gerettet werden, was zu retten ist, und sei es mit Kunstnamen.

Über Jahrzehnte war die in einem Betrieb für die Buchführung zuständige Person ein Buchhalter. Längst haben sich hier der "Consultant Audit", der "Customer Profitability Controller" oder der "Accounting Specialist" dazugesellt, je nach Qualifikation, Spezialisierung oder Branche. Wer einst Computerprogramme entwickelt hat, nannte sich Informatiker und hatte das Fach auch studiert. Inzwischen tummeln sich hier Verrichtungen, deren Umschreibungen genauso geheimnisvoll wie komplex klingen: "Customer Application Engineer Power Supply", "Technical Superintendent", "Programm-Manager KI in der NG&A" oder "Senior Python Backend Developer".

Die Fragmentierung der Ausbildungswege, die Inflation neuer Studiengänge und Fortbildungsstätten, die sich Hochschulen nennen, aber mitunter dubios sind und nicht-akkreditiert, sowie der "Akademisierungswahn", wie es der Münchner Philosoph Julian Nida-Rümelin nennt, bringen das mit sich. Die Folge: Selbst Personaler verlieren den Überblick über die Sub- und Spezialposten. Und es bleibt fraglich, ob fast schon komisch anmutendes Sachverständigentum plus Sprachschöpfung die Erosion kompensieren kann.

Wenn also auf Stellenportalen "Learning Optimizers", "Driverless Ground Crews", "Personal Health Maestros" oder "Robot Sherpas" aufpoppen, sind das zunächst schillernde Bezeichnungen, die in Zukunft vielleicht ein Rolle spielen werden, die jedoch erst einmal nur erfolgreiche Karrieren versprechen sollen oder zumindest neugierig machen - nach dem Motto: Wo ein englisch klingender Name, da auch eine Profession.

Technologische Kompetenz ist gefragt, aber auch emotionale

Mitunter sind solche Titel aber der Kreativität und Fantasie von HR-Managern entsprungen - weil sie damit auf eine höhere Bewerberzahl hoffen, oder weil der Fachkräftemangel mancherorts verzweifelte Aktionen erfordert. Auch Trendscouts erklären Fertigkeiten im Dunstkreis neuer Technologien gerne zu Berufen.

Der Verdacht liegt nahe, dass man es bei exakten, aber unaussprechlichen Bezeichnungen wie "Specialist Digital Communication REPXPERT" eben nicht mit einem exakten Berufsbild zu tun hat; man kann das an der endlosen Inhaltsbeschreibung erkennen, die sich oft darunter aufreiht. Für ihren Ritterschlag, die Aufnahme in die Datenbank "Berufenet" der Bundesagentur für Arbeit, müssten sie ohnehin einige Hürden meistern. Sie dürfen zum Beispiel nicht schon unter einer anderen Bezeichnung existieren.

Die Eruptionen auf dem Arbeitsmarkt verheißen allerdings durchaus Chancen, Studien des McKinsey Global Institute oder der Bertelsmann-Stiftung stimmen optimistisch: Jobs, die technische Fertigkeiten erfordern, werden massiv zunehmen, heißt es, dazu zähle Datenanalyse in all ihren Formen. Soziale und emotionale Kompetenz würden auf dem Arbeitsmarkt der Zukunft ebenfalls immer wichtiger. Das könnte der Übergang sein "in ein gänzlich neues System des Arbeitens und Wirtschaftens, in dem auch die Sozialsysteme entsprechend anders aussehen müssen, und in dem vielleicht das Prinzip der Lohnarbeit gänzlich überholt ist", heißt es in der McKinsey-Studie. Da Arbeit heute schon mobil und multilokal sei, könne sie morgen virtuell stattfinden, und zwar in einem "Metaversum", so die Bertelsmann-Studie, einem kollektiven virtuellen Raum.

Die Studien sind vor Beginn der Corona-Krise entstanden, und doch scheint es, als würden sie bereits die Folgen der Pandemie miteinbeziehen, etwa die Notwendigkeit von distanziertem Arbeiten im Home-Office und die gleichzeitige Nachfrage nach Sozial- und Pflegeberufen. Laut Bertelsmann-Studie entsteht neue Arbeit bei "Freizeit, Erholung und Gesundheit" sowie in technologienahen Bereichen - mit neuen Berufsbildern vom "Empathie-Interventionist" bis zum "Algorithmen-Versicherer". Es bildeten sich Berufe heraus, die geprägt seien von ureigenen menschlichen Fähigkeiten wie Einfühlungsvermögen oder Kreativität.

Gegen Vereinsamung hilft der "Private Companionship Expert"

Das Karrierenetzwerk Linkedin kommt nach einer Umfrage unter seinen Mitgliedern zu dem Schluss: Obwohl viele Jobs der Zukunft im technischen Bereich entstehen, sind nach wie vor Tätigkeiten gefragt, in denen der persönliche Kontakt eine wichtige Rolle spielt.

Die Corona-Krise hat einige Job-Gewissheiten zunichte gemacht. Was bis März 2020 noch als sichere Bank galt, gerät jetzt ins Taumeln - die angekündigten Massenentlassungen bei Airbus, die rückläufigen Aufträge bei Autozulieferern, die Pleiten und Geschäftsaufgaben in Gastronomie oder Einzelhandel zeigen es. Jobs, die bis dato als digitalisierungsresistent galten, könnten pandemiebedingt verschwinden. Wie es in der Reisebranche, bei Fluggesellschaften, bei Kulturveranstaltern, in der Physiotherapie, der Fitnessindustrie oder im Messebetrieb weitergeht, weiß derzeit niemand.

Andererseits hat Corona offenbart, dass sich via Home-Office und Videokonferenz auch anders arbeiten lässt. Etliche Beschäftigte haben in Umfragen Gefallen daran geäußert und werden nach irgendwann überwundener Pandemie wohl nur sporadisch in ihr ursprüngliches Kontor zurückkehren, sondern lieber im Wohnzimmer verharren. Makler für Gewerbeimmobilien und Kantinenbetreiber müssten sich also umorientieren, die Nachfrage nach Ausstattung des heimischen Büros mit entsprechenden Möbeln und Technik könnte dagegen zunehmen, ebenso nach gastronomischen Lieferdiensten.

Gleichzeitig braucht es wohl mehr Psychologen und Sozialpädagogen für das Seelenheil all der Mitarbeiter, die sich im beengten Home-Office zu allein oder von Mitbewohnern genervt fühlen. Menschen könnten damit Geld verdienen, dass sie anderen, gerade den vielen Älteren, die sich vor Corona-bedingter Vereinsamung fürchten, einfach nur Gesellschaft leisten.

Für solche neuen Jobs bräuchte es dann allerdings noch einen schicken Namen, möglichst einen englisch klingenden. "Private Companionship Expert" wäre eine Idee.

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