bedeckt München 11°

Forscher:Sonderbehandlung für Jungen

sueddeutsche.de: Brauchen Jungen eine Sonderbehandlung?

Reinhard Winter - Diplompädagoge

Diplompädagoge Reinhard Winter arbeitet seit mehr als 20 Jahren in der Jungen- und Männerforschung.

(Foto: privat)

Winter: In gewisser Weise ja, weil es in ihrer Entwicklung ein paar Besonderheiten gibt. So verläuft beispielsweise psychologisch gesehen die Ablösung von der Mutter im Alter von drei bis fünf Jahren bei Jungen ambivalenter als bei Mädchen. Mädchen wenden sich dabei ihrem ersten gegengeschlechtlichen Liebesobjekt zu: Das ist der Vater. Jungen wollen sich ebenfalls von der Mutter abnabeln und wenden sich ihrem ersten gegengeschlechtlichen Liebesobjekt zu: Das ist aber wieder die Mutter. Das ist manchmal schwierig und erklärt auch, dass Jungen ihrer Mutter gegenüber manchmal sehr anschmiegsam sind und im nächsten Moment wieder garstig. Manche Mütter treibt das zur Verzweiflung. Aber das heißt nicht, dass alle Jungen verhaltensgestört sind, sondern das ist ein Thema, das sie bewältigen wollen.

sueddeutsche.de: Rühren manche Schwierigkeiten in der Schule auch daher?

Winter: Ja, zumindest bei manchen Jungen. Einfühlende Beziehungen stehen bei vielen Jungen nicht so im Vordergrund, sie haben manchmal ihre Schwierigkeiten damit, können sich nicht so gut in ihr Gegenüber hineinversetzen. Das betrifft auch Lehrer und Mitschüler - und kann Konflikte geben.

sueddeutsche.de: Immer öfter mahnen Pädagogen an, dass Jungen in unserer Gesellschaft auf der Strecke bleiben. Ist es heute schwieriger als früher, Junge zu sein?

Winter: Einerseits ist es einfacher, weil sich die einengenden Männlichkeitsbilder auflösen. Das ermöglicht Jungen und Männern, mehr so zu sein, wie sie als Person wirklich sind. Sie müssen nicht mehr einem festgeschriebenem Ideal entsprechen. Mein Sohn hat ein Praktikum in einem Kindergarten gemacht, und es hat ihn deshalb niemand dumm angeredet. Daran werden Fortschritte erkennbar, das macht es Jungen einfacher. Gleichzeitig wächst aber der Druck.

Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema