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Jungenförderung:"Mehr Männer als Rollen-Modelle sind wichtig"

Jungen haben schlechtere Noten und niedrigere Abschlüsse als Mädchen. Miguel Diaz vom Netzwerk "Neue Wege für Jungs" will das ändern.

"Neue Wege für Jungs" heißt ein bundesweites Vernetzungsprojekt mit einem Service-Büro in Bielefeld. Seit vier Jahren unterstützt es Initiativen, die schulische und außerschulische Angebote für Jungen zur Berufs- und Studienwahl organisieren. Und die dabei männliche Rollenbilder aufweichen und Jungen zum Ausbau sozialer Kompetenzen anhalten. Miguel Diaz ist wissenschaftlicher Referent des Projekts, das der Europäische Sozialfinds und das Bundesfamilienministerium finanzieren ( www.neue-wege-fuer-jungs.de).

Jungen als Bildungsverlierer: Das Projekt "Neue Wege für Jungs" will männliche Rollenbilder aufweichen und Jungen zum Ausbau sozialer Kompetenzen anhalten.

(Foto: Foto: dpa)

SZ: Seit Pisa gelten Jungen als Bildungsverlierer. Sie haben schlechtere Noten und niedrigere Schulabschlüsse als Mädchen und brechen oft ihre Ausbildung ab. Wer sind diese Jungen?

Diaz: Aus unserer Perspektive würde ich sagen: alle! Denn wenn der Wechsel von der Schule in den Beruf ansteht, orientieren sich Jungs an traditionell von Männern ausgeübten Berufen: Hauptschüler wollen Kfz-Mechaniker werden, die Abiturienten Ingenieure. Wir brauchen zwar Ingenieure, trotzdem ist der Berufswahlprozess bedenklich: Die Jungen treffen eine Entscheidung, ohne sich genau zu informieren - und dann brechen viele ihr Studium oder ihre Ausbildung ab. Das heißt: Wir müssen am Rollenverständnis der Jungen arbeiten. Sie lassen sich noch viel zu sehr davon leiten, wie "mann" sein Leben gestalten soll, weniger von ihren Neigungen.

SZ: Wie kann die Schule helfen?

Diaz: Die Schulen müssen ein Klima schaffen, in dem Jungen ihre Männlichkeit nicht über die Abgrenzung zum anderen Geschlecht definieren. Ein Ort, an dem sie sich trauen zu sagen: Ich will Erzieher werden - ohne dass sie von Mitschülern gleich als "schwul" bezeichnet werden. Das schafft man aber nicht über den Lehrplan, da müssen neben engagierten Lehrern auch Sozialarbeiter ran, die den Schülern Reflexionsräume eröffnen.

SZ: Ist getrennter Unterricht eine Lösung?

Diaz: Die Erfahrung zeigt zwar, dass Mädchen von getrenntem Physik-Unterricht profitieren, aber nur, wenn dieser freiwillig als AG stattfindet. Die Geschlechter wollen nicht dauernd getrennt sein und nicht eine Extraförderung, weil sie Defizite haben. Das geht nach hinten los. Es besteht zudem die Gefahr, mit der Forderung, Unterricht jungengerechter zu gestalten, in eine Falle zu tappen. Da liegen oft stereotype Annahmen zugrunde, wie etwa, Jungs bräuchten viel Bewegung und müssten auch mal laut sein. Ich glaube, dass ein paar laute Jungs den Blick auf die leisen versperren. Es gibt nicht "die" Jungen.

SZ: Aber Tatsache ist doch, dass Jungen in der Schule öfter negativ auffallen?

Diaz: Wenn ein Junge merkt, dass er ganz vorne nicht mithalten kann, versucht er, ganz hinten mitzuhalten. Das ist seine Art, sich abzugrenzen und lässig zu sein. Die Pisa-Studie zeigt aber auch, dass unter den Jungen überdurchschnittlich viele Hochbegabte sind.

SZ: Würde es den Jungen helfen, wenn es mehr männliches Lehrpersonal gäbe?

Von Kochen bis Fensterputzen

Diaz: Lehrer sind ja nicht automatisch geschlechtersensibler, und nicht jeder Mann taugt als Vorbild. In der Grundschule arbeiten fast ausschließlich Lehrerinnen, aber es gibt kaum Leistungsunterschiede zwischen Mädchen und Jungen - die kommen erst später. Dennoch: Mehr Männer als Rollen-Modelle sind wichtig.

SZ: Wie versuchen Sie, Jungen für Geschlechterrollen zu sensibilisieren und ihre Zukunftschancen zu erhöhen?

Diaz: Wir haben zum Beispiel einen "Haushaltparcours" entworfen, bei dem sie acht Stationen durchlaufen, von Kochen bis Fensterputzen. Sie lernen da ihre Stärken und Schwächen kennen und erproben ihre Soft Skills. Das ist nicht nur für spätere Partnerschaften wichtig, sondern auch für die Berufe, in denen noch Nachwuchs gesucht wird - wie Altenpfleger oder Erzieher. Die Schüler machen bei solchen Projekten in der Schule oder im Jugendzentrum gerne mit - sofern sie unter sich sind. Sie wissen durchaus, dass sich um sie herum alles ändert und dass auch sie sich ändern müssen. Wir müssen sie nur auf die Idee bringen, Neues auszuprobieren.

SZ: Heißt das, dass der "Girls' Day" mittlerweile überflüssig und es höchste Zeit für einen "Boys' Day" ist?

Diaz: Nein, wir wollen den Girls' Day nicht abschaffen. Auch Mädchen brauchen diese Räume, um für sie Ungewohntes wie Technik und IT zu erproben. Aber man könnte ihn erweitern, indem beide Geschlechter sowohl die Feuerwehr als auch ein Altenpflegeheim besuchen - freilich in getrennten Gruppen. Ob Projekttag, Exkursion oder Praktikum: Wichtig ist, dass die Schulen den Mädchen und Jungen eine Möglichkeit bieten, in gegengeschlechtliche Berufe und Bereiche hineinzuschnuppern. Die Verengung auf sogenannte Frauenberufe und Männerberufe ist das Problem.