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Jobwechsel:Wege aus dem falschen Beruf

Jeder siebte Deutsche ist überzeugt davon, nicht den richtigen Beruf zu haben. Doch Branchen- und Positionswechsel sind heutzutage ein großer Schritt, weil die Spezialisierung immer stärker geworden ist. Dennoch können sie gelingen. Karriereberater, Arbeitsagenturen und Volkshochschulen helfen dabei.

Miriam Hoffmeyer

Auf den ersten Blick war er ein aussichtsloser Fall: Geisteswissenschaftler ohne festen Job, Mitte 30, Orchideenfach. Winfried Fischer (Name geändert) hatte nach dem Studium feststellen müssen, dass kein Unternehmen an einem Sinologen ohne Wirtschaftskenntnisse interessiert war. Er machte ein Verlagsvolontariat und schaffte es immerhin zum Lektoratsassistenten. "Ich wollte aber nicht immer nur abgelehnte Manuskripte zurückschicken", sagt er. Fischer kündigte und arbeitete eine Zeitlang als Dozent für Deutsch als Fremdsprache, aber das schmale Gehalt reichte kaum zum Leben. Ein Freund gab ihm den Tipp, es mit einer Karriereberatung zu versuchen.

Entscheidung

Vielleicht doch was anderes machen? Den Beruf zu wechseln, ist ein großer Schritt, aber er kann durchaus gelingen.

(Foto: iStock)

Wenn ich die Leute mehrere Stunden lang gezielt befrage, kommen sie auf ganz andere Ideen", sagt Irmgard Reule. Das Spezialgebiet der Ulmer Karriereberaterin ist das Outplacement von Managern. Aber auch der ratlose Sinologe Fischer fand mit ihrer Unterstützung doch noch einen gangbaren Berufsweg. "Der Charakter einer Person ist wichtig", sagt Reule. "Dieser Klient war sehr intelligent und hartnäckig genug, um ein Ziel auch unter Schwierigkeiten zu erreichen."

In den Gesprächen kristallisierte sich heraus, dass ein Job in der Wirtschaft doch das Richtige für Fischer sein könnte. Allerdings musste es ein Unternehmen sein, mit dessen Zielen er sich identifizieren konnte. Fischer hatte immer großes Interesse an Umweltschutzthemen gehabt. Er schickte eine Blindbewerbung an einen Hersteller von Solarkomponenten und wurde sofort als Management-Assistent eingestellt. Nebenher begann er ein MBA-Studium. "Ich habe dann gemerkt, dass mir Zahlen großen Spaß machen", sagt er. Das Unternehmen wuchs stetig, Fischer machte seinen MBA und stieg zum Controller auf.

Die Maschinenbau-Ingenieurin Christiane von Burkersroda wagte mit 37 Jahren einen Neuanfang, obwohl sie eine gute Position bei einem großen Chiphersteller hatte. "Ich war nicht unglücklich, fragte mich aber: Will ich das noch fast 30 Jahre lang machen?" Wegen dieser Lustlosigkeit lehnte sie mehrere Angebote ab, im Konzern aufzusteigen.

Durch eine Beratung wurde ihr klar, dass sie aus ihrer Begeisterung für Gärten und ihrem Talent zur Planung einen neuen Beruf machen könnte. Zusammen mit Reule setzte sie den Zeitpunkt der Kündigung fest und entwickelte Strategien zur Kundenakquise. Seit fünf Jahren arbeitet Burkersroda erfolgreich als freiberufliche Gartendesignerin in München. Den Wechsel hat sie nie bereut: "Wenn ein Garten so geworden ist, wie ich ihn mir vorgestellt habe und die Kunden glücklich sind - das ist eine unmittelbare Anerkennung, die man in einem Konzern so nicht erlebt."

Nach einer Studie des Personaldienstleisters Kelly Services ist jeder siebte Deutsche überzeugt davon, den falschen Beruf zu haben. Der Beratungsbedarf zum Thema Umorientierung ist also groß. Dabei geht es aber keineswegs immer um einen völligen Neustart, denn die meisten Berufsfelder sind breit: Ein Physiker kann aus der Wirtschaft an eine Universität wechseln, ein Mediziner vom Krankenhaus in eine Behörde.

Die Suche nach der "unique selling proposition"

Branchen- oder Positionswechsel sind nicht so spektakulär wie komplette Berufswechsel, sind heute aber auch ein sehr großer Schritt, weil die Spezialisierung immer stärker geworden ist", sagt Irmgard Reule. Sie destilliert aus den Berufserfahrungen ihres Klienten, was ihn einzigartig macht - im Personaler-Jargon heißt das "unique selling proposition". "Es geht um die Frage, wo jemand konkret etwas Besonderes geleistet hat", erklärt Reule. "Der Stellenmarkt ist dann zwar klein, aber genau auf diesen Menschen zugespitzt." Tests zur berufsbezogenen Persönlichkeitsbeschreibung macht sie nur bei jedem dritten Klienten. "Eigenschaften wie zum Beispiel Führungsstärke oder Detailfixiertheit werden dadurch zwar gut herausgearbeitet, aber Tests ersetzen nicht Gespür und Erfahrung des Beraters."

Neben freiberuflichen Karriereberatern helfen auch Arbeitsagenturen und Volkshochschulen bei der beruflichen Neuorientierung. Ihre Beratung ist kostenlos, aber zeitlich eng begrenzt. Zudem schnitten die Arbeitsagenturen mit der Note "ausreichend" miserabel ab, als die Zeitschrift Test kürzlich verschiedene Anbieter von Weiterbildungsberatungen testete. Der Beratungsbereich der Arbeitsagenturen sei bei der Reform in den neunziger Jahren eben stark beschnitten worden, sagt Rainer Thiel vom Deutschen Verband für Bildungs- und Berufsberatung (dvb), der hauptberuflich bei der Arbeitsagentur Lüneburg tätig ist. "Die Rahmenbedingungen sind schlecht. Wie professionell die Beratung bei der Agentur ist, hängt sehr stark vom einzelnen Berater ab."

Auch Volkshochschuldozenten betreiben Berufsberatung nur nebenbei. Wer einen freiberuflichen Karriereberater aufsucht, sollte darauf achten, dass das erste Gespräch kostenfrei angeboten wird, rät Rainer Thiel. Außerdem müsse eine klare Vereinbarung über die Ziele des Klienten, das Angebot des Beraters und die Dauer der Beratung getroffen werden. "Als Berater muss man hellwach sein. Wenn der Klient von sich erzählt, gibt es immer einen Moment, in dem die Augen anfangen zu leuchten", sagt Thiel.

Bei Winfried Fischer dürfte das beim Thema Ökologie so gewesen sein, bei Christiane von Burkersroda beim Thema Gärten. Beide Berufswechsler konnten auch bestimmte Fähigkeiten, die ihnen in der ersten Laufbahn wichtig waren, in die neue hinüberretten: Burkersroda profitiert bei der Gartenplanung von ihren Erfahrungen als Projektmanagerin. Und Fischer kann heute sogar sein Chinesisch anwenden, denn die wichtigste Tochter seines Unternehmens sitzt in Qingdao: "Die Kollegin dort spricht nur schlecht Englisch - zum Glück."

© SZ vom 17.12.2011/tina

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