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Jobwechsel:Runter vom Gas

Keine Freude mehr an der Arbeit? Wer einen Berufswechsel erwägt, muss nicht gleich den kompletten Job aufgeben. Wer herauszufinden möchte, was er wirklich will, sollte vor allem sein Umfeld genau prüfen - in aller Ruhe.

Am Montagmorgen flucht jeder Arbeitnehmer mal darüber, dass er zum Dienst muss. Das ist ganz normal. Anders sieht es aus, wenn jeder Tag im Büro oder Betrieb zur Qual wird. Dann ist es irgendwann an der Zeit, die Reißleine zu ziehen und sich etwas Neues zu suchen. Doch wann ist es dafür soweit? "Ein guter Gradmesser ist, wenn man die Frage, ob man seinen Job noch in fünf Jahren machen will, sehr spontan mit einem klaren Nein beantwortet", sagt der Psychologe und Karriere-Coach Tom Diesbrock aus Hamburg. Dann heißt es, sich beruflich zu verändern.

Das ist allerdings leichter gesagt als getan. "Natürlich unterliegt man Zwängen, vor allem je älter man ist", sagt die Personalberaterin Susanne Oldenburg aus Hamburg. Die Miete muss gezahlt werden, die Kinder wollen versorgt sein. Und dann sind da noch die Schranken im Kopf: Jetzt noch mal etwas Neues wagen? Wozu die ganze Anstrengung? Und was tun, wenn es schiefläuft?

Manchmal reichen dabei schon kleine Veränderungen. "Es muss ja nicht die absolute Kehrtwende sein", sagt die Psychologin Madeleine Leitner, die als Coach in München arbeitet. Sie hat die Erfahrung gemacht, dass viele Menschen ihren Job zu negativ sehen. "Dabei ist gar nicht alles schlecht." Statt nur zu jammern, müssen Berufstätige genauer prüfen, wo der Schuh drückt. Dann merken sie womöglich, dass es nur der Chef, das Umfeld oder die Bezahlung ist, die einen unglücklich machen.

Tom Diesbrock nennt dieses Vorgehen "Job-Tuning". "Ein unzufriedener Buchhalter in einer für ihn langweiligen Branche kann in einem anderen Unternehmen möglicherweise zu einem glücklichen Buchhalter werden", sagt der Psychologe. Viele Menschen gingen viel zu radikal an eine berufliche Veränderung heran. "Man muss nicht vom toten Pferd, also dem alten Job, direkt auf das Rennpferd umsatteln", sagt Diesbrock, der ein Buch zu diesem Thema geschrieben hat.

Auch kleine Veränderungen kosten jedoch Zeit. Davon sollten Berufstätige sich aber nicht abhalten lassen. "Bei manchen ist es auch eine Ausrede, keine Zeit zu haben, um sich Gedanken zu machen und Ideen zu entwickeln", sagt Diesbrock. Die Zeit müsse man sich nehmen. "Entweder reicht ein Wochenende, oder man verwendet ein oder zwei Wochen Urlaub dafür." Das bietet sich ohnehin an, wie Susanne Oldenburg findet: "Gute Antworten findet man meist nur im Zustand der Ruhe und Gelassenheit."

Was will ich? Was kann ich?

Haben Berufstätige die nötige Ruhe gefunden, müssen sie sich fragen: Was will ich, was kann ich? Manche wissen das gar nicht so genau. "Da hilft es, Freunde, Verwandte oder Kollegen zu fragen, wie sie einen sehen", rät Diesbrock. Wichtig sei es auch, die eigene Vorstellung vom Beruf mit der Realität abzugleichen, empfiehlt Madeleine Leitner. Manchmal passe der vermeintliche Traumjob gar nicht zu einem. "Mit 48 wird man beispielsweise nicht mehr erster Vortänzer im Staatsballett", sagt Diesbrock.

Die Lösung kann in einer Fortbildung, in einem Abteilungswechsel oder auch in einer Teilzeitstelle liegen. "Vielleicht ist einem der Job ja auch gar nicht so wichtig, und man ist unzufrieden, weil einem nicht genug Zeit für andere Dinge bleibt", sagt Diesbrock.

Eines müssen Berufstätige sich klarmachen: Eine Veränderung birgt immer Risiken und fordert Mut. Susanne Oldenburg rät daher, "die Marktsituation zu prüfen". Dazu gehörten die Fragen: Kann der neue Job mich und meine Familie ernähren? Und ist es realistisch, dass ich darin Fuß fasse und erfolgreich bin? Hilfreich ist es auch, wenn sich das Risiko ein wenig abfedern lässt. So sollten Arbeitnehmer etwa überlegen, ob der Partner übergangsweise mehr Geld verdienen kann oder die Eltern einen kleinen Kredit geben können, rät Diesbrock.

"Außerdem sollte man sich eine Frist setzen", meint Oldenburger. Wer sich etwa selbständig macht, sollte nach eineinhalb bis zwei Jahren davon leben können. Gleichzeitig warnen beide Coaches vor dem Spruch "Was man wirklich will, das schafft man auch". Das sagten meistens diejenigen, die es vermeintlich geschafft haben, meint Oldenburg. Und Diesbrock hält diese Weisheit für geradezu gefährlich: "Sie suggeriert ja, dass es nur an mir selbst liegt, wenn mein Job kein Traumjob ist."

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SZ vom 14.05.2011/ Britta Schmeis/dpa/dato
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