Süddeutsche Zeitung

Jobwechsel:Abgang mit Stil

Jürgen Klinsmann sieht derzeit zu, wie sich sein Nachfolger Joachim Löw als Nationaltrainer bewährt. Wie man sich als Vorgänger im Job verhalten soll.

Nach dem Sommermärchen 2006 hat Jogi Löw die Mannschaft von Jürgen Klinsmann übernommen.

Bei der EM fragt man sich nun: Sitzt Klinsi eigentlich auf der Tribüne, um die unter seiner Fuchtel herangezüchteten Talente zu bewundern? Soll er Jogi loben, ihn kritisieren oder sich lieber gar nicht erst blicken lassen?

Bei einem neuen Posten ist die Situation stets heikel. Der Wechselnde will mit hocherhobenem Haupt gehen, der nachfolgende Kollege tritt voller Elan seine neue Stelle an.

Wäre da nicht diese Angst, der Nachfolger könnte die eigene so mühsam aufgebaute Arbeit mit einem Schlag zunichtemachen. Gedanken wie "Der weiß doch gar nicht, wie er mit Kollege XY umgehen muss" schießen durch den Kopf. Konflikte scheinen da unausweichlich.

Zeit für Hilfestellung

Dem scheidenden Mitarbeiter rät Karrierecoach Friedel Scheede dazu, sich mit Anstand aus der Arbeit zu verabschieden. Und dafür bereitzustehen, für den Neuling Starthilfetipps zu geben - quasi als Mentor. "Wer seine Hilfe anbietet, geht mit gutem Beispiel voran", rät der Coach. Meist werde das allerdings nicht gemacht, statt eines sauberen Abgangs gebe es Grabenkämpfe und Konkurrenzdenken.

Hat sich der Nachfolger erst einmal in seinen neuen Posten eingefunden, kristallisiert sich schnell heraus, wie er auf gutgemeinte Ratschläge reagiert. Als Faustregel empfiehlt Scheede, vier bis sechs Wochen für Fragen des Nachfolgers bereitzustehen, sich dann aber voll und ganz auf den eigenen neuen Job zu konzentrieren.

Neben Tipps kommt auch Lob immer gut an: "Es löst jedenfalls keine kreative Blockade beim Nachfolger aus, wenn man ihm lobend auf die Schulter klopft", meint der Experte. Denn: Nur wenn man sich mit Anstand aus dem alten Job verabschiedet, bleibt man dem Team in guter Erinnerung.

Mit Kritik sollte man sich seinem Nachfolger gegenüber allerdings zurückhalten. Auch wenn sie in manchen Fällen angebracht sein mag, der Vorgänger "stellt sich damit nur selbst ins Aus". In anderen Ländern scheint es allerdings zu funktionieren, meint Scheede: "In asiatischen Ländern sind Menschen, die einem gut zureden Feinde, diejenigen, die kritisieren, sind Lehrer."

Aber alles in Maßen, denn wer ständig neugierig auf die Arbeit seines Nachfolgers schielt, macht sich erstens unbeliebt und vergeudet zweitens wertvolle Zeit. "Die Zeit, die ich in meinen eigenen Job stecke, bringt viel mehr, als sich um die Belange anderer zu kümmern", sagt der Karriereberater.

Jürgen Klinsmann kann die EM also ohne Bedenken von der Tribüne aus anschauen und Jogi auch für die Leistung seiner Mannschaft loben. Löw sollte das eigentlich nicht weiter stören, denn: "Nur schwache Menschen lassen sich davon beeinflussen." Und Jogi hat ja gerade auch Besseres zu tun, als sich von Klinsmann aus dem Konzept bringen zu lassen.

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