bedeckt München 17°

Jobsuche:Warum fange ich mit der Karriere immer wieder von vorne an?

SZ-Leserin Eva-Maria W. hat beruflich schon viel ausprobiert, wurde aber niemals richtig glücklich. Der Jobcoach weiß Rat.

SZ-Leserin Eva-Maria W. fragt:

Ich bin 31 Jahre alt und habe schon viel ausprobiert. Nach einer kaufmännischen Ausbildung habe ich ein Fachstudium zur staatlich geprüften Textilbetriebswirtin absolviert und ein paar Jahre als Führungskraft im Einzelhandel gearbeitet. Das hat mir keinen Spaß gemacht, daher bin ich zu einem Personaldienstleister gewechselt und habe dort im Vertrieb gearbeitet. Vertrieb war auch nichts für mich. Jetzt mache ich eine Ausbildung zur Heilpraktikerin für Psychotherapie und arbeite währenddessen am Empfang und in der Kundenbetreuung. Die Ausbildung dauert noch mindestens zwei Jahre, aber ich möchte schon währenddessen einen interessanten Job haben, vielleicht im Recruiting. Wie stelle ich das an?

Madeleine Leitner antwortet:

Liebe Frau W., in Ihrem Werdegang wiederholt sich ein bestimmtes Muster: Zunächst entwickeln Sie Ideen, was Sie gerne beruflich machen möchten. Anschließend absolvieren Sie eine Ausbildung, die Sie dorthin bringen soll. In der Praxis stellen Sie schließlich fest, dass die Realität mit Ihren ursprünglichen Vorstellungen überhaupt nichts zu tun hat. Enttäuscht nehmen Sie diese Erkenntnis zum Anlass, dem Ganzen den Rücken zu kehren und ihr Glück in "etwas ganz anderem" zu suchen.

Der SZ-Jobcoach

Madeleine Leitner ist Diplom-Psychologin und hat als Therapeutin in Kliniken, als Gerichtsgutachterin und Personalberaterin für große Konzerne gearbeitet. Heute ist sie selbständige Karriereberaterin in München.

Beruflich Unzufriedene neigen generell dazu, das Kind mit dem Bade auszuschütten. Meiner Erfahrung nach sind aber die wenigsten Menschen bei genauer Betrachtung wirklich in einem vollkommen falschen Beruf gelandet. Der Unterschied zwischen Freud und Leid im Job liegt meist in bestimmten Aspekten, die den entscheidenden Unterschied machen. Viele Rahmenbedingungen sind nämlich nicht in Stein gemeißelt, sondern könnten innerhalb des bisherigen Berufs grundsätzlich lösbar sein.

Um eine auf Dauer tragfähige Lösung zu entwickeln, sollten Sie daher noch einmal Ihre bisherigen beruflichen Stationen Revue passieren lassen. Was genau waren Ihre Probleme? Hätten Sie zum Beispiel Ihre Kunden lieber beraten, statt ihnen wegen des Umsatzdrucks etwas aufschwätzen zu müssen? Konnten Sie sich wenig mit dem Produkt identifizieren? Waren es unzuverlässige Mitarbeiter oder unverschämte Kunden? Darüber hinaus sollten Sie sich auch über weitere wichtige Kriterien wie Ihr gewünschtes Einkommen und Arbeitszeiten Gedanken machen. Damit haben Sie einen Maßstab, mit dem Sie in Zukunft berufliche Optionen besser bewerten können.

Im nächsten Schritt sollten Sie sich vor allem noch einmal Gedanken über Ihr langfristiges berufliches Ziel machen. Derzeit scheinen Sie mit der Vorstellung zu liebäugeln, Ihre Ausbildung zum "Heilpraktiker beschränkt auf das Gebiet der Psychotherapie" zu einer Erwerbstätigkeit zu machen. Sie sollten unbedingt Ihre Vorstellung von der Tätigkeit noch einmal mit der Realität abgleichen. Ausbildungsinstitute informieren nicht unbedingt objektiv. Am besten unterhalten Sie sich daher mit mehreren Personen, die in dem Beruf arbeiten. Sprechen Sie aber auch bewusst mit Personen, die nach der Ausbildung nicht in dem Beruf arbeiten.

Damit sollten Sie ein einigermaßen vollständiges Bild bekommen, was Sie erwartet, und können besser absehen, ob Ihr aktuelles berufliches Ziel der ersehnte Traum oder ein verkappter Albtraum ist. Vermutlich werden Sie zum Beispiel feststellen, dass Sie nach der amtsärztlichen Prüfung (mit einer nachweislich hohen Durchfallquote) auf einem heiß umkämpften Markt landen. Für die meisten Absolventen geht es nach dem Abschluss im besten Fall um eine wenig lukrative Nebentätigkeit - wenn überhaupt. Um an Patienten zu kommen, müssen Sie nämlich auch verkaufen - in diesem Fall sich selbst und Ihre Dienstleistung.

Da sich erfahrungsgemäß manche Ideen bei sorgfältiger Betrachtung in Luft auflösen, sollten Sie vorsichtshalber die Anzahl Ihrer beruflichen Alternativen noch einmal erweitern. Mit Ihrer praktischen Erfahrung als Führungskraft und bei einem Personaldienstleister erscheint mir eine Tätigkeit im Personalbereich durchaus plausibel. Womöglich rückt aber bei genauerer Betrachtung die eine oder andere Ihrer früheren beruflichen Stationen noch einmal in ein anderes Licht.

In jedem Fall sollten Sie all Ihre Ideen anhand Ihrer wichtigsten Kriterien noch einmal genau unter die Lupe nehmen und mit System auf Ihr Ziel hinarbeiten. Durch die Informationen der Leute aus der Praxis können Sie jetzt die richtigen Schritte in der richtigen Reihenfolge machen. Das kann, muss aber nicht, eine bestimmte Ausbildung sein. Womöglich haben Sie auch schon alles, was Sie benötigen.

Haben Sie auch eine Frage zu Berufswahl, Bewerbung, Arbeitsrecht, Etikette oder Führungsstil? Schreiben Sie ein paar Zeilen an coaching@sueddeutsche.de. Unsere sechs Experten wählen einzelne Fragen aus und beantworten sie im Wechsel. Ihr Brief wird komplett anonymisiert.

© SZ vom 23.07.2016/mkoh
Zur SZ-Startseite