Jobsuche Chance für Gutmenschen

Soziales Engagement zählt wieder bei Bewerbungen. Man muss sich ja nicht gleich als Vereinsmeier hinstellen.

Von Von Georg Etscheit

Zu Boomzeiten der New Economy war Wagemut gefragt. Ein bisschen Skrupellosigkeit konnte auch nicht schaden. Wer nach dem Studium in einem Dritte-Welt-Projekt gejobbt hatte, wurde beim Vorstellungsgespräch bestenfalls als Sozialromantiker belächelt. Und konnte seine Mappe gleich wieder einpacken.

Doch die Zeiten haben sich geändert. "Soziales Engagement ist ein Thema, das mehr und mehr an Bedeutung gewinnt", sagt Frank Latzer, Geschäftsführer einer führenden deutschen Personalberatung. Latzer stellt in der Wirtschaft eine Renaissance alter Tugenden fest: Vertrauen, Ehrlichkeit, Verlässlichkeit. Mit der Rückbesinnung auf konservative Werte wachse auch die Bedeutung von Soft Skills wie sozialer Kompetenz, sagt Latzer. Heute könne man mit sozialem Engagement im Lebenslauf wieder punkten, wenn auch eine entsprechende Expertise, wie Latzer etwas martialisch formuliert, "nicht kriegsentscheidend" sei.

Ähnlich äußert sich Tobias Nickel, Leiter Recruiting bei BMW. "Für uns ist soziales Engagement ein Indikator für Eigeninitiative." Eine gewisse soziale Ader des Bewerbers werde immer positiv bewertet, wenn sie nicht extrem auf Kosten des Fachstudiums gegangen sei. "Für den, der nichts entsprechendes vorzuweisen hat, ist es aber auch kein Knockout-Kriterium." Es sei denn, die Stelle sei speziell darauf zugeschnitten. "Ein Umweltmanager sollte sich über das Thema vorher natürlich schon Gedanken gemacht haben. Und zwar nicht nur am grünen Tisch."

Großen Wert auf Soziales im Lebenslauf legt auch Christoph Kürn, Recruiting-Chef bei einem großen Münchner Elektronik-Konzern. Seit der "stille Entwickler in der Ecke" der Vergangenheit angehöre und Projektarbeit Standard werde, sei soziale Kompetenz besonders gefragt. "Wer sich sozial engagiert hat, ist kein Eigenbrötler", sagt Kürn.

Killer-Kriterium

Wer also während des Studiums ehrenamtlich eine Fußballmannschaft trainiert hat, wer sich bei der Kirche engagiert oder nach dem Abitur ein freiwilliges soziales oder ökologisches Jahr absolviert hat, sollte dies durchaus im Lebenslauf erwähnen. "Ehrenamtliche Tätigkeiten können die Persönlichkeitsentwicklung ganz wesentlich fördern", sagt Clemens Müller-Störr, Leiter Personalmanager bei einem großen Automobilbauer in Stuttgart. "Diese Persönlichkeitsentwicklung ist unbezahlbar und auch später oft nicht mehr nachzuholen." So gebe es in seinem Unternehmen etwa im Auswahlverfahren der kaufmännischen Berufsausbildung Pluspunkte für ehrenamtliches Engagement. "Jugendliche, die sich außerschulisch ehrenamtlich engagieren, unterscheiden sich oft deutlich von solchen, die sich nur der Schule widmen und sonst freizeitorientiert sind."

Wer sich zusammen mit anderen Menschen sozial betätigt, kann Teamfähigkeit und Führungskraft unter Beweis stellen. Und zwar oft besser, als es im persönlichen Gespräch oder im Assessment Center nachzuprüfen ist. Allerdings sollte das Engagement immer zielgerichtet sein. "Wer ein halbes Jahr in Afrika war und dadurch zwei Jahre seines Studiums verplempert hat, der hat etwas falsch gemacht", sagt Latzer. Den besten Eindruck erziele der Bewerber, der zügig studiert und mit sozialem Engagement "noch was drauflegt". Vom sozialen Jahr nach dem Abitur hält Latzer nicht viel. "In Deutschland sind die Ausbildungszeiten schon lang genug. Da sollte man sich nicht noch ein ganzes Jahr ausklinken."

Der ehrenamtliche Fußballtrainer hat auch bei Hans-Christian von Stosch von der Dr. Heimeier & Partner Management- und Personalberatung in Stuttgart gute Karten. Wer eine Mannschaftssportart pflege, habe in jedem Fall schon einmal Teamgeist unter Beweis gestellt. Ansonsten warnt der Berater vor verallgemeinernden Aussagen. Wie soziales Engagement in der Vita bewertet werde, hänge sehr von der zu vergebenden Stelle ab. Wenn etwa eine "knallharte" Führungsposition im Vertrieb zu besetzen sei, könne kirchliches Engagement schon hinderlich sein. "Dem traut man dann vielleicht nicht genügend Ellbogen zu."

Zu viel Engagement generell könne auch ein Nachteil sein. "Bei Vereinsmeiern würde man sich fragen, ob der überhaupt genug Zeit hat, zu arbeiten." Und Engagement in einer politischen Partei? "Höchst gefährlich", warnt der Beratungsprofi. Da vor allem die mittelständische Wirtschaft in der Regel eher konservativ sei, sei die Erwähnung einer Mitgliedschaft in der SPD oder gar bei den Grünen ein regelrechtes Killer-Kriterium.