Frage an den SZ-Jobcoach Kann ich ablehnen, wenn der Chef mich duzen will?

Einmal wöchentlich beantworten die SZ-Jobcoaches Fragen zum Berufsleben.

(Foto: Jessy Asmus)

Freya K. hat einen neuen Vorgesetzten. Der möchte locker kommunizieren, sie fühlt sich damit aber unwohl. Nun bittet sie den Jobcoach um Rat.

SZ-Leserin Freya K. fragt:

Ich bin 58 Jahre und arbeite seit Langem in einem Team mit zehn Personen zwischen 30 und 60 Jahren. Wir sind eine gute Truppe und alle per Du, auch mit unserem unmittelbaren Vorgesetzten. Durch Umstrukturierungen wurden kürzlich mehrere Teams zusammengelegt. Wir sind jetzt etwa 20 Personen und noch eine zusätzliche Führungskraft. Sie duzt viele der neuen Kollegen und hat auch einigen vom alten Team das Du angeboten. Ich möchte zu ihr, die 15 Jahre jünger ist als ich, gerne eine professionelle Distanz wahren und beim Sie bleiben. Kann ich ein mögliches Angebot zum Duzen ablehnen - und wenn ja: Wie? Schließlich will ich sie nicht vor den Kopf stoßen oder meine eigene Stellung schwächen.

Christine Demmer anwortet:

Liebe Frau K., unter jüngeren Menschen ist die Bereitschaft enorm gewachsen, gleichaltrige und jüngere, aber auch ältere und gänzlich fremde Menschen spontan zu duzen. Das liegt an der breiten Nutzung der sozialen Medien, der zunehmenden Internationalisierung des beruflichen Alltags, der Amerikanisierung unserer Umgangsformen und an der Allgegenwart der englischen Sprache, die nur das "you" kennt. Wer freilich oft im angelsächsischen Sprachraum unterwegs ist, kennt die feinen Unterschiede bei der Verwendung des "you" im Freundeskreis und gegenüber einem im Job oder in der Gesellschaft Höhergestellten.

Job

Chef-Typologie: Nach-oben-Gefallene, Choleriker, Intrigante

Der Kontext liefert Anhaltspunkte dafür, ob eher "du" oder eher "Sie" gemeint ist. Je förmlicher die Beziehung zu einem Gesprächspartner ist, desto höflicher und zuvorkommender wird kommuniziert - mit oder ohne die respektvolle Anrede "Sir" oder "Madam".

Das zu wissen ist zwar gut, aber es hilft Ihnen jetzt nicht wirklich aus Ihrer Zwickmühle heraus. Denn in einer solchen stecken Sie. Wenn Sie das Angebot der neuen Führungskraft annehmen, dann handeln Sie damit gegen Ihren Willen. Wenn Sie höflich, aber bestimmt ablehnen, dann befürchten Sie, dass sie sich auf den Schlips getreten fühlt. Beides verheißt nichts Gutes für die künftige Zusammenarbeit.

Wägen Sie darum die Vor- und Nachteile beider Handlungsweisen sorgfältig ab. Was könnte sich in der Zusammenarbeit zwischen Ihnen beiden und im Team zum Guten oder zum Schlechten verändern, wenn Sie sich in der Du-Fraktion einreihen? Was könnte geschehen, wenn Sie das "Du" verweigern? Was macht Sie zufriedener im Job? Denken Sie dabei nicht nur an die möglichen Reaktionen der Führungskraft auf die Ablehnung ihres Angebots, sondern nehmen Sie auch Ihren unmittelbaren Vorgesetzten und Ihre Kollegen in den Blick.

Das Kernteam, zu dem Sie gehören, duzt den alten und den neuen Chef. Vom erweiterten Team duzen einige den alten, aber nicht den neuen Chef, andere den neuen, aber nicht den alten Chef. Was würde einem Außenstehender oder einem hierarchisch Höherstehender dazu einfallen? Sicher nicht: "Die Zusammenführung der Teams hat ja wunderbar geklappt." Eher so etwas wie: "Da scheint es zu knirschen. Muss man mal genauer hinschauen." Was wären die Folgen?

Je nachdem, was Sie als vorteilhafter betrachten, sind Sie dann möglicherweise auch für ihn die Freya. Oder Sie sagen: "Vielen Dank für Ihr nettes Angebot. Aber ich gehe mit dem Du sehr zurückhaltend um. Für mich kommt es erst nach längerer Zusammenarbeit in Betracht. Bitte lassen Sie uns vorerst beim Sie bleiben. Das ist weder gegen Sie gerichtet noch bedeutet das, dass ich nicht gerne uneingeschränkt vertrauensvoll mit Ihnen zusammenarbeiten möchte und werde." Rational kann Ihnen das nicht angekreidet werden. Nur: Wer hört schon auf den Verstand, wenn sein Ego gekränkt ist?

Christine Demmer arbeitet als Wirtschaftsjournalistin und Coach in Deutschland und Schweden.

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