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Jobcoach:Warum gibt der Chef mir keine Vollzeitstelle?

Einmal pro Woche beantworten die SZ-Jobcoaches Fragen zum Berufsleben.

(Foto: Jessy Asmus)

SZ-Leserin Claudia W. hat nach der Elternzeit ihre Stundenzahl reduziert. Jetzt fragt sie den Jobcoach, wie sie wieder in Vollzeit zurückkehren kann.

SZ-Leserin Claudia W. fragt:

Ich bin 53 Jahre alt und arbeite als Sozialpädagogin in einem Klinikum. Nach der Elternzeit hatte ich meine Vollzeitstelle auf 22 Stunden reduziert. Weil viele Überstunden anfielen, konnte ich in den letzten Jahren mehrmals befristet 30 Stunden pro Woche arbeiten. Ich habe meinem Vorgesetzten gesagt, dass ich diese Stunden gerne dauerhaft übernehmen würde. Mir gefiel, dass ich mehr Zeit für die Patienten hatte und viel besser mit dem enormen Arbeitsdruck umgehen konnte. Auch an Gremienarbeit und konzeptionelles Arbeiten war wieder zu denken. Nun wurde eine Teilzeitstelle frei. Doch statt meine Wochenarbeitszeit aufzustocken, hat mein Chef eine neue Teilzeitkraft eingestellt. Als ich ihn zur Rede stellte, sagte er nur, er habe sich die Entscheidung nicht leicht gemacht. Ich bin enttäuscht. Soll ich den Job wechseln?

Christine Demmer anwortet:

Liebe Frau W., machen Sie sich die Entscheidung nicht zu leicht. "Dann wechsele ich eben den Job" sagt sich schneller, als eine neue Stelle gefunden ist. Zumal Ihnen die neue Stelle mindestens so gut gefallen sollte wie die jetzige. In Ihrer langen Betriebszugehörigkeit werden Sie sich Anerkennung für Ihre Arbeit verschafft haben. Vielleicht auch deshalb, weil Sie Ihr Pensum in 22 Wochenstunden schaffen. Was, so könnte es Ihr Chef sehen, von anderen nicht ohne Weiteres erwartet werden kann. Oder was sonst waren die Gründe, die ihn dazu bewogen haben, eine zusätzliche Kraft einzustellen, statt Ihre Arbeitszeit auszuweiten?

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Schnell sein kann sich lohnen: Wie Sie Ihre Arbeitszeit reduzieren und den Anspruch auf die Rückkehr in Vollzeit geltend machen.

Es wird nicht viele Vorgesetzte geben, die eine zusätzliche Planstelle ablehnen. Mit wachsender Führungsspanne steigt nämlich die Bedeutung eines Bereichs und automatisch auch der Leitung. Aber diese Überlegung behält man in der Regel für sich. Wie auch die für Chefs nicht besonders attraktive Vorstellung, eine tüchtige Teilzeitkraft künftig für Vollzeitarbeit bezahlen zu müssen, die zur Hälfte in Tagungsräumen und beim konzeptionellen Arbeiten am Schreibtisch stattfindet.

Was hat er davon, wenn er Sie ausgiebig über die Verbesserung der Arbeit mit den Patienten nachdenken ließe, wenn ihm gleichzeitig die Mittel oder der Wille fehlen, Ihre Ideen in die Tat umzusetzen? Solange Sie nicht wissen, warum er Ihnen die Vollzeitstelle verwehrt, können Sie keine Argumentationsstrategie entwickeln.

Für dieses Mal ist der Fall entschieden, der Sack ist zu. Doch in einem halben Jahr kann das wieder anders aussehen. Mein Vorschlag: Bereiten Sie sich gründlich auf die nächste Chance vor. Fragen Sie Ihren Chef bei passender Gelegenheit freundlich und ohne Groll nach den Gründen der zurückliegenden Entscheidung und prüfen Sie diese auf Plausibilität. Wenn Sie Schwachstellen in seiner Argumentation finden, dann haken Sie nach.

Hinweis

Haben Sie auch eine Frage zu Berufswahl, Bewerbung, Etikette, Führungsstil oder Arbeitsrecht? Dann schreiben Sie ein paar Zeilen an coaching@sueddeutsche.de. Unsere Experten beantworten ausgewählte Fragen. Ihr Brief wird selbstverständlich anonymisiert.

Trifft er zum Beispiel Annahmen über das künftige Arbeitsaufkommen, die Sie für unwahrscheinlich halten, dann setzen Sie Fakten dagegen. Argumentiert er mit der dank der neuen Kraft reibungslos funktionierenden Vertretung, weisen Sie ihn auf die Effizienzverluste hin, die mit jeder Übergabe verbunden sind. Deutet er auf die zusätzlichen Kompetenzen hin, die mit der Kollegin ins Haus gekommen sind, dann kontern Sie mit Ihrer Erfahrung und grenzenlosen Lernbereitschaft, die Sie bei einer längeren Arbeitszeit nur zu gern unter Beweis stellen würden.

Auf das Brückenteilzeitgesetz, das im Januar in Kraft getreten ist, können Sie sich leider nicht berufen. Es soll künftig verhindern, dass Berufstätige nach der Elternzeit in die sogenannte Teilzeitfalle tappen. Doch das Recht, wieder in ihren Vollzeitjob zurückzukehren, räumt es ihnen nur unter bestimmten Bedingungen ein. Daher: Lassen Sie nicht locker - auch wenn Sie spüren, dass Ihr Chef genervt ist. Denn Sie glauben doch nicht, dass er sich das ein zweites Mal antun will?

Christine Demmer arbeitet als Wirtschaftsjournalistin und Coach in Deutschland und Schweden.

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