bedeckt München 28°

Jobcenter in Berlin:Ein Platz für kleine Erfolgserlebnisse

Arbeitssuche im Problembezirk: Wie überlastete "Fallbetreuer" versuchen, Hartz-IV-Empfängern eine Stelle zu vermitteln. Zu Besuch in einem großen Berliner Jobcenter.

Wer das Jobcenter Friedrichshain-Kreuzberg betritt, stößt als Erstes auf einen Wachmann in dunkelblauer Uniform. Sicher ist sicher, es könnte ja mal einer der Besucher die Nerven verlieren. Trotzdem wird hier keiner, so wie dies in manchen Ämtern vorübergehend der Fall war, nach Waffen abgetastet.

Die Sicherheitsleute am Eingang grüßen freundlich, fragen, was die Kunden - so heißen Hartz-IV-Empfänger in der Amtssprache wirklich - wollten und lassen solche mit einem Gesprächstermin mit dem Aufzug nach oben fahren. Unten reihen sich diejenigen ohne Termin in die Schlange ein, die sich an diesem Montagmorgen in der Anmeldung gebildet hat. Die Schlange windet sich in Serpentinen von der Eingangstür bis zu einer Reihe mit Schaltern. Leuchtet an einem der sieben Pulte eine grüne Lampe auf, darf der Nächste zur Sachbearbeiterin vortreten, wie im Reisezentrum der Bahn, nur muss niemand eine Nummer ziehen.

Bis zu 1000 Menschen kommen pro Tag in das drittgrößte Berliner Jobcenter. Die Zeiten, in denen die Berliner Lokalpresse nach der Einführung der Hartz-Reformen von der "Schlange der Schande" berichtete, sind aber längst vorbei. Keiner muss mehr auf der Straße warten. Es gibt ein "Kundensteuerungssystem", so nennt es der Chef des Amtes, Stephan Felisiak. "Hier wird niemand nach Hause geschickt", sagt er.

Berlin-Friedrichshain ist das, was Soziologen als Problembezirk bezeichnen. Die Arbeitslosenquote ist mit 16,6 Prozent mehr als doppelt so hoch wie in ganz Deutschland. Jeder Fünfte zwischen 15 und 20 Jahren ist auf Jobsuche, das ist selbst für Berliner Verhältnisse übermäßig viel. Von den etwa 270.000 Einwohnern im Bezirk leben mehr als 60.000 Erwachsene und Kinder von der staatlichen Grundsicherung (Hartz IV). Gut ein Drittel ist länger als ein Jahr arbeitslos. Mehr als die Hälfte der Arbeitslosen hat keine Berufsausbildung. Bei den ausländischen Erwerbslosen, die etwa ein Drittel ausmachen, sind es sogar 80 Prozent. In der Schlange vor den Meldeschaltern sprechen viele kein Deutsch. Einige Eltern haben ihre Kinder mitgebracht, um einen Übersetzer zu haben.

Im achten Stock sitzt Jobcenter-Leiter Felisiak im Besprechungsraum und denkt über seine Kunden nach. Ein drahtiger Mann von 49 Jahren, weißes Hemd, schwarzer Anzug, ohne Krawatte, seit mehr als sechs Jahren der Chef hier. Er sagt, "dass die Hartz-Reformen Bewegung ins System gebracht haben". Trotzdem sind die Erfolgsquoten eher bescheiden: In diesem Jahr soll Felisiak es schaffen, dass 21,3 Prozent aller Hilfsbedürftigen in Friedrichshain-Kreuzberg einen Job aufnehmen, sich selbständig machen oder eine Ausbildung beginnen. Für die Kontroller in der Bundesagentur für Arbeit in Nürnberg ist das die "Integrationsquote". Die Chancen sind dafür 2011 besonders gut, weil die Wirtschaft besser als erwartet läuft. Felisiak weiß aber auch: "Diejenigen, die innerhalb kürzester Zeit keine Arbeit finden, sind immer schwieriger unterzubringen."