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Job:Youtuber als Beruf: Hallo, ihr Lieben

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Youtuber LeFloid interviewte 2015 Kanzlerin Angela Merkel.

(Foto: Steffen Kugler/AFP)

Computertricks, Schminktipps oder einfach nur Blödsinn: Auf der Videoplattform Youtube plaudern Selbstdarsteller über ihren Alltag. Manche können davon leben.

Von Johannes Lohmaier und Fabian Schäfer

Nele Struckhof sitzt vor einer Fotowand. Pferde, ihr Schäferhund, Familienbilder. Sie blickt direkt in die Handykamera und sagt: "Hallo, meine Hübschen da draußen." Die 16-jährige Hamburgerin spricht über Streitereien mit ihren Eltern. Zu spät nach Hause kommen, schlechte Noten, Zimmer aufräumen - Themen, die Teenager bewegen. Nur dass Nele nicht ihren Freunden davon erzählt, sondern ihren 369 Abonnenten. Denn Nele ist Youtuberin. Auf ihrem Kanal veröffentlicht sie alle drei bis fünf Tage ein neues Video. Sie testet Pokémon-Go, gibt Basteltipps oder erzählt "die peinlichste Geschichte" ihres Lebens.

Nele Struckhof steht noch ganz am Anfang ihrer Youtube-Karriere, die sie vor einem Jahr gestartet hat. Andere Creator, wie sich die Videomacher selbst nennen, haben Millionen Zuschauer. Sie werden wie Popstars verehrt. Viele junge Youtuber wollen genau das. Doch der Weg zum Internetstar ist mühsam. Den wenigsten gelingt es, von Youtube zu leben.

Geschafft hat es Bianca Heinicke vom Schmink-Kanal "Bibis Beauty Palace". 3,7 Millionen Abonnenten verfolgen ihre Videos mit Make-up-Tipps. Inzwischen verkauft die 23-Jährige einen eigenen Badeschaum. Mindestens genauso gut vermarkten sich die Zwillingsbrüder Heiko und Roman Lochmann alias "Die Lochis": 2011 starteten die heute 17-Jährigen ihren Kanal. Im vergangenen Winter lief ihr Film "Bruder vor Luder" in den Kinos, gerade ist ihr zweites Album mit eigenen Songs erschienen.

Das Musik- und Comedy-Duo gilt als deutsches Aushängeschild des Millionen-Business Youtube. Die Videoplattform ist ihr Arbeitsplatz, ihr Geld verdienen sie einerseits mit Werbung in den Videos. 1000 Klicks sollen 35 Dollar bringen, heißt es. Hinzu kommen Einnahmen aus Produktplatzierungen und Fanartikeln. Wie viel Geld dabei zusammenkommt, darüber schweigen die Youtube-Stars. Doch fest steht: Aus dem Hobby ist für die Videomacher ein Beruf geworden.

Einer, der das auch schaffen will, ist Pachuco. Der 27-jährige Münchner stellt sich mit dem Namen seines Kanals vor. Dabei heißt er eigentlich Marlon Brugger Hernandez. Pachuco spricht schnell und kokettiert mit anzüglichen Sprüchen über Frauen. Er sagt, was er denkt - auch wenn das nicht immer bei allen gut ankommt. Authentizität sei ihm wichtig. "Was mich am meisten am Fernsehen nervt, ist, dass es nicht ehrlich ist", sagt er. Deshalb will er sein Geld als Youtuber verdienen, sein eigener Chef sein. Der größte Wunsch: Einmal um die Welt reisen und davon auf Youtube erzählen.

Pachucos Kanal hat erst 1133 Abonnenten. Um richtig erfolgreich zu werden, hat er sein ganzes Leben auf die Karriere ausgerichtet. Ständig ist er in den sozialen Netzwerken aktiv. Während des Gesprächs schickt er Videogrüße an seine Fans auf Instagram. Vor dem Schlafengehen chattet er auf Snapchat mit der "Pachucommunity", wie er seine Fans nennt. "Ich würde nicht so viel posten, wenn ich nicht wüsste, dass es mir etwas bringt."

Job-Experten sehen in Youtube ein "zukunftsträchtiges Berufsfeld"

Dass sich Youtuber zum Traumjob entwickelt, hat auch die Bundesagentur für Arbeit erreicht. Zwar fragten Schüler danach nicht in der Berufsberatung, doch sehen die Job-Experten in der Videoplattform durchaus ein "zukunftsträchtiges Berufsfeld", wie Jürgen Wursthorn von der Regionaldirektion Bayern bestätigt. "Deshalb klären wir auf Veranstaltungen auch über Internetberufe auf."

Auch bei der Kölner Internetwoche geht es am kommenden Mittwoch um das Thema "Berufswunsch Youtuber - Welche Jobs entstehen in der neuen Medienwelt?". Experten diskutieren über die Frage, wie eine Ausbildung im Bereich Youtube aussehen könnte und was sie vom herkömmlichen Berufsbild Mediengestalter Bild und Ton unterscheidet.

Die Mutter von Nachwuchs-Videomacherin Nele Struckhof könnte sich vorstellen, dass ihre Tochter hauptberuflich als Youtuberin arbeitet. Stefanie Struckhof unterstützte Neles Hobby von Anfang an. "Auch wenn ich mir natürlich einiges erklären lassen musste", sagt die 52-Jährige. Sie hat sich vor allem um die Privatsphäre ihrer Tochter gesorgt. Die genaue Adresse etwa soll in den Videos nicht auftauchen. "Das ist eben so Muttis Sicherheitsaspekt", sagt die Tochter.

Längst nicht alle Eltern bringen so viel Verständnis für die Youtube-Begeisterung ihrer Kinder auf. Dabei gaben bei der JIM-Studie, einer jährlichen Untersuchung über das Medienverhalten von Jugendlichen, zuletzt mehr als 60 Prozent der 12- bis 19-Jährigen an, dass sie im Internet am liebsten Youtube nutzen. Das ist Platz eins - noch vor Facebook und Whatsapp. "Statt ehrliches Interesse zu zeigen, tun viele Eltern alles auf Youtube als Schwachsinn ab", sagt die Pädagogin Sabrina Werner vom Münchner Café Netzwerk, einem Jugendzentrum, das auch Treffen für Youtuber organisiert.

30 bis 50 junge Videomacher kommen dort monatlich zu Stammtischen und Workshops zusammen. Die meisten von ihnen sehen Youtube als Hobby und schätzen die Chance, damit berühmt zu werden, realistisch ein. Ohnehin rät Werner allen, sich neben Youtube ein zweites Standbein aufzubauen. Denn jeder müsse sich bewusst sein, dass der Youtube-Ruhm vergänglich sei. "Es gibt dort nichts, was es nicht schon gibt. Um beruflich erfolgreich zu sein, muss man aus der Masse herausstechen."

Momentan steht die Youtube-Karriere für Nele Struckhof nicht im Vordergrund. Sie macht in zwei Jahren Abitur und bald ein Praktikum bei einem Bundestagsabgeordneten. Doch schon jetzt ist sie Teil der Youtube-Maschinerie. Damit ihr Kanal populärer wird, lädt sie regelmäßig neue Videos hoch. Die Filme zu planen, zu drehen und zu schneiden kostet viel Zeit. "Manchmal würde ich lieber entspannen und mir einen schönen Nachmittag machen", sagt sie. Doch dann geht die Youtube-Karriere eben doch vor.

© SZ vom 22.10.2016/mkoh
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