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Erfolg im Job:Die erfolgreichsten Menschen sind nicht immer die klügsten

Group of business people discussing in meeting model released Symbolfoto property released PUBLICATI

Teambesprechung: Anderen Anweisungen geben zu dürfen, ist eine Folge von harter Arbeit und Optimismus, sagt die Headhunterin Claudia Ohainski. Aber Glück könne die Karriere beschleunigen.

(Foto: Zeljko Dangubic/imago)

Wer talentiert ist, kann aus eigener Kraft viel erreichen. Manchmal aber hilft auch der Zufall nach. Und der lässt sich provozieren.

Von Larissa Holzki

Der Mensch neigt zur Selbstüberschätzung. Die schlechte Prüfungsleistung? Pech mit der Aufgabenstellung. Die Beförderung zum Abteilungsleiter? Leistung setzt sich durch. Wenn es hakt in der Karriere, ist das Schicksal. Wenn es vorangeht, bestätigt es die Kompetenz. Zur Wahrheit gehört aber auch, dass Personalverantwortliche Gemeinsamkeiten mögen: den Bewerber von der eigenen Uni, die Kandidatin aus der Heimatstadt. Bewerber mit deutschem Namen sind ohnehin im Vorteil. Und manchmal reichen Menschen einfach zur richtigen Zeit ihren Lebenslauf ein oder lernen ihren Chef im Zugabteil kennen.

Setzt sich Talent am Ende trotzdem durch? Die Physiker Alessandro Pluchino und Andrea Rapisarda und der Ökonom Alessio Biondo von der Universität Catania in Sizilien wollten das genauer wissen. In einer Simulation haben sie eine fiktive Gesellschaft nachgebildet: Ein paar Personen machten sie superschlau und kompetent, viele durchschnittlich talentiert, wenige dumm. Zu Beginn brachte in dem Modell jeder die gleiche Leistung, die in Einkommen gemessen wurde.

Modellversuch: Durchschnittlich Begabte mit viel Glück sind am erfolgreichsten

Aber dann streuten die Wissenschaftler alle sechs Monate zufällig Glück und Pech aus: Ein Autounfall etwa reduzierte die Leistung um die Hälfte, eine innovative Idee konnten die Personen je nach Fähigkeiten unterschiedlich gut in Erfolg umsetzen. Nach 40 fiktiven Jahren zeigte sich: Wer talentiert ist, wird mit größerer Wahrscheinlichkeit erfolgreich sein. Die Erfolgreichsten sind aber meist durchschnittlich schlau und haben besonders viel Glück.

Ein Modell kann die Wirklichkeit nie vollkommen erfassen. Ein Ergebnis des Versuchs aber ist: Der Einfluss von Glück auf die Karriere ist nicht zu unterschätzen. Ein gewisses Maß an Talent braucht es jedoch auch.

Dominic Multerer ist so ein Beispiel. Eigentlich war er bloß Praktikant. Sein Arbeitgeber: ein Start-up mit zwei Mitarbeitern. Doch einem Wirtschaftsjournalisten imponierte, wie der 16-Jährige mit Hauptschulabschluss für einen Coffein-Kaugummi warb. Über das Porträt des Jugendlichen schrieb der Autor im Handelsblatt: "Deutschlands vermutlich jüngster Marketingchef". Eine Überschrift wie ein Titel. Sie machte ihn interessant für Unternehmer. Zuerst lud ihn ein großer Mineralölkonzern zu einem Vortrag ein. Es war der Durchbruch zu einer Karriere als Redner, Berater, Autor, Interimsmanager.

"Niemandem wird etwas geschenkt", sagt Claudia Ohainski. Als Headhunterin sucht sie Kandidaten für Spitzenpositionen und glaubt nur bedingt an Glück: "Ein Quäntchen Glück kann immer dafür sorgen, dass es ein bisschen schneller geht. Aber grundsätzlich ist Karriere immer eine Folge von vorgelagerten Aktivitäten, von Fleiß, harter Arbeit und einem gewissen Optimismus", sagt sie.

Soll heißen: Dominic Multerer muss seinen Zuhörern etwas geboten haben. Der Vertrauensvorschuss war gerechtfertigt. Heute, mit 27 Jahren, wird er von einer Redneragentur gemanagt. Er hat vier Unternehmen gegründet, mehrere Bücher geschrieben über Markenbildung und praktisches Management, gibt einen Kursus an einer Hochschule.

Und wie groß ist die Chance, dass einen das Glück trifft? Einer wie Jens Braak könnte das berechnen. Als Physiker hat er sich mit dynamischen Systemen befasst, die unvorhersehbar erscheinen. Inzwischen arbeitet er als Karrierecoach. "Der Zufall ist immer Teil des Spiels", sagt er. Eine Chance auf glückliche Zufälle lässt sich nicht quantifizieren. Für Braak ist das aber auch nicht entscheidend. Er glaubt, dass man das Glück einladen kann, wenn man sich des Zufallsfaktors bewusst ist.

"Ein bisschen klappern gehört dazu"

Karriere kann Aufstieg bedeuten oder Veränderung. Viele Beschäftigte sind mit ihrem Job ganz zufrieden, bis sie sehen, welche Alternativen sie hätten. "In der Karriere ist es doch oft so, dass ich bei irgendeiner Feier irgendjemanden kennenlerne, der mir dann irgendwann einen Job vermittelt", sagt Braak. "Oder er erzählt mir von einem Studiengang, von dem ich nie gehört hatte, und das verändert dann mein ganzes Leben." Je mehr Menschen einer kennenlernt, desto mehr solcher Chancen eröffnen sich, ist seine Schlussfolgerung.

Das Phänomen ist in der Soziologie lange erforscht und als die Stärke schwacher Beziehungen bekannt. Angehörige, Freunde und Kollegen, die im engen Kontakt miteinander stehen, kennen häufig dieselben Menschen, treffen sich auf Veranstaltungen, hören von den gleichen Stellenausschreibungen. Sie haben sich also nicht viel Neues zu berichten. Ungleich höher ist die Chance, dass ein flüchtiger Bekannter eine Stelle vermitteln kann - auch wenn dann gerne von Zufall die Rede ist.

Die Karriere planen und dem Zufall eine Chance geben, ist die Devise von Karrierecoach Jens Braak: "Denken Sie an eine Vortragsveranstaltung im beruflichen Umfeld: Da können Sie sich anschließend mit einem Bekannten in die Ecke stellen und über die anderen reden", gibt der Coach ein Beispiel. "Oder aber Sie sagen sich: Hier sind 100 interessante Leute, ich möchte 30 von ihnen 'Hallo' gesagt haben."

Das Netzwerk ist entscheidend

Auch von Headhuntern wie Claudia Ohainski entdeckt zu werden, ist eine Netzwerkfrage. Sie arbeitet über Empfehlungen, hört sich um, lässt sich weitervermitteln. "Es nützt nichts, der Schlauste, der Beste zu sein, wenn kein Mensch das weiß", sagt sie. Aus ihrer Sicht ist es kein Glück, weiterempfohlen zu werden. "Diejenigen schaffen es ganz nach oben, die über die besten Beziehungen, das beste Netzwerk verfügen. Ein bisschen klappern gehört dazu, um den Markt auf sich aufmerksam zu machen", sagt sie.

Klappern kann Dominic Multerer gut. Er nervt Journalisten so lange, bis sie seine Nummer unterdrücken oder über ihn schreiben. "Bevor ich meine erste Vorlesung bekam, habe ich zig Hochschulen angesprochen: Ich bin 18, was halten Sie davon, wenn ich bei Ihnen Vorlesungen halte - nicht theoretische Vorlesungen, sondern praktische? Drei fanden das interessant, bei einer habe ich es gemacht", sagt Multerer. "Das ist im Prinzip ein Schneeballeffekt: Wenn du Dinge anschiebst, passiert etwas, und daraus ergeben sich wieder andere Dinge. Wenn man nichts anschiebt, passiert nichts."

Mit Menschen, die er nicht überzeugen konnte, mit Projekten, die schiefgingen, hat er sich nie aufgehalten. Wenn Erfolg Zufall ist, gehört Scheitern dazu. Was aus ihm geworden wäre, wenn es damals den Artikel nicht gegeben hätte? "Das war ein Türöffner, aber ich bin mir sicher, dass ich die Türe auch anders aufgemacht hätte."

© SZ vom 02.01.2019/lho
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