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Rückkehr in den Job:Wieso eine Firma bevorzugt ehemalige Krebskranke einstellt

Frau im Kampf gegen den Krebs Chemotherapie

Jeder Zweite erkrankt im Laufe seines Lebens an Krebs. Die meisten wollen nach der Genesung wieder arbeiten. Aber das ist oft schwer.

(Foto: E+/Getty Images)

Zurück in den Job nach einer Krebserkrankung? Für viele Chefs ein Risiko, das sie nicht eingehen wollen. Der Österreicher Michael Feilmayr denkt anders.

Die Firma des Österreichers Michael Feilmayr bietet Assistenzdienste an - zum Beispiel Schreibarbeiten, Recherchen, Reiseplanung. Das Besondere: Bei My-PA in Gmunden arbeiten beinahe ausschließlich ehemalige Krebspatienten.

SZ: Viele Krebsüberlebende finden schwer auf den Arbeitsmarkt zurück. Gerade kleinere Unternehmen tun sich schwer, Langzeiterkrankte wieder einzugliedern. Bei Ihnen dagegen ist eine Krebsdiagnose Einstellungsvoraussetzung. Warum?

Michael Feilmayr: Zum einen will ich diese Menschen einbinden. Zum anderen passen sie auch gut zu uns: Wir nehmen unseren Kunden Arbeiten ab, damit sie Zeit für andere Dinge haben. Krebsüberlebende haben einen besonderen Zugang zum Thema Zeit. Sie setzen Prioritäten. Ihnen geht es darum, Spaß zu haben, bewusster zu leben. Sie erkennen, welche Dinge wichtig sind und welche nicht. Außerdem sind sie extrem motiviert. Sie wollen dabei sein!

Das wissen Sie aus eigener Erfahrung.

Ja. 2008 habe ich eine vierfache Krebsdiagnose erhalten, darunter Knochen- und Muskelkrebs. Ich bekam Chemotherapien, wurde bestrahlt, operiert. 2010 war ich dann austherapiert und arbeitslos.

Sie waren vorher Vertriebsleiter in der Finanzbranche.

Genau. Und davor in der Gastrobranche. Ich habe viele Bewerbungen geschrieben, mit vielen Unternehmen gesprochen. Aber wie Sie schon sagten, ehemalige Krebspatienten haben es oft schwer auf dem Arbeitsmarkt.

Warum?

Es ist den Firmen wohl zu risikoreich: Bekommt der einen Rückfall? Fällt er wegen irgendwelcher Folgeerkrankungen aus?

Das heißt, Sie sind offen mit Ihrer Krebserkrankung umgegangen.

Ja, ich habe sie auch in meinen Bewerbungsschreiben erwähnt. Ich bin davon ausgegangen, dass es als Zeichen von Stärke gewertet wird, wenn jemand so eine Krebsdiagnose überlebt. Das ist ja eigentlich positiv. Aber das Gegenteil war der Fall. Ehrlichkeit ist nicht immer gut.

Michael Feilmayr weiß, wovon er spricht: Er hatte selbst Krebs, seit 2010 ist seine Behandlung abgeschlossen.

(Foto: privat)

Sie hingegen scheuen das Risiko bei Ihren Mitarbeitern nicht?

Nein. Wir sind zwar auch klein, mal zu dritt, mal zu viert. Aber wir arbeiten projektbezogen. Ich stelle meine Mitarbeiter für die Dauer der Projekte ein.

Die Jobs bei Ihnen sind also immer befristet?

Ja. Wir sehen uns als eine Art Übergangsstation für die erste Zeit nach der Therapie, wenn man noch nicht so leistungsstark ist. Man bringt zwar Leistung, aber nicht jeden Tag gleich. Bei uns können die Überlebenden in Teilzeit arbeiten und ihren Arbeitstag den individuellen Bedürfnissen anpassen. Klar: Wir haben auch Deadlines für die Projekte, zum Beispiel drei Monate, aber in dieser Zeit teilen sie sich ihre Arbeit frei ein.

Und wo finden Sie Ihre Mitarbeiter? Sie schreiben ja nicht in Ihre Stellenangebote, dass Sie Krebspatienten suchen.

Nein. Wir suchen und finden unsere Mitarbeiter über unser Netzwerk. Das ist sehr groß. Vor vier Jahren haben wir ja einen Verein gegründet, "Cancer Survivors", der Überlebende unterstützt. Mal geht es einfach nur darum, zu reden, mal benötigt jemand auch finanzielle Unterstützung: zum Beispiel für eine neue Garderobe. Gemeinsam mit den Unternehmen vor Ort helfen wir dann.

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